Die 1000-Dollar-Pille

Preisfindung für Blockbuster

18.08.2014 „Das Geld ist nicht weg, das haben nur andere“ - so lautet die, zugegebener Maßen zynische Erklärung von Aktienhändlern, wenn ihre Kunden an der Börse herbe Verluste wegstecken müssen. Eine ähnliche Argumentation lässt sich im Falle von Blockbuster-Präparaten in der Pharmaindustrie aufbauen.

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Preisfindung für Blockbuster

Unternehmerisches Geschick? Unmoralischer Gewinn unter Ausnutzung menschlichen Elends? Schwer zu sagen. (Bildquelle: avarand-fotolia.com)

Die Branche feiert sich, wenn es einem Mitgliedsunternehmen gelingt, einen Blockbuster-Coup zu landen. Und diese belohnen sich für ihre Risikobereitschaft, bis zu 1 Mrd. Euro in die Entwicklung eines solchen Präparats zu investieren, indem sie saftige Preise für die oft lebensrettenden Medikamente aufrufen. Schließlich muss das eingesetzte Kapital möglichst schnell zurückverdient werden, denn auch über die Phase des Patentschutzes schläft die Konkurrenz nicht. Und häufig endet die öffentliche Diskussion an dieser Stelle.

Doch wo kommt das Geld her? Da ist auf der einen Seite der Patient. Im Falle des im Dezember 2013 neu zugelassenen Hepatitis-C-Mittels Sovaldi sind dies häufig Menschen, die seit Jahren an der heimtückischen Infektion leiden. Drei Millionen US-Amerikaner sollen mit Hepatitis C infiziert sein. In Deutschland wird die Zahl der Fälle auf eine halbe Million geschätzt. Für diese ist das neue Präparat, das 90 Prozent der Patienten nach einer wenige Wochen dauernden Tablettenkur vollständige Heilung verspricht, ein Segen von unbezahlbarem Wert.

Auf der anderen Seite stehen die Krankenversicherungen, die – angesichts der enormen Wirksamkeit des Polymerase-Inhibitors – bislang keine Wahl haben, als die Behandlung zu bezahlen. Und häufig rechnet sich das auch: Ohne den Wirkstoff Sofosbuvir sind die Chancen weniger als halb so groß, und die Therapie dauert doppelt so lange. Im Falle von Sovaldi, das je nach Erregerart in Kombination mit Ribavirin und pegyliertem Interferon gegeben wird, sind je Behandlung zwischen 100.000 und 140.000 Dollar fällig. Multipliziert mit der oben genannten Zahl Infizierter in den USA und in Deutschland ergibt sich eine ziemliche Belastung für die Gesundheitssyssteme.Und: Die meisten Patienten weltweit werden weder Zugang zu Versicherungsleistungen noch über genügend eigene Mittel verfügen, um die Behandlung zu finanzieren.

Das führt unweigerlich zur Frage nach der Preisfindung für das Medikament: Diesen hat der Hersteller Gilead Sciences auf 1.000 Dollar pro Tablette festgesetzt – die tatsächlichen Kosten werden von Fachleuten auf 140 bis 250 Dollar pro Patient geschätzt. Nun ist die Diskussion um hohe Medikamentenpreise wahrscheinlich so alt wie die Heilkunde selbst. Aber im Fall Sovaldi hat diese eine neue Dimension: Gilead hat das Präparat nicht selbst entwickelt, sondern vor drei Jahren auf das Gelingen der klinischen Prüfung gewettet und 11,2 Mrd. Dollar für die Übernahme des Entwicklers Pharmasset bezahlt. Auch dieses Geld ist nicht weg, sondern das haben inzwischen andere – die ehemaligen Shareholder von Pharmasset. Unternehmerisches Geschick? Unmoralischer Gewinn unter Ausnutzung menschlichen Elends? Schwer zu sagen.

 

Hier finden Sie einen Artikel zum Thema im Ärzteblatt.

Beiträge zur Preisdebatte in den USA um das Präparat Sovaldi finden Sie hier und hier.

Hier finden Sie einen Beitrag zur Hepatitis-C-Therapie.

Heftausgabe: August 2014
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Armin Scheuermann, Redaktion

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