Paradigmenwechsel vollzogen

Exportnation Schweiz setzt auf Spezialisierung

21.06.2010 Die Schweiz steht für Schokolade, Käse, Uhren und - natürlich - das schweizer Nummernkonto. Eine weitere Assoziation mit der Schweiz: Berge; sei es nun, ob man sich diesen für gewöhnlich aufwärtswandernd oder auf Skiern abwärtsbrausend nähert. Die Schweiz ist aber mehr als Tourismus, Genussmittel und Finanzwesen: Chemie- und Pharma- sowie Maschinen- und Elektroindustrie sind die wesentlichen Träger des Schweizer Bruttoinlandsprodukts und auch im Export sind sie außergewöhnlich leistungsfähig.

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Die Managementberatung Celerant Consulting hatte 2008 konstatiert, die Chemie- und Pharmabranche stehe vor einem Paradigmenwechsel. Grund dafür ist vor allem der steigende (Kosten-)Druck auf die Unternehmen wegen auslaufender Patente und der zunehmenden Generikakonkurrenz. Manifestiert hat sich der globale Paradigmenwechsel in einigen spektakulären Übernahmen, mit denen vor allem Konzerne versuchen, ihre Marktposition zu halten oder zu verbessern, man denke an Pfizer und Wyeth oder Teva und Ratiopharm im Pharmasegment oder BASF und Ciba in der Chemie. Begegnete die Chemieindustrie dem Wettbewerbsdruck bereits in guten Zeiten mit der Konzentration auf Kernbereiche, so hat diese Konzentration mit der Spezialisierung auf höherwertige Produkte nun noch deutlich zugenommen. Betrachtet man die schweizerische chemisch-pharmazeutische Industrie im Detail, so sticht diese Spezialisierung ins Auge, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Life Science-Produkten. Dazu gehören vor allem Pharmazeutika, Vitamine, Feinchemikalien, Diagnostika und Pflanzenschutzmittel.

Schwerpunkt Export

Die Schweiz ist essenziell vom Außenhandel abhängig, denn lediglich 5 % der Produktion werden im Inland abgesetzt. Die schweizerische chemisch-pharmazeutische Industrie ist eine ausgeprägt international ausgerichtete Branche: Mit einem Anteil von 4 % am Weltexport chemisch-pharmazeutischer Produkte ist die Alpenrepublik laut Industrieverband SGCI Chemie Pharma Schweiz sogar die neuntgrößte Exportnation der Welt. Der größte Teil der Exporte wird in die EU-Länder geliefert, die fast 60 % der Gesamtexporte abnehmen. Der wichtigste Handelspartner für schweizerische Hersteller sind Unternehmen aus Deutschland; rund 21 % der produzierten Waren gingen ins Nachbarland. Danach folgen mit deutlichem Abstand die USA, Frankreich und Italien.
Der Anteil der chemisch-pharmazeutischen Industrie am gesamtschweizerischen Export hat seit den 80iger Jahren kontinuierlich zugenommen. 2009 belief er sich auf mehr als ein Drittel und konnte damit sogar die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM) übertreffen, die rund 34 % beisteuerte. Die pharmazeutische Sparte hat ihren Anteil an den Gesamtexporten der chemisch-pharmazeutischen Industrie seit 1980 von 40 auf 81 % mehr als verdoppelt. Allerdings müssen zuvor fast alle Ausgangsstoffe importiert werden.
Mit rund 330.000 Beschäftigten ist die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie 2010 die größte industrielle Arbeitgeberin der Schweiz; der schweizerische Maschinenbau nimmt weltweit Rang elf der Maschinenexporte ein. Am stärksten sind schweizerische Hersteller in den Segmenten Papierverarbeitung und Verpackungsmaschinen vertreten. Im Bereich der Vakuumtechnik und Kompressoren positionieren sie sich auf Rang zehn.
Als Folge der Turbulenzen auf den Finanzmärkten musste die Branche 2008 und 2009 einen deutlichen Auftragsrückgang hinnehmen. Auch für die MEM-Industrie ist Deutschland mit 27,3 Prozent wichtigster Handelspartner, gefolgt von den USA und Frankreich. Branchenübergreifend beträgt das Handelsvolumen mit Deutschland rund 63 Mrd. Schweizer Franken, gefolgt von Italien, Frankreich und den USA (Quelle: Schweizerische Eidgenossenschaft, Staatssekretariat für Wirtschaft).
Insgesamt hat die schweizerische Wirtschaft bislang die globale Finanz- und Wirtschaftskrise besser überstanden als die meisten anderen OECD-Länder. Die schweizerische Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie hat den konjunkturellen Tiefpunkt des letzten Jahres überwunden, das Auftragsniveau verharrt trotz zweistelliger Zuwachsrate (+22,6%) immer noch auf bescheidenem Niveau. Die anziehende Nachfrage lässt zwar eine Zunahme der Exporte im Laufe des Jahres erwarten. Die Kapazitätsauslastung bleibt mit 76,6% jedoch noch deutlich unter dem langjährigen Mittel von 86,1%. Zu schaffen macht der MEM-Industrie insbesondere der Zerfall des Euros. Für 2010 rechnen die Unternehmen der Industrie mehrheitlich mit einer weiteren Erholung der Märkte, wobei sich die Hoffnungen neben China, Hongkong und dem indischen Subkontinent vor allem auf Deutschland, Frankreich und die NAFTA-Staaten richten (Quelle: Swissmem).

Heftausgabe: Juni 2010
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Über den Autor

Carla Scherhag
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