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GMP in Pharma, Food und Kosmetik

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17.04.2013 Verschieden und doch ähnlich? Die Produkte der Pharma-, Lebensmittel- und Kosmetikindustrie mögen noch so unterschiedlich sein, die Branchen haben dennoch zahlreiche Gemeinsamkeiten. Die sogenannte ‚Gute Herstellungspraxis‘ - GMP - spielt in allen drei Herstellungsbereichen eine zentrale Rolle. Der Beitrag gibt einen Überblick über GMP und die wesentlichen Vorgaben der Bereiche Pharma, Lebensmittel und Kosmetik, bei denen vor allem Hygieneaspekte eine zentrale Rolle spielen.

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Entscheider-Facts Für Betreiber

  • Die Produkte der Pharma-, Lebensmittel- und Kosmetikindustrie haben zahlreiche Gemeinsamkeiten. Die sogenannte Gute Herstellungspraxis - GMP - spielt in allen drei Herstellungsbereichen eine zentrale Rolle.
  • Alle drei Bereiche werden aufgrund der prinzipiell hohen Ansprüche beim Verbraucherschutz aber auch aufgrund der regelmäßig vorkommenden Skandale immer mehr reglementiert.
  • Leider gibt es nicht ein spezielles GMP-Regelwerk für alle Anwendungsfälle, hierzu ist die Welt der Produkte und Anwendungen zu komplex; es existieren vielmehr verschiedenste Vorgaben.

Ähnliche Anforderungen
Alle drei Bereiche werden aufgrund der prinzipiell hohen Ansprüche beim Verbraucherschutz aber auch aufgrund der regelmäßig vorkommenden Skandale immer mehr reglementiert, Verstöße gegen vorhandene Regelungen immer stärker geahndet. Viele Anforderungen sind in ihren Grundzügen zunächst ähnlich; es werden unter anderem Themen behandelt wie Rückverfolgbarkeit, Kennzeichnung, geprüfte Qualität oder qualifiziertes Personal. Auch Produktionstechnologien sind teilweise vergleichbar – zum Beispiel Hygiene-Design, Reinräume, CIP-Anlagen etc.

GMP im Überblick
Der Begriff GMP wird nun seit rund 50 Jahren verwendet und steht für Good Manufacturing Practice. Übersetzt bedeutet dies ‚Gute Herstellungspraxis‘ oder besser ‚Anerkannte Regeln der Guten Herstellungspraxis‘. Unter GMP versteht man ein umfassendes Qualitätssicherungssystem, das bei der Herstellung bestimmter Produkte beachtet werden muss, um größtmöglichen Verbraucherschutz zu erzielen. Ursprünglich wurden GMP-Regeln zunächst für Arzneimittel geschaffen, da – im Falle minderer Qualität – von diesen Produkten große Gefahren für Mensch oder Tier ausgehen. GMP-Regeln wurden nach und nach in weitere Industrie- und Produktionszweige überführt, letztendlich in all diejenigen Bereiche, in denen Produkte an Mensch oder Tier angewandt werden.

Leider gibt es nicht ein spezielles GMP-Regelwerk für alle Anwendungsfälle, hierzu ist die Welt der Produkte und Anwendungen zu komplex; es existieren vielmehr verschiedenste Vorgaben. Welche dieser Vorgaben konkret anzuwenden sind, welche davon gesetzlich verbindlich sind und welche den Stand von Wissenschaft und Technik präsentieren, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Ein erster Aspekt ist die Frage, welche Produkte hergestellt werden, beispielsweise Arzneimittel, Wirkstoffe Lebensmittel, Futtermittel, Kosmetika oder Medizinprodukte. Ein weiterer wichtiger Aspekt: Wo werden die Produkte hergestellt oder verkauft – etwa nur in Deutschland, in Europa, den USA oder in Asien? Werden Produkte beispielsweise in die USA importiert, müssen die US-amerikanischen Vorgaben eingehalten werden, unabhängig davon, welche Regelungen im Herstellerland gelten. Darüber hinaus spielt es eine Rolle, wie Produkte hergestellt werden, zum Beispiel auf chemischem oder biotechnologischem Wege, in steriler oder nicht steriler Weise oder wie Produkte verabreicht werden, etwa oral, parenteral oder topisch. Unabhängig von den zuvor genannten Faktoren und branchenunabhängig, verfolgen GMP-Regeln stets dieselben drei Kernziele:

  • Vermeiden jeglicher Art von Kontaminationen,
  • reproduzierbare Produktqualität und
  • Rückverfolgbarkeit.

Gleichgültig, welche Anforderungen im Detail an die Produkte oder deren Herstellung gestellt werden – diese lassen sich immer wieder auf eines dieser drei Kernziele zurückführen.

Pharma: GMP-Vorreiter ist die FDA
Die Herstellung von Arzneimitteln wird in Deutschland im Arzneimittelgesetz (AMG) verbindlich geregelt. Mittlerweile ist die 16. Novelle in Kraft. Die weitergehende Umsetzung des AMG findet sich in der rechtsverbindlichen Arzneimittel- und Wirkstoffherstellungsverordnung (AMWHV) wieder, seit September 2006 in Kraft. Seither sind auch die bis dato nicht rechtsverbindlich geregelten Wirkstoffe integriert und damit eindeutig gesetzlich geregelt. Auf europäischer Ebene leitet sich aus der Richtlinie 91/356/EWG der sogenannte EG-GMP-Leitfaden ab, die GMP-Grundlagen der EU. Der EG-GMP-Teilfaden ist unterteilt in einen Teil 1 für Arzneimittel, einen Teil 2 für Wirkstoffe und einen Teil 3 mit ergänzenden Dokumenten. Weitergehende Leitlinien in Form von Anhängen (Annexes) zum EG-GMP-Leitfaden regeln verschiedene Detailthemen. Bewegt man sich außerhalb des Wirtschaftsraumes der EU, regelt ein zwischenstaatliches Abkommen der ehemaligen EFTA-Staaten, die PIC/S (Pharmaceutical Inspection Convention Scheme) das Thema GMP. Der PIC/S-GMP-Leitfaden ist mit wenigen Ausnahmen wortgleich mit dem europäischen Pendant.

Vorreiter für die meisten GMP-Regeln pharmazeutischer Produkte war und ist jedoch die FDA, die US-amerikanische Food and Drug Administration. In den USA gilt zunächst der ‚Food, Drug and Cosmetic Act‘ als gesetzliche Grundlage. Die GMP-Regeln für pharmazeutische Produkte sind im ‚Code of Federal Regulations 21 CFR Part 210/211‘ aufgeführt. Darüber hinaus veröffentlicht die FDA weitergehende Interpretationen im GMP-Umfeld, in der Regel entweder als Industrieempfehlung (Guidance for Industry) oder als Leitfaden für die Inspektoren (Guide to Inspection). Die FDA ist in der Kommunikation recht vorbildlich. So sind auf den Internetseiten der FDA jede Menge weiterer interessanter und hilfreicher Informationen zu finden, wie etwa Warning Letters, Manuals oder Präsentation von FDA-Inspektoren.

Weltweite Vorgaben zu GMP werden durch die World Health Organization (WHO) vorgenommen. Die Grundregeln sind in den sogenannten ‚Technical Report Series‘ zu finden. Durch die International Conference on Harmonization (ICH) wird eine mittlerweile weltweite Harmonisierung der GMP-Regeln angestrebt. Im Bereich Pharmazeutischer Wirkstoffe ist dies mit dem ICH Q7 bereits weitestgehend gelungen.

Lebensmittel: Zentrale Neuerungen im EG-Paket
In den letzten Jahren gab es im Lebensmittelbereich verschiedene Neuerungen, die einige bereits seit langem gültige und längst überholte Vorgaben ablösten oder um bislang fehlende Aspekte ergänzten. So ging beispielsweise im September 2005 das neue Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch (LFGB) in geltendes Recht über und löste das bereits rund 30 Jahre alte Lebensmittelbedarfsgegenständegesetz (LMBG) ab. Diese wesentliche Änderung stellt die nationale Umsetzung Europäischer Vorgaben (EG-Basisverordnung 178/2002) dar. Im Sog der EG-Basisverordnung existieren auf europäischer Ebene noch weitere Verordnungen, im Wesentlichen das sogenannte Lebensmittelhygienepaket mit den Verordnungen zur EG 852/2004, 853/2004 und 854/2004. Diese Verordnungen sind seit dem 1. Januar 2006 unmittelbar anzuwendendes Recht in allen Mitgliedsstaaten und lösen damit in der BRD langjährige Vorschriften ab. Die zentralen Neuerungen aus dem neuen EG-Paket sind:

  • Zusammenlegung Lebensmittel und Futtermittel,
  • Einführung zentrale Lebensmittelüberwachung,
  • Verschärfung der Anforderungen an Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit und
  • erhöhte Anforderungen an die Primärproduktion (Ausgangs- und Hilfsstoffe).

Das konsequente Fortführen dieser Neuerungen findet sich in der BRD in weiteren Regularien wieder, unter anderem in der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift (AVV) Lebensmittelhygiene (in Kraft seit September 2007), der Verordnung zur Durchführung von Vorschriften des gemeinschaftlichen Lebensmittelhygienerechts (Durchführungsverordnung, in Kraft seit August 2007) sowie der Lebensmittelhygieneverordnung (LMHV, in Kraft seit August 2007).

In den USA wird das Thema Lebensmittel auf der gleichen gesetzlichen Grundlage wie Arzneimittel geregelt, dem ‚Food ,Drug and Cosmetic Act‘. Die Interpretationen des Gesetzes für Lebensmittel sind in Analogie zu Arzneimitteln im ‚Code of Federal Regulations‘ (CFR) zu finden. Während in Deutschland oder Europa im Zusammenhang mit Lebensmitteln nicht von GMP gesprochen wird, befindet sich der GMP-Bezug im 21 CFR 110 bereits im Titel (Current Good Manufacturing Practice …for Human Food).

Zentraler Bestandteil beim Umgang und bei der Herstellung von Lebensmitteln ist die Einführung und Umsetzung eines HACCP-Systems (Hazard Analysis Critical Control Point). Hierunter versteht man ein Kontrollsystem, das die Identifizierung, Bewertung und Beherrschung von Gefahren für die Lebensmittelqualität zum Ziel hat. HACCP ist eine zentrale Forderung der Lebensmittelregulierung, sowohl auf Bundesebene als auch in Europa und USA. Das HACCP-System geht zurück auf einen weltweiten im Jahre 1960 gemeinsam durch die WHO und die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) herausgegebenen Lebensmittelstandard, den sogenannten Codex Alimentarius. Ausgangspunkt für ein HACCP-System ist ein entsprechendes Herstellungs-, Anlagen- und Hygienekonzept. Anhand dieses Konzeptes erfolgt eine systematische Gefahrenanalyse mit dem Ziel, sogenannte Kritische Kontrollpunkte (CCPs) zu ermitteln, bei denen eine Gefahr für den Verbraucher bzw. die Produktsicherheit vorliegt. Für diese CCPs wird ein Risikomanagementsystem aufgebaut.

Kosmetik: Verbraucherschutz weiter gestärkt
Bereits seit der 6. EU Änderungsrichtlinie für kosmetische Mittel müssen kosmetische Produkte und deren Wirkstoffe nach Kosmetik-GMP-Regeln hergestellt werden. Seit 2009 (in Kraft seit Januar 2010) existiert die EG-Kosmetikverordnung 1223/2009. Hier wurde – entsprechend dem Trend bei Arznei- und Lebensmitteln – der Verbraucherschutz weiter gestärkt. Die ergänzenden Regelungen betreffen im Wesentlichen:

  • Marktüberwachung und Registrierung,
  • Zusammensetzung und Kennzeichnungsangaben,
  • Sicherheitsbewertung sowie
  • Einschränkung für bestimmte Stoffe.

Die Umsetzung der Europäischen Vorgaben in nationales Recht erfolgt über die Kosmetikverordnung.

Rechtsverbindliche GMP-Regeln, vergleichbar den Regeln bei Arzneimitteln, existieren nicht in vergleichbarer Form für Kosmetika. Am nächsten kommen in Deutschland in diesem Zusammenhang die Kosmetik-GMP-Regeln des IKW (Industrieverband Körperpflege und Waschmittel e.V.). Diese waren Vorreiter für die mittlerweile etablierte Norm DIN EN ISO 22716 Kosmetik – Gute Herstellungspraxis (GMP) – Leitfaden zur guten Herstellungspraxis aus 2007.

In den USA gilt auch für Kosmetika die gleiche gesetzliche Grundlage wie für Arzneimittel und Lebensmittel, der ‚Food, Drug, and Cosmetic Act‘. In den USA muss im Zusammenhang mit kosmetischen Produkten beachtet werden, dass Wirkstoffe, die dazu dienen, Krankheiten zu behandeln und zu verhindern, im Sinne einer FDA grundsätzlich als pharmazeutisches Produkt gelten und damit auch unter die Regelung pharmazeutischer Produkte fallen. Im Zusammenhang mit kosmetischen Produkten betrifft dies beispielsweise die wirksamen Bestandteile in Sonnenschutzcremes oder Wirkstoffe in Zahnpasten.

GMP: Branchenübergreifende Anforderungen
Auch wenn in den drei Bereichen Pharma, Lebensmittel und Kosmetik teilweise recht unterschiedliche Institutionen existieren und damit auch unterschiedliche Regeln gelten, so gibt es doch verschiedene ähnliche, ja sogar identische Forderungen, die es gilt umzusetzen. Dies sind zum Beispiel:

  • Rückverfolgbarkeit,
  • eindeutige Produktkennzeichnung,
  • Qualitätsanforderungen an die Produkte, an Ausgangs-, Zusatz- und Hilfsstoffe,
  • qualifiziertes Personal (Ausbildung und Schulung),
  • geeignete Produktionsanlagen und Räume sowie
  • Festlegen, Umsetzen und Einhalten von Hygiene­anforderungen.

Aufgrund der vergleichbaren Forderungen, existieren auch zahlreiche Technologien, die in allen drei Produktbereichen gleichermaßen Anwendung finden. Ob dies nun geschlossene Apparate- oder Maschinenformen, vorwiegend in hochwertiger Edelstahlausführung, betrifft oder aber gut reinigbare Anlagen, die in Hygienic Design ausgeführt werden oder gar Reinraumausführungen in Bereichen mit offenem Produkthandling – es gibt zahlreiche Parallelen und Überschneidungen. Am Beispiel des Themas Hygiene kann dieser Zusammenhang recht gut erläutert werden. Betrachtet man sich beispielsweise die Definitionen zum Thema Hygiene aus zentralen Regelwerken der drei Bereiche Pharma, Lebensmittel und Kosmetik, sind grundsätzliche Parallelen erkennbar.

Auch die folgenden Grundzüge einer – nennen wir sie mal ‚Guten Hygienepraxis‘ – müssen konsequent in allen kritischen Bereichen der Pharma-, Lebensmittel- und Kosmetikproduktionen gleichermaßen betrachtet werden. Dazu gehören

  • nicht essen, trinken, rauchen im Produktionsbereich,
  • direkten Produktkontakt vermeiden,
  • persönliche Hygiene einhalten (Händewaschen),
  • Vermeiden persönlicher Gegenstände (Schmuck oder Ähnliches),
  • keine Krankheitserreger in das Produkt,
  • regelmäßige Reinigung der Produktionsbereiche,
  • Schutz gegen Ungeziefer.

Trotz der teilweise doch sehr unterschiedlichen Produkte Arzneimittel, Lebensmittel und Kosmetika, haben alle drei Bereiche eines gemeinsam, den Grundgedanken von GMP, nämlich den größtmöglichen Verbraucherschutz.

Für die Bereiche Arzneimittel, Lebensmittel und Kosmetika existiert keine einheitliche GMP-Leitlinie.
Für Arzneimittelhersteller gilt:

  • In Deutschland ist die Herstellung von Arzneimitteln und Wirkstoffen im Arzneimittelgesetz (AMG) verbindlich geregelt.
  • Die weitergehende Umsetzung findet sich in der rechtsverbindlichen Arzneimittel- und Wirkstoffherstellungsverordnung (AMWHV) wieder.
  • Auf europäischer Ebene gilt der EG-GMP-Leitfaden: Teil 1 für Arzneimittel und Teil 2 für Wirkstoffe.

Für Lebensmittelhersteller gilt:

  • Lebensmittelhygiene-Paket der EG sind (nationales Recht seit 1. Januar 2006): Zusammenlegung Lebensmittel und Futtermittel, zentrale Lebensmittelüberwachung, Verschärfung der Anforderungen an Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit, erhöhte Anforderungen an die Primärproduktion (Ausgangs- und Hilfsstoffe);
  • national umgesetzt über das LFGB.

Für Kosmetik-Hersteller gilt:

  • EG-Kosmetikverordnung 1223/2009 mit Regelungen zu Marktüberwachung und Registrierung, Zusammensetzung und Kennzeichnungsangaben, Sicherheitsbewertung, Einschränkung für bestimmte Stoffe;
  • als nicht rechtsverbindliche GMP-Leitlinie existiert die DIN EN ISO 22716 Kosmetik GMP.

Weitere Informationen über GMP finden Sie hier.

Homepage des Autors

GMP in Pharma, Food und Kosmetik 1302pf610

GMP in Pharma, Food und Kosmetik 1303pf900

Heftausgabe: April 2013
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Peter Bappert, Senior Consultant / Prokurist Gempex

Über den Autor

Peter Bappert, Senior Consultant / Prokurist Gempex
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