Life-Science-Branche mischt die Karten neu

Hintergründe zur Übernahmewelle

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15.09.2014 Gefühlt blieb kein Stein auf dem anderen: 2014 ist, zumindest was die Pharma- und Foodbranche angeht, ein vor allem von Aufkäufen geprägtes Jahr. Pharma-Unternehmen beziehungsweise -Unternehmensanteile im Wert von 260 Mrd. USD wechselten alleine im ersten Halbjahr den Besitzer; ein Ende war zu Redaktionsschluss noch nicht in Sicht.

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Entscheider-Facts für Betreiber und Manager

  • Geht es um Übernahmen in der Pharmabranche, ist 2014 ein Rekordjahr. Bereits in der ersten Jahreshälfte wechselten Unternehmen(steile) im Wert von 260 Mrd. Euro den Besitzer.
  • Gründe gibt es viele: Zum einen wollen viele US-Unternehmen ihre Auslandsgewinne dort lieber auch wieder investieren, als sie in der Heimat zu versteuern. Gleichzeitig stellen viele Hersteller gerade ihr Portfolio um, weshalb sie massiv zu- und verkaufen.
  • Letzteres gilt auch für Personalhealth- und Healthcarekonzerne.

Ein Teil der Hersteller will sein Produktportfolio verschlanken, andere das Ihrige erweitern. Auffallend sind aber vor allem die teils grotesk hoch anmutenden Summen, die die Pharmakonzerne aktuell zu zahlen bereit sind; zweistellige Milliardenbeträge waren in diesem Jahr keine Seltenheit. Stellt man die bisherigen Auf- und Verkäufe gegenüber fällt vor allem eines auf: Ein allgemeingültiger strategischer roter Faden ist nicht zu erkennen.

Strategische Übernahmen
Gründe für die aktuelle Investitions- und Devestitionswelle gab es mannigfaltig: Da wären zum einen die großen US-Konzerne wie Pfizer. Deren im Ausland erwirtschafteten Gewinne türmen sich derzeit in geradezu schwindelerregende Höhe. Ursache hierfür ist die Finanzkrise, die die Unternehmen nur sehr zögerlich Investitionen vornehmen ließ. Die Krise kaum überwunden, standen die Konzerne vor dem nächsten Problem: Die herrschenden Niedrigzinsen lassen den Wert das gehorteten Kapitals inflationsbedingt langsam aber sicher schrumpfen; in den Heimathafen USA transferieren können sie das Ersparte aber ebenfalls nicht. Eigentlich: wollen sie nicht. Denn derzeit erheben die Vereinigten Staaten auf rückgeführte Auslandseinkünfte eine Steuer von 35 Prozent – was die Unternehmen natürlich nicht ohne Not zu zahlen bereit sind.

So entwickelten die Konzernstrategen das Steuersparmodell „Übernahme“, das bei der US-amerikanischen Regierung für regen Unmut sorgt. Präsident Obama prägte bereits den Begriff des „corporate deserters“ und lässt seine Partei derzeit Schritte prüfen, die diese Praxis künftig unterbinden sollen. Vor diesem Hintergrund steht auch der Übernahmeversuch des Pfizer-Konzerns: Dieser wollte nahezu 100 Mrd. USD Kapital anlegen, und zwar für das britische Unternehmen Astra-Zeneca. Die Avancen wurden damals zwar abgelehnt, doch ist davon auszugehen dass das letzte Wort hier noch nicht gesprochen wurde. Denn nach Ablauf der Dreimonats-Frist ist es Pfizer nun wieder möglich, zumindest ein verdecktes Angebot abzugeben. Mittlerweile konnte der Konzern allerdings an anderer Stelle investieren, und übernahm Ende August das Impfstoffgeschäft von Baxter – für die vergleichsweise geringe Summe von 635 Mio. USD.

Abbvie ging mit der Ende Juli beschlossenen Übernahme des in Irland ansässigen Unternehmens Shire für 40 Mrd. Euro sogar noch einen Schritt weiter: Mit dem Kauf erfüllt der Konzern die juristischen Voraussetzungen, den eigenen Firmensitz auf die Grüne Insel verlegen zu können – und muss dort künftig nur noch 13, statt wie bisher im Land der unbegrenzten Möglichkeiten 22 Prozent Steuern an den Fiskus abführen. In der Geschäftsführung von Salix Pharmaceuticals gibt es ähnliche Pläne, sollte die Übernahme von Cosmo gelingen.

Wer wagt, kassiert?
Eine der weiteren Hauptmotivationen für Firmenübernahmen ist die Strategie der Großkonzerne, kleine Unternehmen zu kaufen, die kurz vor einem potenziellen Durchbruch stehen. Gutes Beispiel ist hier sicher der Kauf von Idenix Pharmaceuticals, das derzeit über drei HCV Medikamenten-Kandidaten in der klinischen Entwicklung verfügt, durch den US-Konzern Merck & Co. „Idenix hat ein vielversprechendes Portfolio von Hepatitis-C-Kandidaten auf der Grundlage ihrer Expertise in Nukleosid/Nukleotid-Chemie und Prodrug-Technologien entwickelt“, erklärte Dr. Roger Perlmutter, Präsident von Merck Research Laboratories den Kauf im vergangenen Juni.

Jährliche Milliardengewinne blühen dem Pharmariesen, so die Rechnung aufgeht und sich eines der in der Pipeline befindenden Medikamente zu einem Blockbuster entwickelt. So verfuhr auch Gilead Sciences, als das Unternehmen bereits im vergangenen Jahr Pharmasset für 11,2 Mrd. USD übernahm. Kaufgrund war damals das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi. Dieses vertreibt Gilead nun für 1.000 USD – pro Tablette (siehe auch Pharma+Food 05/14, „Die 1.000-Dollar-Pille“). Durch solche, salopp formuliert, Zockereien sparen die Unternehmen Zeit und Geld für die Entwicklung eigener Wirkstoffe.

High-end bleibt, der Rest wandert ab?
Dritter Grund sind der steigende Druck durch auslaufende Patente von bisher umsatzstarken Wirkstoffen und die verstärkte Konkurrenz durch die Hersteller von Generika. Daher wenden sich Pharmahersteller mehr und mehr vom klassischen Massengeschäft ab, hin zu hochpreisiger Spezialmedikation wie der Krebsbehandlung. Aber auch der demographische Wandel spielt durchaus eine Rolle bei Entscheidungen der strategischen Ausrichtung. Beispiel hier sei Roches geplante Komplettübernahme von Chugai, einem japanischen Pharmaunternehmen, das den Eidgenossen bereits zu 50,1 Prozent gehört. Dessen Behandlungsschwerpunkte sind: Krebs und Arthritis. Das Portfolio nun komplett zu übernehmen, war dem Schweizer Konzern bis vor kurzem noch 10 Mrd. USD wert.

Doch ein weiterer Paukenschlag macht dies mittlerweile wieder fraglich. Ende August gab Roche die Übernahme von Intermune bekannt, ein Unternehmen das sich vor allem auf die Behandlung von Lungenerkrankungen und Fibrosen konzentriert. Für 8,3 Mrd. Euro. Damit geht dem Schweizer Konzern, allen Erwartungen nach, vorerst die Puste aus, um einen weiteren Unternehmenskauf stemmen zu können. Doch auch dieser Kauf bestätigt nicht weniger die Theorie, dass westliche Großkonzerne mehr und mehr in das lukrative Geschäft mit hochpreisigen Therapien investieren. Die Produktion der pharmazeutischen „Massenwaren“ hingegen wird in den kommenden Jahren wohl mehr und mehr in die Emerging Markets abwandern.

Vermischung unerwünscht?
Viel Bewegung gibt es aber auch im Bereich der Nahrungsmittel- und Consumer-goods-Konzerne: Nestlé, Unilever aber auch Reckitt Benckiser stoßen derzeit strategisch Unternehmensteile ab, die sie nicht zum Kerngeschäft zählen, und setzen verstärkt auf die Wachstumsbereiche Personal- und Healthcare. Also Produkte wie Zahnpasta und Shampoo, bei denen die zu erwartenden Gewinnmargen über denen des Foodbereichs liegen. So kündigte Reckitt kürzlich den Verkauf seiner pharmazeutischen Unternehmensteile an.

Auf der anderen, der Pharmaseite, sieht es mancherorts ähnlich aus. Nur genau anders herum: Merck & Co. überraschte im April dieses Jahres mit dem Abstoß seines OTC-Geschäftes an Bayer für 14,2 Mrd. USD. Eine solche Strategie ist allerdings kein allgemeiner Konsens: Gerade in den Entwicklungsländern gibt es ausgeprägte Synergieeffekte zwischen verschreibungspflichtigen Medikamenten und OTC-Ware, da sie dort meist die gleichen Vertriebsketten nutzen – darauf wollen nicht alle Marktteilnehmer verzichten.

Und Glaxo Smith Kline und Novartis planen derzeit ein Joint Venture, dessen Folge der weltgrößte Mischkonzern Consumer/Healthcare wäre. Denn ein Portfolio, das die gesamte Bandbreite abdeckt, hat mit seiner einhergehenden Masse noch einen weiteren positiven Effekt für die Konzerne: Mit ihrer schieren Größe besetzen sie die bestehenden Märkte buchstäblich und erschweren damit weiteren Teilnehmern den Zugang. Wohin die Reise nun also geht, Entschlackungskur auf Kerngeschäft oder unangreifbarer Gigant, bleibt derzeit noch offen.

Fazit
Sei es nun der Versuch, Steuern zu vermeiden, eine Umstellung des eigenen Produktportfolios oder aber der Aufkauf von Start-ups, in deren Labor gerade der nächste pharmazeutische Blockbuster entsteht – die Life-Science-Branche ist derzeit im Kaufrausch. Gerade der letzte Punkt weckt dabei Erinnerungen an ähnliche Vorgänge der IT-Branche, bei der die drei Giganten Google, Apple und Facebook derzeit jedes Unternehmen mit einer vielversprechenden Idee aufkaufen und dadurch dabei sind, Quasi-Monopole zu bilden. Welche Auswirkungen das auf die Konsumenten, aber auch auf alle anderen Teilnehmer entlang der Wertschöpfungskette haben wird, das werden die kommenden Jahre zeigen.

Heftausgabe: September 2014
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Philip Bittermann, Redakteur

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