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Interview mit Dr. Jürgen Bruder zu Trends bei Kunststoffverpackungen

15.05.2007 Mit einem Branchenumsatz von rund 11,5 Mrd. Euro haben die Kunststoffe ihre Position als bedeutendster Verpackungswerkstoff weiter ausgebaut. Wir haben bei Dr. Jürgen Bruder, Hauptgeschäftsführer der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen, nachgehakt, welche Trends die Verpackungen von morgen beeinflussen werden und wie sich Pharma- und Lebensmittelregularien gegenseitig beeinflussen.

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P+F: Welche Trends beobachten Sie bei den Lebensmittelverpackungen?

Bruder:Ca. 50% aller Kunststoffverpackungen für den Endverbraucher sind Lebensmittelverpackungen. In diesem sehr weitgespannten Bereich verzeichnen wir z.B. ein sehr starkes Wachstum im Schalenbereich, den MAP (modified atmosphere packaging)-Schalen, die zum Teil Vakuumverpackungen ersetzen. Bei Fleisch- und Wurstwaren hat das mit dem Convenience-Trend zu tun, der besseren Anmutung von Verpackungen und Inhalt sowie der besseren Handhabbarkeit von beiden. Insgesamt ist die Entwicklung zu beobachten, dass die Lebensmittelverpackung die sich verändernde Lebensweise widerspiegelt. Die Anforderungen an Fertig- oder Halbfertiggerichte, Frischwaren, Tiefkühlkost oder Produkte für den Freizeitverzehr ändern sich. Hinzu kommen demografische oder sozioökonomische Effekte, dies schließt ein vermehrtes Angebot an Kleinverpackungen und altersgerechten Verpackungen ein – Stichwort ‚easy to open‘.

P+F: Wie wird die Lebensmittelverpackung
der Zukunft aussehen? Sind noch ganz neue Konzepte in der Pipeline?

Bruder:Mittel- bis langfristig gehen wir davon aus, dass nahezu alle Endverbraucherverpackungen – und damit auch Lebensmittelverpackungen – mit RFID-Transpondern ausgerüstet werden, übrigens auf Basis von Funktionspolymeren. Ein weiterer Trend geht in Richtung aktive und intelligente Verpackungen.

P+F: Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Bruder:Aktive Verpackungen können bestimmte Stoffe, die aus dem Lebensmittel entweichen, aus dem Kopfraum der Verpackung absorbieren, um die Haltbarkeit des Lebensmittels zu verlängern. Genauso ist es möglich, bestimmte Stoffe aus der Verpackung in das Lebensmittel abzugeben. Marktüblich sind bereits Sauerstofffänger. Darüber hinaus gibt es Entwicklungen, die auf dem deutschen Markt noch nicht eingeführt sind, denn bislang ist eine Wechselwirkung zwischen Verpackung und Lebensmittel nicht zulässig. Wir hoffen, dass bald eine Europäische Verordnung für aktive und intelligente Verpackungen kommt. Zum einen, weil sie klare Regeln setzen wird, unter welchen Bedingungen solche aktiven Verpackungen bei Einhaltung des Verbraucherschutzes eingesetzt werden dürfen. Zum anderen, weil wir damit wieder eine Wettbewerbsgleichheit mit anderen Regionen der Welt erzielen können.

P+F: Orientiert sich die Lebensmittelindustrie bei der Entwicklung neuer Verpa-ckungslösungen auch an anderen Branchen wie der Pharmaindustrie?

Bruder:Der Gesetzgeber hat die Anforderungen für die Lebensmittelindustrie, was den Verbraucherschutz und die Hygieneaspekte betrifft, erheblich erhöht, z.B. mit der EU-BasisVO. Analoge oder daraus abgeleitete Anforderungen, zum Beispiel die Rückverfolgbarkeit der Verpackungen und Verpackungsrohstoffe, gibt es auch für die Verpackungsindustrie. Eine vergleichbare Situation wie im Pharmabereich haben wir in der Lebensmittelindustrie aber nicht, das wäre sicher auch übertrieben, wenngleich die neue EU-GMP-Verordnung für Lebensmittelverpackungen vom Ansatz her eine gewisse Parallelität zum Pharmabereich aufweist. Dennoch, die Anforderungen sowohl seitens der Lebensmittelindustrie, also der Kunden, als auch des Gesetzgebers werden weiter steigen. Als Verband stellen wir für unsere Mitglieder hierfür Serviceleistungen bereit.Dazu gehören Leitfäden, die die Firmen unterstützen, um diese Anforderungen gesetzeskonform zu erfüllen. Gleichzeitig nehmen wir direkt Einfluss auf die Gesetzgebung. Wir versuchen, die Industrieposition an den Verordnungsgeber heranzubringen – sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene.

P+F: Einige Hersteller von Lebensmitteln oder Pharmazeutika gehen dazu über, ihre Verpackungen selbst herzustellen. Welches Volumen geht den Kunststoffverarbeitern dadurch verloren?

Bruder:Es gibt keine Erhebungen unter unseren Mitgliedern, aber wir sehen natürlich auch diese Rückwärtsintegration in einigen Segmenten. Ganz deutlich ist diese Entwicklung im Bereich der PET-Flaschen, wo z.B. Abfüllbetriebe nicht mehr nur die Flaschen aus dem Preform blasen, was sie schon immer getan haben, sondern jetzt auch dazu übergehen, die Preforms selbst herzustellen und damit klassische Verarbeiterfunktionen übernehmen. Auch FFS (form-fill-seal)-Anwendungen, bei denen der Abfüller aus der Folie die Verpackung formt und direkt befüllt, finden wir in mehreren Anwendungsfeldern.

Das Gespräch führte Susanne Zinckgraf, Redaktion PV

„Die Anforderungen sowohl seitens der Lebensmittelindustrie, also der Kunden, als auch des Gesetzgebers werden weiter steigen“
Dr. Jürgen Bruder, Hauptgeschäftsführer der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen

Heftausgabe: Mai 2007
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Scheuermann
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