Antikörper aus der Retorte

Einblick

19.09.2013 Seit Antikörper auch außerhalb von Mensch oder Tier hergestellt werden können, sind sie zu einem wertvollen Instrument gegen verschiedene schwere Erkrankungen geworden.

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Bild: molekuul.be – fotolia

Antikörper gelten als die Spürhunde des menschlichen Immunsystems, weil jeder von ihnen sich nur an ein ganz bestimmtes anderes Molekül heftet – ein Oberflächenprotein eines Virus beispielsweise, oder das Gift eines Diphtheriebakteriums. Durch die Bindung machen die Antikörper ihr Zielmolekül unschädlich und bereiten seinen Abbau vor. So tragen Antikörper zum Schutz des menschlichen Körpers bei.

Vor rund einhundert Jahren von den Wissenschaftlern Paul Ehrlich und Ilja Metschnikow entdeckt und in Form von „Antiseren“ gegen Wundstarrkrampf, Schlangengift und anderem schon lange auch als Medikament verwendet, stehen Antikörper heute mehr denn je im Blickfeld der Arzneimittelforschung: Denn besondere Antikörperpräparate haben in den letzten Jahren die Therapie von Brustkrebs und anderen Krebserkrankungen, rheumatoider Arthritis, Morbus Crohn und anderen schweren Erkrankungen wirksamer gemacht. Diese modernen Antikörper-Medikamente werden allerdings nicht – wie Antiseren – aus dem Blut gewonnen, sondern basieren auf gentechnischer Produktion in Zellkulturen.

Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft
Anders als in Seren, die Antikörpergemische enthalten, sind in jedem neuen Präparat auch immer nur untereinander völlig gleiche Antikörper enthalten, die auch alle auf das gleiche Zielmolekül gerichtet sind. Zielmolekül ist in einem Falle beispielsweise ein Oberflächenmolekül von Brustkrebszellen, das sie besonders „teilungswütig“ und damit gefährlich macht. Solche untereinander gleichen Antikörper heißen monoklonale Antikörper.

Dass man sie herstellen kann, ist dem deutschen Wissenschaftler Georges Köhler und dem Argentinier Cear Milstein zu verdanken, die für ihr unorthodoxes Produktionsverfahren 1975 den Nobelpreis erhielten. Ihr Verfahren funktionierte allerdings nur mit Mäusezellen und führte zu Antikörpern, die zumeist nur bei Mäusen ohne gravierende Nebenwirkungen eingesetzt werden konnten. Erst die moderne Gentechnik konnte das überwinden und machte einige Jahre danach die monoklonalen Antikörper für die Humanmedizin breiter nutzbar.

Heute gibt es mehr als zehn verschiedene zugelassene Medikamente auf der Basis von monoklonalen Antikörpern. Viele weitere sind in fortgeschrittenen Stadien der Entwicklung. Und das Therapieprinzip, Moleküle im Krankheitsgeschehen durch Antikörper gezielt außer Gefecht zu setzen, ist sicherlich noch für Jahre und Jahrzehnte nicht ausgeschöpft.

 

Heftausgabe: September 2013
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Über den Autor

Birgit Lind
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