Zu neuen Ufern

Praktische Führung für den Schichtalltag

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11.10.2010 Führung in der Produktion ist handlungsorientiert und nah dran am praktischen Geschehen. Eine Qualifizierungsmaßnahme bei Merck macht Schichtführer und Vorarbeiter fit für ihre Führungsaufgabe ohne echten Chef-Hut.

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Entscheider-Facts


Weiterbildung für Vorarbeiter und Schichtführer - so geht'sEin guter Trainer muss...
  • echtes Interesse an der Zielgruppe haben.
  • nah an der Gruppe und ihren Themen sein.
  • Wertschätzung für die Arbeit der Teilnehmer zeigen.
  • den Teilnehmern zeigen, wie sie am besten mit der existierenden Situation umgehen.
  • die Du-Kultur der Gruppe mittragen.
  • eine hohe pädagogische Kompetenz im Umgang mit seinen Teilnehmern zeigen.
  • bei allem pragmatisch vorgehen und so die Neugierde der Teilnehmer auf die bearbeiteten Themen wecken.
  • Raum für Diskussionen und Praxisbezug geben.
  • das hohe Austauschbedürfnis einer Gruppe mit guten Fragen fördern.
  • mithilfe von originellen Übungen und wohlwollenden Provokationen die Gruppe
  • aktivieren.
  • Illusionen über mögliche Veränderungen nach dem Seminar relativieren.

Wenn Meister immer tiefer in die Steuerung und Organisation eintauchen, landen mehr und mehr Aufgaben beim letzten Glied der betrieblichen Führungskaskade. „Unsere Schichtführer agieren als Primus inter Pares – da ist das Ausfüllen von Führungsaufgaben ganz besonders schwierig“, sagt Florian Reiher, Personalentwickler mit gewerblichen Wurzeln bei Merck in Darmstadt. Wer in der Schichtgruppe als Kollege mitarbeitet und gleichzeitig als Vorgesetzter ohne Weisungsbefugnis vor Ort Verantwortung trägt oder Konflikte lösen soll, tut sich in aller Regel schwer, diese Rolle zwischen diesen Stühlen zur Zufriedenheit aller Beteiligten auszufüllen.

Dreiteiliges Qualifizierungsprogramm

„Die meisten Mitarbeiter haben Anlagen, die sie zur Führung befähigen, aber ihnen fehlen die Werkzeuge und Methodenkompetenz diese umzusetzen“, sagt Kay-Uwe Klabunde, Betriebsleiter in der organisch-chemischen Produktion. Manche Arbeiter sehen ihren Meister nur alle drei Wochen. „Die Meister sind heute längst nicht mehr so nah am Mitarbeiter dran, da müssen die Schichtverantwortlichen die Rolle bei der Mannschaft übernehmen“, sagt Jürgen Heyd, Industriemeister in der chemischen Produktion.

Genau hier setzt das dreiteilige Qualifizierungsprogramm „F=X+X“ an, mit dem die Darmstädter Merck KGaA zusammen mit Festo Training and Consulting, Denkendorf, Schichtführer und Vorarbeiter für ihre anspruchsvolle Aufgabe wappnen will: Die Kurse „Führen – Lust und Last“, „Führen – Miteinander und Motivierend“ sowie „Führen – Positiv und Produktiv“ greifen zentrale Punkte des Führungsalltags in der Produktion auf. Sie vermitteln neben Grundlagenwissen konkrete Instrumente für den Job als Vorgesetzter. Themengebiete sind Motivation und Demotivation, Umgang mit Konflikten, Entwicklung eines guten Teams, Einfinden in die eigene Führungsrolle oder auch Entscheidungsfindung sowie das Einschätzen des Kommunikations- bzw. Konflikttypus der Kollegen. Insgesamt über 600 Teilnehmer haben die drei aufeinander aufbauenden Module bisher absolviert.

„Die Doppelrolle als Kumpel im Produktionsgeschehen und gleichzeitig als Chef ist für viele ein echter Knackpunkt“, sagt auch Alois Wondrak, Betriebsleiter in der anorganischen Pigmentherstellung des hessischen Chemie- und Pharmaunternehmens. Ohne ein gewisses Durchsetzungsvermögen gehe da gar nichts, so seine Erfahrung. Andererseits laufen durchsetzungsstarke Persönlichkeiten ständig Gefahr, ihre Kollegen zu verprellen. Ein gutes Gespür für Stimmungen und Gruppendynamik ist unverzichtbar, um in diesem schwierigen Umfeld geschickt zu agieren. Wer als Vorgesetzter den Teamgeist strapaziert oder zerstört, kann mit seiner Führungsaufgabe einpacken. „Motivation und der Umgang mit Konflikten sind die zentralen Themen für Vorgesetzte in der Produktion“, weiß Festo-Trainer Frank Müller, der für die Konzeption und das Design der Qualifizierungsreihe verantwortlich ist, aus langjähriger Erfahrung. Zahlreiche Entscheidungen werden während der Nacht oder spätabends getroffen, wenn der Schichtführer weitgehend allein für das Laufen der Anlage zuständig ist.

Kochen ist ein realer Prozess

Jörg Wiese, Betriebsleiter in der Pharmaproduktion, hat sich wie viele seiner Kollegen zum Ziel gesetzt, nach und nach all seine Vorarbeiter und Schichtführer in die drei Seminarmodule zu schicken. Er hält viel davon, dass die Mitarbeiter zwischen den Blöcken konkrete Führungssituationen erleben, die sie im nächsten Block einordnen können: „Den Leuten wird schließlich bewusst, was sie mit ihrem eigenen Verhalten bei anderen bewirken können“, sagt der Betriebsleiter. Grundlage für die Seminarinhalte bildet der 2008 ins Leben gerufene Merck Kompetenz Kompass (MCC).

Das neueste Seminar-Modul „Führen – Positiv und Produktiv“ greift die Kompetenzen Ergebnisorientierung, Kundenorientierung und überzeugende Kommunikation auf und bringt diese auf ungewöhnliche Art den Teilnehmern nahe: Statt die Seminarbank zu drücken, üben die Teilnehmer ihre Fähigkeiten in der Großküche einer Schule in Heimbuchenthal. „Für uns ist Kochen ein realer Prozess und ein Mittel zum Zweck, um unsere Teilnehmer praxisnah Themen erleben zu lassen“, erläutert Personaler Florian Reiher und betont: „Alle von uns aufgegriffenen Themen sind ganz nah am internen Kunden und dessen konkretem Bedarf – auch hier“. Festo-Trainer Frank Müller hat seit März 2009 rund 60 Teilnehmer durch den Kurs begleitet. Was auf den ersten Blick wie ein weiteres Gimmick im schillernden Seminarmarkt wirke, zeige sich bei genauerem Hinsehen als hochwirksames Szenario, um die Rahmenbedingungen der chemischen Produktion auf Labormaßstab zu bringen.

Am ersten Tag kocht die Gruppe unter Anleitung eines professionellen Kochs für die eigene Gruppe. Am zweiten Tag wiederholt sich das Ganze ohne Unterstützung für geladene Gäste: Beim Buffet für ihre Vorgesetzten zeigen die Teilnehmer am Abend, wie sie sich der ungewohnten Aufgabe stellen. Gezielte Störungen wie plötzliche Planänderungen, Probleme bei der Verfügbarkeit oder verdeckt inszenierte Konflikte erhöhen überraschend den Stresspegel. „Als Inprozess-Labor müssen wir flexibel sein, da wir Schnittstellen zu vielen anderen Bereichen haben“, erkannte Klaus Dickerhof, Chemielaborant im analytischen Labor, Gernsheim, in der Küche Züge seiner täglichen Arbeit: „Das Kochen und die gleichzeitige Anspannung waren eine echte Situation, die vieles sichtbar gemacht hat.“

Gesprächskultur deutlich besser
geworden

Am dritten Tag geht es in dem Modul darum, Speisen ohne Hilfe auf Masse zu produzieren und dabei jede Verschwendung zu vermeiden. Täglich werden neue Vorarbeiter und Schichtführer gewählt, die die Verantwortung für das gemeinsame Arbeitsergebnis tragen. In morgendlichen Theorieeinheiten reflektieren die Teilnehmer das Erlebte und ziehen Parallelen zu ihrem betrieblichen Alltag. Die zugrunde gelegten Erfolgskriterien für die Kochaufträge wie Arbeitsklima, Improvisation, Timing, Unfallfreiheit, Kommunikation im Team oder Hilfsbereitschaft werden von der Gruppe zu Beginn der Veranstaltung auf Basis des MCC erarbeitet und kontinuierlich überprüft.

„Durch die Seminare ist in unserem Betrieb die Gesprächs- und Kommunikationskultur deutlich besser geworden“, erzählt Betriebsleiter Wondrak. Die erlernten Werkzeuge zur Gesprächsführung und zur Deeskalation von Konflikten würden in den Schichten zunehmend angewandt. Der Effekt: Themen werden direkt geklärt; die früher häufigen Gespräche zwischen Vorgesetztem und gerade jüngeren Vorarbeitern ohne große Führungserfahrung haben deutlich abgenommen. „Wenn heute Schichtführer mit einem Problem zu mir kommen, haben sie durch das Wissen aus dem Seminar schon einiges ausprobiert, das ist ganz anders als früher“, bestätigt Andreas Jahn, Meister in der chemischen Produktion. Er hat bei seinen Teilnehmern zudem festgestellt, dass die Kollegen in der Schicht den Betreffenden eher in seiner Führungsrolle wahrnehmen und akzeptieren.

Gerade die Grundidee einer Typologie von Persönlichkeitstypen als Ausgangspunkt für eine passende Kommunikation mit dem jeweiligen Mitarbeiter wird von allen unisono als besonders hilfreich für den Führungsalltag gelobt. „Es fällt mir heute viel leichter, Leute einzuschätzen, zum Beispiel über ihre Körperhaltung, und ich nutze vor allem bei der Gesprächsvorbereitung immer wieder das DISG-Modell“, sagt Michael Jährling, Logistiker in der Chemieproduktion. Auch Heiko Friedrich, Vorarbeiter in der Flüssigkristallabfüllung, sieht seine Mitarbeiter heute aus einem ganz anderen Blickwinkel: „Die Einschätzung der Kollegen bezüglich ihrer Motivation fällt mir leichter, und die Kenntnis der Entwicklungsphasen von Teams hilft mir, das Geschehen in meiner Schichtgruppe besser einzuordnen“.

Ein guter Trainer muss echtes Interesse an der Zielgruppe haben und nah an der Gruppe und ihren Themen sein

Ein guter Trainer muss das hohe Austauschbedürfnis einer Gruppe mit guten Fragen fördern

Ein guter Trainer muss immer eine hohe pädagogische Kompetenz im Umgang mit seinen Teilnehmern zeigen

Kochen – ein realer Prozess und ein Mittel zum Zweck, um die Teilnehmer praxisnah Themen erleben zu lassen

Nach Durchlaufen der einzelnen Module ist die ???????Gesprächskultur deutlich besser geworden

In der Gruppe wird bei derartigen Übungen der Teamgeist gestärkt

Bilder: Festo

Heftausgabe: Oktober 2010
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Dr.Ulrike Felger, freie Fachjournalistin

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Dr.Ulrike Felger, freie Fachjournalistin

Autor Dr. Ulrike Felger, freie Fachjournalistin

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