Den Schatz heben

Systemische Moderation

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17.03.2014 Schon wieder stundenlang diskutiert - und doch kein Ergebnis? Wer als Führungskraft für die Umsetzung strategischer Aufgabenstellungen zuständig ist, steht häufig vor der Frage, wie er eine Vielzahl von Beteiligten in den Problemlösungsprozess integriert. Systemische Moderation hilft, um hier zielgerichtet voranzukommen.

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Entscheider-Facts


für Führungskräfte
  • Insbesondere Führungskräfte stehen heute häufig vor der Aufgabe, unter Einbeziehen vieler verschiedener Kompetenzen und Personen möglichst effizient Lösungen zu erarbeiten. Die Vielfalt der Beteiligten fordert dabei ein hohes Maß an Übersicht und Moderationskompetenz.
  • Der Ansatz der Systemischen Moderation verbindet eine systemische Grundhaltung des Moderators und das Umfeld einer Lösungsfindung mit einem weiten Spektrum an etablierten Moderationsmethoden. Das Resultat: Praxisnahe Lösungen, die von den Beteiligten in der Regel mit hoher Akzeptanz mitgetragen werden.

„Gut zu moderieren heißt, die Potenziale einer Gruppe zu wecken, sie zu Kreativität zu inspirieren und eine tragbare Lösung zu finden“, erklärt Professor Günter Tovar vom Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB in Stuttgart. Was leicht zu erklären ist, entpuppt sich im Alltag von Forschung und Entwicklung als herausfordernde Aufgabe. Um für diese besser aufgestellt zu sein, hat sich Tovar deshalb zum Thema Systemische Moderation weitergebildet. Heute gehören für ihn ergebnislose Meetings und unendlich dümpelnde Projektdiskussionen weitgehend der Vergangenheit an.

Was ist „Systemische Moderation“?
Der Ansatz verbindet eine systemische Grundhaltung des Moderators mit seiner systemischen Herangehensweise sowie etablierten Tools aus der klassischen Moderation. Dabei betrachtet man sowohl die Dynamik des Umfelds einer Fragestellung als auch die kausalen Zusammenhänge des maßgeblichen Systems, also einer Firma, einer Projektgruppe oder eines Teams. Zentrale Komponente dieser Betrachtungsweise ist ein variierender Blickwinkel auf das Geschehen, denn: Objektive Wirklichkeit ist Illusion – die Realität ist immer die Wahrheit des Einzelnen, denn sie entsteht im Auge des Betrachters. Als Moderator interner Prozesse ist keine Führungskraft unbeteiligte Dritte, sondern immer auch Partei des Geschehens. Der Ansatz des Systemischen Denkens hilft hier, alle wichtigen Facetten bewusst und systematisch zu berücksichtigen. In den vielen spontanen Moderationssituationen, die eine Führungskraft ständig zu bewältigen hat, hilft zudem der Blick auf das System, um den Lösungsprozess sicher zu steuern.

Überall dort, wo es darum geht, Menschen in die Lösung von Problemen einzubinden, kann Systemische Moderation Dinge voranbringen, zumal sich Workshops und Team-Sitzungen häufig als verdeckte Konfliktmoderationen entpuppen. Dabei ist der Moderator keinesfalls für die entstehenden Inhalte zuständig – diese erarbeiten die Teilnehmer, er verantwortet lediglich den Lösungsfindungsprozess. „Gerade in einem wissenslastigen Umfeld von Fachleuten ist es wichtig, dass derjenige, der einen Prozess treibt, nicht automatisch auch der Lieferant der perfekten Lösung sein muss“, erklärt Tovar. Inhaltlich eben genau keine Führung übernehmen zu müssen und doch für ein brauchbares Ergebnis verantwortlich zu zeichnen, macht für ihn einen wesentlichen Reiz der Methode aus. Für seine interdisziplinär angelegte Arbeit liefere die Systemische Moderation das ideale Tool, um gemeinsam mit anderen das Gesamtbild einer Aufgabe abzubilden, so der Chemiker.

Besonders erfolgreich wendet Tovar den Ansatz in gemischten Gruppen an: Wo Menschen mit unterschiedlichen Wissensschwerpunkten, Altersstruktur, formalen Qualifikationen oder kulturellen Erfahrungen zusammenarbeiten, liefert Systemische Moderation eine Plattform für eine systematische Partizipation. „Die Vielfalt einer Gruppe wird mit diesem Tool zur Bereicherung, statt wie früher die ganze Angelegenheit nur endlos aufzuhalten“, berichtet Tovar. Ein hohes Comittment der Beteiligten für die Sache gibt es in der Regel inklusiv dazu. Jeder, der die Ideen, das Wissen und die Kompetenzen anderer in eine Lösungsfindung integrieren möchte, kann von dem Ansatz profitieren. Neben seiner veränderten Blickweise auf Arbeitsgruppen oder Projektteams verfügt Tovar heute über einen reich gefüllten Werkzeugkasten an Einzelinstrumenten und kreativen Interventionen, um die Beteiligten auf dem Weg zur Lösung eines Problems zu begleiten.

Auf neue Gedanken kommen
„Es ist möglich, mit Systemischer Moderation auf neue Gedanken zu kommen, die gleichzeitig eine hohe Praxistauglichkeit haben“, bestätigt Michaela Stach, Leiterin der Akademie für Systemische Moderation im schwäbischen Allmersbach im Tal. Die Betrachtung eines Themas mit der systemischen Brille wirke wie ein Plausibilitätscheck, ob die entwickelten Ideen und Ansätze in einer Organisation überhaupt funktionieren. Absolutes Kernstück einer erfolgreichen Moderation sind die richtigen Fragen. Sie setzen die Kommunikation zu einem Thema in Gang, indem sie den gewünschten Perspektivenwechsel einläuten. „Wer die richtigen Fragen stellt, wird auch die richtigen Antworten bekommen“, ist Fraunhofer-Forscher Tovar überzeugt. Den passenden Pfad suchen die Beteiligten dann gemeinsam.

Ob ein Thema in diesem Sinne überhaupt moderierbar ist, muss vor Aufnehmen einer Moderationsaufgabe geklärt werden. Vier Aspekte liefern hier Orientierung: Die Handlungsenergie einer Gruppe sagt viel über die Relevanz einer Aufgabenstellung im jeweiligen Umfeld aus. Auch die Komplexität eines Problems steuert die Auswahl möglicher Bearbeitungsmethoden. Besonderes Augenmerk muss auf der Rolle der Beteiligten im Geschehen liegen: Wie hoch sind die Freiheitsgrade einer Gruppe, um die entwickelten Schritte umzusetzen? Und nicht zuletzt: Wie stehen die Chancen für die Realisierung des erarbeiteten Lösungsansatzes? „Wo Systemische Moderation zur Alibiveranstaltung verkommt oder ein Auftraggeber im Vorhinein weiß, was hinten heraus kommen soll, ist es besser, die Finger von der Methode zu lassen“, erklärt Akademieleiterin Stach. Damit die Energie der Beteiligten optimal genutzt wird, sei es deshalb unverzichtbar, vor Aufnahme einer Moderation eine gründliche Auftragsklärung zu durchlaufen. Hier werden die oben aufgeführten Aspekte überprüft und auf ihre Stimmigkeit innerhalb einer Organisation abgeklopft. „Leitplanken setzen“ nennen dies die Fachleute.

Die eigene Grundhaltung hinterfragen
Egal ob klassischer Moderationsablauf, Moderation mit oder ohne Visualisierung, als Live-, Telefon- oder Videokonferenz, im Projektmanagement, als Konfliktmoderation oder als Moderation großer Gruppen mit Hunderten von Personen: Wer als Moderator den Schatz einer Gruppe heben will, muss seine eigene Grundhaltung hinterfragen, sich selbst reflektieren und seine Aufmerksamkeit auf das Geschehen lenken, um herausfinden zu können, welche Intervention den aktuellen Gruppenprozess optimal weiter treibt. Eine Vorgehensweise, die sich auch für das Umsetzen von harten Themen wie beispielsweise Standortschließungen, Restrukturierungen oder Personalabbau bewährt hat. Alle Arten von Veränderungsprozessen können so professionell und konstruktiv begleitet werden.

Auch wenn man bei „Moderation“ in der Regel an eine größere Menge an Menschen denkt: „Wer die systemische Denkweise für sich entdeckt hat, merkt schnell, dass sie in vielen Zusammenhängen äußert hilfreich ist“, berichtet Nanotechnologe Tovar. Es sei keinesfalls nötig, die Anwendung der Methode auf größere Skalierungen zu limitieren. Der Verfahrenstechniker nutzt das Instrumentarium zum Beispiel auch in bilateralen Arbeitssituationen. Selbst im inneren Team, das gerade für Führungskräfte beim Treffen von Entscheidungen eine große Rolle spielt, könne man so arbeiten, ergänzt Trainerin Stach: „Jeder, der sich auf eine andere Spur im gewohnten Denken bringen will, wird hier fündig – das funktioniert auch bei kleinen Gelegenheiten“.

Auf die Vielfalt einlassen
Wer die Chancen der Methode für sich und die Bewältigung seiner Aufgaben nutzen will, muss einige Grundlagen schaffen, damit das Tool seine Wirksamkeit tatsächlich entfalten kann. Ohne Überzeugung, dass Mitarbeiter, Kollegen oder Projektpartner einen bereichernden Beitrag zur Lösung einer Fragestellung leisten können, ist Systemische Moderation vergebene Liebesmüh‘. Das Gleiche gilt für das Stichwort „Beteiligung“: Der Ansatz wird nur in Organisationen funktionieren, die grundsätzlich bereit sind, sich auf Vielfalt einzulassen und diese nicht als ausschließliche Quelle von Problemen sehen. Wo die vermeintliche Teilhabe als Feigenblatt eingesetzt wird, verschärft sie durch die Erwartungen, die gegebenenfalls bei den involvierten Menschen geweckt werden, ein Problem nur weiter. Was zu guter Letzt auch unverzichtbar ist, ist ein Quäntchen Mut, neue Wege in der Zusammenarbeit zu beschreiten. Fraunhofer-Forscher Tovar hat keine Scheu mehr, seine Kollegen und Mitarbeiter mit neuen Vorgehensweisen zu überraschen – auch wenn sich sein technisch-naturwissenschaftliches Umfeld beim aktiven Bearbeiten softer Themen nach wie vor oft schwer tut: „Essenziell ist die Zuversicht, dass man gemeinsam besser zum Ziel kommt – stellt sich dann der gewünschte Erfolg ein, sind alle mit im Boot“.

ZUM THEMA
Systemisches Denken und Handeln heißt:

  • Menschen im System zu sehen;
  • zirkulär zu denken;
  • Auswirkungen zu antizipieren;
  • zielorientiert vorzugehen;
  • Ursachen- und Vergangenheitsklärung zu unterlassen;
  • Denkmuster anderer akzeptieren;
  • Prozesse zu steuern.

Anwendungsfelder der Systemischen
Moderation

  • innovative Ideen entwickeln;
  • passende Lösungen finden;
  • fokussierte Entscheidungen herbeiführen;
  • gemeinsame Ziele und Strategien finden;
  • Konflikte klären;
  • Umsetzungspläne skizzieren;
  • die Vergangenheit bewältigen;
  • die Zukunft gestalten.

 

 

 

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Heftausgabe: März 2014
Dr. Ulrike Felger, freie Fachjournalistin

Über den Autor

Dr. Ulrike Felger, freie Fachjournalistin
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