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Ernst & Young veröffentlicht Deutschen Biotechnologie-Report 2013

19.04.2013 „Deutsche Biotech-Branche muss umdenken“, schreibt die Unternehmensberatung Ernst & Young, Stuttgart, als Überschrift zu ihrem Deutschen Biotechnologie-Report 2013. Die Branche habe kaum Erfolge bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe, hohe Verluste und anhaltende Probleme bei der Kapitalbeschaffung.

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Die „deutsche Biotechnologie-Branche muss umdenken“, schreibt die Unternehmensberatung Ernst & Young in ihrem Deutschen Biotechnologie-Report 2013 (Bild: Ernst & Young) )

Sie solle daher ihre einseitige Fokussierung auf die Medikamentenentwicklung aufgeben und sich vielmehr als Ideenlieferant, Innovationsmotor und Kooperationspartner für Pharma-Konzerne begreifen. Eine Neuausrichtung des Geschäftsmodells könne auch finanziell lukrativ sein, wie einige Allianzen von Biotech-Unternehmen mit Pharma- und Chemiekonzernen im vergangenen Jahr bewiesen hätten.

Fokussierung auf die Medikamentenentwicklung – eine Sackgasse?
Die zunehmende Komplexität der Medikamentenentwicklung – hohe Entwicklungsrisiken, lange Dauer und extreme Kostensteigerungen – stellt Biotech-Unternehmen in diesem Bereich immer mehr vor nahezu unlösbare Probleme. Die Situation wird durch die anhaltende Finanzierungsschwäche der Branche zusätzlich erschwert. Das erklärt die nach wie vor rar gesäten Fortschritte bei neuen Therapeutika: keine Marktzulassungen im Jahr 2012 und deutliche Einbußen von 14 auf 9 Wirkstoffe in der marktnahen Phase III der klinischen Entwicklung. Einzelerfolge dagegen sind vielfach nur durch die finanzkräftige Unterstützung seitens einiger weniger Privatinvestoren möglich.

In der Folge nahmen die Verluste der Branche – getrieben vor allem durch börsennotierte Therapeutikaentwickler – weiter zu: von 419 auf 490 Mio. Euro. Ebenso standen für Forschung und Entwicklung (F&E) mit nur noch 727 Mio. Euro um 7 % rückläufige Ausgaben zu Buche. Dass trotzdem die Anzahl der Unternehmen (403) und die Gesamtzahl der Mitarbeiter (10.000) annähernd konstant blieben und die Umsätze sogar geringfügig um 4 % auf 1,128 Mrd. Euro anstiegen, ist bereits einem Umdenkprozess zu verdanken, der die Unternehmen zunehmend weg von der Medikamentenentwicklung und hin zu Dienstleistungsmodellen im Umfeld des Therapeutikasektors geführt hat.

Biotech-Unternehmen sollten sich vor diesem Hintergrund noch intensiver auf ihre eigentlichen Stärken als Technologieentwickler konzentrieren und sich als Ideenlieferant und Innovationsmotor begreifen. Als Kooperationspartner für Pharma- und Diagnostikkonzerne sowie für eine Vielzahl anderer Branchen können sie erfolgreicher operieren. Diese Neuausrichtung auf innovative Technologieplattformen kann auch finanziell lukrativ sein, wie aktuelle Allianzen von Biotech-Unternehmen mit Pharma-, Diagnostik- oder Chemiekonzernen im vergangenen Jahr bewiesen haben. Zu diesen Ergebnissen kommt der 13. deutsche Biotechnologie-Report der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young.

Neupositionierung nötig
Insgesamt ist die Zahl der Wirkstoffe in der Medikamentenentwicklung bei den deutschen Biotech-Unternehmen von 304 auf 294 gesunken. In der aus Wertschöpfungssicht wichtigen klinischen Prüfung – also in den Phasen I bis III – befinden sich derzeit mit 128 Wirkstoffen deutlich weniger Projekte als im Vorjahr (145). In der Zulassungsphase ist – wie schon im Vorjahr – kein einziger Wirkstoff.

Siegfried Bialojan, Leiter des Life-Science-Industriezentrums bei Ernst & Young und Autor der Studie, betont aber: „Die deutsche Biotech-Branche ist nach wie vor innovativ und forschungsstark; die immer teurere und riskantere Entwicklung eines Wirkstoffs bis zur Marktreife übersteigt allerdings die Kapazitäten und finanziellen Möglichkeiten der meisten, vorwiegend kleinen Unternehmen. Ausbleibende Erfolge haben deshalb bereits zu einer insgesamt negativen Bewertung des Biotech-Sektors geführt. Die Branche sollte sich daher mehr auf ihre eigentlichen Stärken besinnen und sich als Ideenschmiede und strategischer Zulieferer von Innovationen – in Form neuer Technologieplattformen oder daraus generierter Produktkandidaten – positionieren.“

„Die eigentlichen Stärken der deutschen Biotech-Branche liegen in der Erforschung, Etablierung und Bereitstellung von Technologien“, betont Bialojan weiter. „Für innovative Technologien besteht großer Bedarf bei Industriepartnern, die entsprechende Finanzkraft haben – etwa große Pharma-, Diagnostik- und Chemieunternehmen -, aber auch in anderen Branchen“. Bialojan empfiehlt daher, die Leistungsfähigkeit der Branche weniger an der Zahl der Wirkstoffentwicklungen als vielmehr an erfolgreichen und lukrativen Allianzen mit Partnern zu messen.

Dass Biotech-Unternehmen auch als Technologielieferanten erfolgreich am Markt agieren können, beweisen einige richtungsweisende Allianzen, die deutsche Biotech-Unternehmen in den vergangenen Jahren abschließen konnten. Das Gesamtvolumen der publizierten Allianzen deutscher Biotech-Unternehmen mit Partnerunternehmen lag 2012 bei 1,6 Mrd. Euro und damit fast auf dem sehr hohen Niveau des Vorjahres (1,8 Mrd. Euro). „Allianzen zwischen Biotech und Pharma werden zu einem Lebenselixier für die Biotech-Branche“, stellt Bialojan fest.

Allianzen – ein Ausweg aus der Finanzierungsfalle?
Eine Neuorientierung der Biotech-Branche in Richtung „Innovationspartner“ erscheint vor allem auch angesichts der anhaltend schwierigen Finanzierungssituation geboten. Zwar hat sich gemessen am Investitionsvolumen publizierter Finanzierungsrunden die Kapitalausstattung der deutschen Biotech-Branche im Jahr 2012 von dem Einbruch des Vorjahres scheinbar erholt – im Jahr 2012 flossen 287 Mio. Euro in die Branche, 2011 waren es nur 131 Mio. Euro gewesen -, von den hohen Mittelzuflüssen der Jahre vor der Wirtschaftskrise ist die Branche aber noch weit entfernt. So hatten Geldgeber 2006 und 2007 noch 550 beziehungsweise 450 Mio. Euro in deutsche Biotech-Unternehmen investiert. Zudem kommen die Finanzmittel zumeist nur einigen wenigen Unternehmen zugute.

Seit 2010 kristallisieren sich im Bereich der privaten Unternehmen erneut vermögende Privatinvestoren und deren Family Offices als Hauptfinanziers der deutschen Biotech-Branche heraus, während traditionelle Venture-Capital-Unternehmen kaum noch in Erscheinung treten: 2012 standen Family Offices hinter insgesamt 182 Millionen (88 %) der insgesamt 207 Mio. Euro an neuem Beteiligungskapital in private deutsche Biotech-Unternehmen. „Mithilfe erfolgreicher Allianzen mit Firmen aus der Pharma- oder Chemie-Branche könnten viele Biotech-Unternehmen ihre chronischen Finanzierungsprobleme besser lösen“, stellt Bialojan fest.

Auch europaweit floss 2012 auf den ersten Blick mehr Kapital in die Branche als im Vorjahr: Nachdem im Jahr 2011 noch 2,1 Mrd. Euro in europäische Biotech-Unternehmen investiert wurden, erhielten die Unternehmen 2012 insgesamt 3,2 Mrd. Euro – ein Anstieg um 52 %. Allerdings besteht auch hier nach wie vor ein großer Abstand zu den Niveaus vor der Finanzkrise, und der Kapitalzuwachs beruht ausschließlich auf Fremdkapitalfinanzierungen weniger großer Biotech-Unternehmen. Europaweit fanden nur drei Börsengänge von Biotech-Unternehmen statt, ein deutliches Zeichen für das anhaltende Kapitalmarktdesinteresse am Biotech-Sektor in ganz Europa.

Biotechnologie-Report auf Roadshow
Ernst & Young wird die Inhalte seiner Studie mit dem Titel „Umdenken … weiter denken, breiter denken“ auf mehreren Veranstaltungen präsentieren. Unter anderem sind Roadshow-Termine in Stuttgart (Bioregio Stern, 7. Mai), im Technologiepark Heidelberg (8. Mai), bei der Bio City Leipzig (16. Mai), in Hamburg (Ernst & Young Hamburg, 22. Mai) und in Düsseldorf (Ernst & Young Köln, 28. Mai) geplant.

Weblink zum Thema
Der deutsche Biotechnologie-Report 2013 von Ernst & Young umfasst 140 Seiten und kostenfrei von der Homepage des Unternehmens herunter geladen werden oder direkt hier.

(dw)

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