Neue Schlüsselkompetenz

Gelassenheit und Zuversicht im Berufsalltag

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23.03.2012 „Alles wird mir zuviel. Ich schaffe das nicht mehr.“ Dieses Gefühl plagt immer mehr Berufstätige. Weniger aufgrund der Arbeitsmenge, sondern weil ihr Job sie zunehmend mit Herausforderungen konfrontiert, für deren Lösung sie noch keine Routinen entwickelt haben. Eine entsprechend große mentale Kraftanstrengung kostet es, sie zu meistern. Hierauf muss das betriebliche Gesundheitswesen reagieren.

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Entscheider-Facts Für Anwender

  • Zahlreiche Mitarbeiter sind aufgrund wachsender Aufgaben im Berufsleben überfordert - und das liegt nicht am mangelnden Zeitmamangement.
  • Was viele Mitarbeiter heute brauchen, ist eine aktive Unterstützung beim Lösen neuer Aufgaben und Herausforderungen.
  • Viele Unternehmen haben das erkannt und bieten neben klassischen Zeit- und Selbstmanagement- auch Stressmanagementseminare an.
  • Ebenfalls im Weiterbildungsprogramm stehen Seminare, die darauf abzielen, die Resilienz, also Widerstandskraft der Mitarbeiter, zu stärken.
  • Mittelfristig rechnen sich diese Ausgaben für das Unterehmen, und zwar nicht nur aus krankheitsbedingten Fehltagen.

Besuchen Sie ein Zeitmanagementseminar.“ Diesen Tipp erhielten Mitarbeiter in den vergangenen zwei Jahrzehnten oft von Führungskräften, wenn sie klagten: „Mir wird alles zu viel; ich schaffe es nicht mehr.“ Das taten denn auch Heerscharen von Mitarbeitern, und Zeit- und Selbstmanagementseminare entwickelten sich zu einem Standardangebot im Weiterbildungsprogramm der Unternehmen. Dort lernten die Mitarbeiter, sich Ziele zu setzen, „wichtige“ von „dringlichen“ Aufgaben zu unterscheiden und in ihrem Arbeitsalltag Prioritäten zu setzen – „was bei vielen Mitarbeitern auch tatsächlich zu einer Entlastung führte“, wie Julia Voss berichtet.

Kein Zufall ist jedoch für die Geschäftsführerin des Hamburger Trainingsunternehmens Voss+Partner, dass der Boom der Zeitmanagement-Seminare just begann, als vor circa 20 Jahren viele Unternehmen die Arbeitsabläufe in ihrer Organisation neu strukturierten – auch als Folge der rasanten Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik. Erledigte zuvor vereinfacht formuliert jeder Mitarbeiter schlicht die in seiner Stellenbeschreibung definierten Aufgaben, so war nun plötzlich Team- und Projektarbeit angesagt. Und die Kollegen – auch in den anderen Bereichen? Sie sollten fortan als firmeninterne „Kunden“ gesehen werden gegenüber deren Wünschen man sich nicht mehr mit einer Bemerkung wie „Ich habe keine Zeit“ oder „Das gehört nicht zu meinem Job“ oder „Halten Sie den Dienstweg ein“ verschließen kann.

Dadurch erhöhte sich nicht nur die Arbeitsbelastung. „Für viele Mitarbeiter war es auch eine erhebliche mentale Umstellung, sich auf diese neue Arbeitsform einzustellen“, erklärt Rainer Flake, Geschäftsführer der WSFB-Beratergruppe Wiesbaden.

Neue Medien haben die Arbeitswelt stark verändert

Blickt man heute auf die damalige Situation in den Betrieben zurück, dann denkt sich manch leicht ergrauter Arbeitnehmer: Was war das damals für eine schöne, geruhsame Zeit. Zwar standen in den meisten Büros bereits PC. Doch das Internet? Das kannten nur einige Wissenschaftler. Und Emails versenden? Der Siegeszug der elektronischen Post begann erst 1993 allmählich. Und Handys oder genauer gesagt Mobiltelefone? Die hatten damals außer den „Big Bossen“ bestenfalls einige Außendienstmitarbeiter. Und heute? Heute sind diese Medien ganz selbstverständlich in den Arbeitsalltag der meisten Berufstätigen integriert.

„Im Alltagstrubel ist uns oft nicht bewusst“, betont Hubert Hölzl aus Lindau, „wie stark diese Medien in sehr kurzer Zeit – in nicht mal zwei Jahrzehnten – neben unserem Arbeitsleben auch unser Verhalten drastsich verändert haben“. Der Führungskräftetrainer nennt hierfür ein Beispiel: „Früher standen in den Pausen meiner Seminare, die Teilnehmer bei einem Kaffee zusammen und schwatzten miteinander. Und heute checken sie oft noch im Seminarraum, welche Mails, Anrufe und SMS sie erhalten haben und verziehen sich dann in eine stille Ecke, um entweder zurückzurufen oder diese zu beantworten.“

„Ich muss stets und überall erreichbar sein – und wenn nicht, dann muss ich wenigstens so schnell wie möglich reagieren.“ Dies hat sich nicht nur zu einem Lebensgefühl vieler Menschen entwickelt. In vielen Jobs sehen sich Berufstätige tatsächlich mit dieser Erwartung konfrontiert – sei es seitens ihrer Kollegen, Chefs oder Kunden. Der auf den technischen Vertrieb spezialisierte Trainer und Berater Walter Kaltenbach, Böbingen, nennt ein Beispiel: „Wenn früher ein Kunde ein Angebot einholte, war er froh, wenn er es zwei, drei Tage später auf dem Tisch hatte. Und wenn‘s länger dauerte? Dann hatte der Verkäufer die Ausrede parat: Das liegt an der Post. Heute hingegen rufen Kunden oft schon ein, zwei Stunden, nachdem sie ihre Anfrage per Mail versandt haben an und klagen: Warum reagiert ihr nicht? Ihr habt aber einen schlechten Service“ – ein Grund, warum Kaltenbach seit diesem Jahr ein Seminar anbietet, in dem Verkäufer lernen zu Kundenanliegen auch mal nein zu sagen.

Problem: permanent auf „Ruf-Bereitschaft“

Doch nicht nur wegen der permanenten „Ruf-Bereitschaft“ fällt es immer mehr Menschen schwer, mal abzuschalten. Hinzu kommt: Sie stehen tatsächlich in immer kürzeren Zeitabständen vor neuen Herausforderungen – nicht nur am Arbeitsplatz. Denn Fakt ist, so Hölzl: „Die Unternehmen müssen heute in immer kürzeren Zeitabständen nicht nur ihre Strategien, sondern auch ihre Art, Aufgaben zu lösen, überdenken. Für ihre Mitarbeiter bedeutet dies: An sie werden häufiger neue Anforderungen gestellt. Und sie müssen häufiger gewohnte Denk- und Verhaltensmuster aufgeben.

Das führt bei vielen Mitarbeitern zu einem Gefühl der Überforderung – zumal wenn sie auch privat gefordert sind. Ein Zeichen hierfür ist die wachsende Zahl der Männer und Frauen, die über psychische Probleme oder gar Erkrankungen klagen; des Weiteren die permanent steigende Zahl von Burn-out-Fällen. Laut AOK-Statistik wurden im vergangenen Jahr rund 100.000 Menschen mit Burn-out-Symptomen behandelt.

Die Organisationsberaterin und Therapeutin Angela Kissel vom Beratungsunternehmen Kissel Consulting, Urbar, ist überzeugt: Die meisten Burn-out-Erkrankungen resultieren nicht daraus, dass die Betroffenen vor einem Berg von Herausforderungen stehen, der mengenmäßig nicht mehr zu bewältigen wäre. Sie resultieren vielmehr daraus, dass sie vor Herausforderungen stehen, für deren Lösung sie entweder noch keine Strategien besitzen oder noch keine Routine entwickelt haben – „weshalb es sie auch eine sehr große mentale Kraftanstrengung kostet, diese zu meistern“.

Zeitmanagement stößt an seine Grenzen

Die Folge davon: Die Betroffenen schieben einen Berg unbewältigter Aufgaben vor sich her. Und permanent plagt sie nicht nur ein schlechtes Gewissen, sondern sie können sich auch immer schlechter konzentrieren, weil sie, egal was sie tun, zugleich denken „Eigentlich müsste ich …?“

Für den Führungskräftetrainer Joachim Simon, Braunschweig, zeigt dies: Mit dem klassischen Zeit- und Selbstmanagement ist es heute nicht mehr getan. „Dieses wird zwar auch künftig ein sehr hilfreiches und nützliches Instrument sein, um Routineaufgaben zu lösen. Was viele Mitarbeiter heute jedoch brauchen, ist eine aktive Unterstützung beim Lösen neuer Aufgaben und Herausforderungen.“ Und so sein Credo: „Sie müssen sozusagen die Grundzuversicht entwickeln: Irgendwie schaffe ich das schon – alleine oder mit selbstorganisierter Unterstützung. Schließlich habe ich in meinem Leben schon viele, zunächst scheinbar unlösbare Herausforderungen gelöst.“ Sonst, so seine These, geraten sie in unserer modernen Lebens- und Arbeitswelt immer wieder in Situationen, in denen sie sich nicht nur überfordert fühlen, sondern dies auch faktisch sind.

Breit gefächertes Bündel an Maßnahmen ist nötig

Das haben inzwischen zahlreiche Unternehmen erkannt. So zum Beispiel die Bausparkasse Schwäbisch Hall. Entsprechend breit gefächert ist ihr Work-Life-Balance-Angebot. So können ihre Mitarbeiter zum Beispiel neben den klassischen Zeit- und Selbstmanagement- auch Stressmanagementseminare besuchen und in ihrer Mittagspause an Entspannungstrainings teilnehmen. Und wer will, kann sich sogar zu Massagen anmelden. Dahinter steckt laut Bernadette Imkamp, verantwortlich für das Gesundheitsmananagement bei Schwäbisch Hall, die Erkenntnis: „Als Finanzdienstleister haben wir andere gesundheitsbelastende Faktoren als ein Produktionsunternehmen. Also müssen wir unseren Mitarbeitern auch andere Präventionsangebote unterbreiten.“

Ebenfalls im Weiterbildungsprogramm stehen Seminare, die darauf abzielen, die Resilienz, also Widerstandskraft der Mitarbeiter zu stärken. Und wer aus beruflichen und/oder privaten Gründen, das Gefühl hat „Alles wird mir zu viel – wenn ich nicht aufpasse, steuere ich auf einen Burn-out zu“? Der kann sich auch mit einem Coach treffen, um mit ihm Präventions- und Lösungsstrategien zu erarbeiten. Außerdem schult Schwäbisch Hall seine Führungskräfte darin, psychische Überlastungssituationen bei Mitarbeitern rechtzeitig zu erkennen.

Ein Burn-out wird schnell sehr teuer

Dies alles tut Schwäbisch Hall nicht nur aus altruistischen Motiven, sondern durchaus auch etwa aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen, betont Bernadette Imkamp. „Denn mittelfristig rechnen sich diese Ausgaben fürs Unternehmen – nicht nur aufgrund der geringeren Zahl von krankheitsbedingten Fehltagen.“ Dass diese Annahme nicht unbegründet ist, macht Michael Treixler, Geschäftsführer des Präventionsspezialisten Skolamed in Königwinter, deutlich: „Wenn ein Mitarbeiter wegen eines Burn-out ausfällt, können Unternehmen davon ausgehen, dass er ein halbes Jahr fehlt. Und völlig unklar ist in dieser Zeit: Kommt er danach zurück und wenn ja, wie stark ist er anschließend belastbar?“

Angenommen nun, der Mitarbeiter ist ein Bereichsleiter. Dann entstehen dem Unternehmen durch den Burn-out schnell unmittelbare Kosten in Höhe von 80.000 Euro. Und rechnet man, so Treixler, die sogenannten Chaoskosten hinzu, die dadurch entstehen, dass aufgrund der Abwesenheit des Bereichsleiters gewisse Vorhaben nicht, mit Zeitverzögerung oder mit fehlender Sorgfalt umgesetzt werden, „dann landet man ganz schnell bei einem Betrag von mehreren 100.000 Euro“. Das zeigt, wie wichtig es für Unternehmen ist, präventiv aktiv zu werden.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der aufgrund des demografischen Wandels und des sich abzeichnenden Mangels an Fach- und Führungskräften an Bedeutung gewinnt. Immer mehr gerade hoch qualifizierte Mitarbeiter beurteilen potenzielle Arbeitgeber auch danach: Inwieweit ermöglicht er es mir, ein Leben in Balance zu führen? Entsprechende Förderprogramme und Unterstützungsangebote sind also auch ein Instrument im Kampf um hochqualifizierte Arbeitskräfte.

 

Heftausgabe: März 2012
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Über den Autor

Berhard Kuntz, freier Fachjournalist
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