Megaprojekt: dem Standort verpflichtet

Roche baut Diagnostika-Produktion in Penzberg aus

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17.04.2013 Großinvestitionen in Produktionsanlagen - in Deutschland sind sie zum Glück noch keine Rarität. Auch wenn der VDMA kürzlich über ein Minus von 41 % bei der inländische Nachfrage im Großanlagenbau berichtet hat, beliefen sich die Investitionen in 2012 doch immerhin noch auf 3,9 Mrd. Euro. Dabei entfielen 672 Mio. Euro auf den Chemieanlagenbau, was einem deutlichen Plus gegenüber 2011 entspricht. Dass diese Gelder hierzulande ausgerechnet in Mega-Pharmaprojekte fließen, hat jedoch Seltenheitswert.

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Entscheider-Facts Für Planer

 
  • Der Gesundheitskonzern Roche investiert am Standort Deutschland, um die bestehende Infrastruktur und das Know-how der Mitarbeiter zu nutzen.
  • Die Anlagen stammen zum Großteil von Firmen aus dem Umland, um durch kurze Wege und enge Kontakte die Abwicklung zu vereinfachen.
  • Beim Bau des neuen Gebäudes haben die Konstrukteure verschiedene Systeme wie Energieerzeugungs- und Energierückgewinnungsanlagen eingeplant, um die Effizienz zu steigern und Kosten zu senken.

Der Gesundheitskonzern Roche handelt genau entgegen dem allgemeinen Trend der Pharmabranche, die Produktion ins günstige Ausland zu verlegen. Stattdessen investiert er im bayerischen Penzberg über 200 Mio. Euro in ein neues Diagnostika-Produktionsgebäude, den sogenannten ‚Diagnostics Operations Complex II‘ (DOC II). Anfang März fand der erste Spatenstich statt, bis Ende 2014 soll das Gebäude stehen. Damit summieren sich die Gesamtinvestitionen des Pharmariesen am Standort auf insgesamt über 2 Mrd. Euro.

Externe Firmen aus dem Umland mit Pluspunkten

Roche arbeitet für die gesamte Abwicklung des Bauvorhabens nicht mit einem einzelnen Hauptkontraktor zusammen, sondern für die einzelnen Projektkomponenten mit verschiedenen Firmen, zumeist als eine Kombination aus externen Kräften und internen Know-how-Trägern. Diese können ihr Wissen in die neuen Anlagen einbringen und sie dadurch optimieren. „Bei uns hat es sich bewährt, dass wir sehr tief in alle Projektphasen integriert sind: sowohl Planer, als auch Engineering und Betreiber. So entsteht ein intensiver Austausch“, berichtet Dr. Stephan Glaser, Director Expansion Production Capacity Diagnostics Operations bei Roche.

Zu den externen Firmen gehört unter anderem das Unternehmen M+W Process Industries, welches die Prozessanlagen im Projekt ab dem Basic Design geplant hat; die Firma Consulting & Construction Management ist für die Bauleitung zuständig. Für die Anlagenausstattung kommen hauptsächlich Lieferanten aus dem Umland sowie dem angrenzenden Ausland zum Zuge. Der Konzern arbeitet mit den Firmen zum Teil seit mehreren Jahren zusammen und ist gut vernetzt mit hiesigen Zulieferern. Einer der Ausrüster ist beispielsweise der mittelständische Anlagenbauer Idoneus aus Fischen am Ammersee. Er liefert Prozessanlagen, unter anderem die erste Pilotanlage für die Downstream-Prozesse. „Bei solchen Anlagen gilt ganz klar: Qualität kommt vor dem Preis. Beim Beraten über Anlagendesigns macht es sehr viel Sinn, dass nicht tausende Kilometer zwischen uns und den Firmen liegen, sondern wir sie im nahen Umfeld kontaktieren können“, erklärt Glaser.

Die Anlagenplanung an sich zeigte sich im Vorfeld als große Herausforderung, denn die Ausrüstung muss verschiedenen Anforderungen genügen. „Wir stellen, im Gegensatz zu den meisten Produktionsanlagen aus dem Pharma-Bereich, im neuen DOC verschiedene Produkte auf denselben Anlagen her. Vielfach setzen wir dazu Multi-purpose-Anlagen ein, auf denen ganz verschiedene Prozesse mit deutlichen Unterschieden auch in den Größenordnungen ablaufen – etwa zur Aufreinigung monoklonaler oder polyklonaler Antikörper. Das fordert vor allem die Planer heraus“, erläutert Glaser. Doch auch die Betreiber sind mit all ihrem Prozesswissen gefragt: Um die Verfahren vom Entwicklungs- in den Produktionsmaßstab hoch zu skalieren, sei viel Erfahrung notwendig, führt Glaser aus.

Die neuen Anlagen erweitern aber nicht nur die Vielfalt und Kapazitätsgrenzen bei der Diagnostika-Produktion; sie helfen auch dabei, künftige Regularien z.B. im Hinblick auf Schadstoffemissionen zu erfüllen: Eine EU-Norm, die Anfang 2015 in Kraft tritt – also pünktlich zur geplanten Inbetriebnahme des DOC II – untersagt den Einsatz von Fluorkohlenwasserstoffen zur Kühlung von Lyophilisationsanlagen. Bei den modernen Geräten kommen jedoch Kohlenwasserstofftechnologien ohne Fluor für die Lyophilisation zum Einsatz. Die enthalten keinerlei ozonschädigende Substanzen.

Diagnostika-Produktion als Herausforderung und Chance

Penzberg stellt für Roche heute bereits einen der Hauptstandorte für die Forschung, Entwicklung und Herstellung diagnostischer Produkte dar. Reagenzien und Einsatzstoffe für die Immundiagnostik-Tests des Konzerns, die auf der ganzen Welt in Laboren und Krankenhäusern zum Einsatz kommen, stammen zum größten Teil aus der Produktion südlich von München. Mit dem neuen Gebäudekomplex sollen künftig auf weiteren 10.700 m2 sogenannte lyophilisierte Kalibratoren, Funktionskontrollen und Einsatzstoffe für immundiagnostische Tests hergestellt werden. Damit trägt der Konzern der weltweit steigenden Bedeutung der Immundiagnostik im Gesundheitswesen Rechnung. Die Tests sind unter anderem für die personalisierte Medizin von Bedeutung, da sie die individuelle medikamentöse Behandlung der Patienten verbessern. Das DOC II an sich wird aus drei Teilen bestehen:
einem zentralen Produktionsgebäude sowie zwei Produktionshallen. Die Prozessanlagen werden mit sogenannter Nahwärme, also Abwärme aus der Roche eigenen Biogasanlage, als zentralem Heizmedium und Ersatz für Dampf versorgt werden. Zudem werden effiziente Energieerzeugungs- und Energierückgewinnungssysteme sowie Schichtenspeicher zur Ausstattung gehören.

Die Betreiber planen, in den Gebäuden Produktionsanlagen verschiedener Kapazität, einschließlich solcher zur großtechnischen Produktion von bis zu 3.000 l, zu installieren. Die Geräte sollen unter anderem zum Einsatz kommen, um fermentierte Antikörper und Antigene tierischen und humanen Ursprungs aufzureinigen, die für die Elecsys-Testkits notwendig sind; darüber hinaus werden Kontrollen und Kalibratoren für die Testkits produziert. Auch finden Produktionsanlagen zur Gefriertrocknung von Einsatzstoffen, Kontrolltests und Kalibratoren künftig ihren Platz in dem neuen Gebäude. Neben den Produktionsanlagen errichtet der Konzern innerhalb des Komplexes Labore, in denen die In-Prozess-Kontrolle stattfinden wird und die zudem für die Qualitätssicherung dienen sollen.

Zu den 70 Mitarbeitern, die bisher für die Diagnostika-Produktion in diesem Bereich in Penzberg beschäftigt sind und in das neue Gebäude umziehen, sollen 50 weitere kommen – zum Teil handelt es sich dabei um Angestellte aus dem konzerneigenen Ausbildungsprogramm. Damit wird die Zahl der Diagnostik- und Pharma-Mitarbeiter an der Niederlassung die 5.000er-Marke übersteigen. Verpackung und Versand der Artikel wird ebenfalls von Deutschland aus koordiniert: Das weltweite Logistikzentrum für die Produkte liegt in Mannheim.

Bekenntnis zum Standort Deutschland

Doch was treibt einen Weltkonzern an, in einem der teuersten Produktionsländer zu expandieren, anstatt – wie viele seiner Wettbewerber – in solche mit geringeren Lohn- und Betriebskosten für Gebäude und Einrichtungen abzuwandern? „In einer ersten Phase haben wir analysiert, welche bestehenden und potenziell neuen Standorte zur Verfügung stehen“, berichtet Roland Diggelmann, Chief Operating Officer von Roche Diagnostics. „Nach einer ersten Analyse war uns jedoch sehr schnell klar, dass Penzberg der beste und auch der einzige Standort für die neue Produktion ist. Zum einen, da hier Kompetenz und gebündelte Erfahrung in einem hervorragenden Werk vereint sind. Zum anderen wegen der Vernetzung mit der Politik und dem gesamten Umfeld, mit dem Zugang zu den Universitäten und hochqualifizierten Mitarbeitenden. Das Gesamtpaket hat hier absolut und ganz klar den Ausschlag gegeben!“ Auch die Nachteile, die eine Produktion in Deutschland mit sich bringen kann, bewertet der COO kritisch: „Zwar sind die Kosten im Bereich des Ausbaus und zum Teil des Betriebes höher, als sie in anderen Ländern wären. Die werden aber wett gemacht durch die Kompetenz der Mitarbeitenden, die Infrastruktur sowie die Möglichkeiten, den Standort weiter auszubauen. Ich denke insgesamt ist es am Ende des Tages ein Nullsummenspiel.“

Weitere Gründe, warum der Gesundheitskonzern sich für Penzberg und gegen – vermeintlich – günstige Produktionsländer wie China entschieden hat, erläutert Dr. Franz Humer, Verwaltungsratspräsident von Roche: „Erstens geschieht Innovation weiterhin mehrheitlich in Europa und den USA. Zweitens besteht in Penzberg eine Struktur an Mitarbeitern, die man auf der ganzen Welt suchen muss. Und drittens können wir uns auf die Unterstützung der Politik verlassen und finden ein Umfeld vor, das insbesondere Patente schützt.“ Daher werde dies auch nicht die letzte Investition von Roche in Penzberg sein, berichtet der Verwaltungsratspräsident weiter. Einzig die Unsicherheiten, die im Bereich der Preise, Preisgestaltung, Preisgenehmigung und der Kosten für Innovationen in Deutschland und ganz Europa entstanden sind, bereiten Humer Sorgen: „Ich werbe dafür, die industrielle Gesundheitswirtschaft in Deutschland in ihrer Bedeutung zu stärken und nicht weiterhin überproportional zu belasten.“

 

Weitere Informationen zu dem Investitionsprojekt in Penzberg finden Sie hier und hier.

Der Standort Penzberg wird hier vorgestellt.

Das Testverfahren Elecsys finden Sie in diesen Bereichen.

Roche baut Diagnostika-Produktion in Penzberg aus 1303pf900

Heftausgabe: April 2013
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Tina Walsweer, Redaktion

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