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Was fordert die 16. AMG-Novelle?

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20.06.2012 Seit Dezember 2011 liegt der Referentenentwurf zur 16. Novellierung des Arzneimittelgesetzes (AMG) und anderer arzneimittelrechtlicher Vorschriften vor. Ihr Ziel ist es, die neuen EU-Richtlinien zur Pharmakovigilanz sowie Arzneimittel- und Fälschungssicherheit in deutsches Recht umzusetzen.

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Entscheider-Facts

Folgen für Zulassungsinhaber und Hersteller:
  • Ein Risikomanagementsystem, wie es die Medizintechnik mit der ISO 14971 schon kennt, ist nun auch durch die Zulassungsinhaber zu implementieren – angefangen mit der Entwicklung über die Herstellung bis zur Marktbeobachtung.
  • Nebenwirkungen sind intensiver über das Pharmakovigilanz-System zu ermitteln, zu dokumentieren und zu berichten.
  • An die Beschaffung von Wirk- und Hilfsstoffen zur Herstellung wird in Zukunft eine deutlich höhere Anforderung gestellt.
Folgen für Wirkstoff- und Rohstoffhändler:
  • Es müssen mehr Informationen an die Überwachungsbehörde berichtet werden.
  • Die Einfuhr von Wirkstoffen wird mit den neuen Anforderungen an die Überwachungsbehörden in den Herstellerländern weiter verschärft.
  • Die Anforderungen an Hilfsstoffe nähern sich stark an die für Wirkstoffe an.

In regelmäßigen Abständen von etwa zwei Jahren erfolgt normalerweise im Nachgang zu Änderungen der europäischen Richtlinien eine Novellierung des deutschen Rechts. Eine Tatsache, die deutlich belegt, wie wichtig dem Gesetzgeber eine dem Stand der Wissenschaft und Technik angepasste Arzneimittelsicherheit ist.

Die geplante Aktualisierung des Gesetzes ist bereits die fünfte Änderung innerhalb der letzten zehn Jahre. Der vorliegende Entwurf, der zurzeit intensiv in verschiedenen Gremien diskutiert wird, hat seinen Schwerpunkt bei den Themen Pharmakovigilanz (Richtlinie 2010/84/EU) und Arzneimittelfälschung (Richtlinie 2011/62/EU). Im Rahmen dieser Novellierung des AMG sind unter anderem ebenfalls Änderungen und Aktualisierungen in der Arzneimittel- und Wirkstoffherstellungsverordnung (AMWHV), der GCP (Good Clinical Practice)-Verordnung sowie der DIMDI-Arzneimittelverordnung (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information) vorgesehen. Die inhaltlichen Schwerpunkte liest man in den folgenden Passagen.

Kapitel Pharmakovigilanz

Der zehnte Abschnitt des Arzneimittelgesetzes, der bislang unter der Überschrift „Beobachtung, Sammlung und Auswirkung von Arzneimittelrisiken“ die Paragraphen 62 und 63 umfasst, wird unter die Überschrift „Pharmakovigilanz“ gestellt. Darin werden die Vorgaben der europäischen Richtlinie vollständig übernommen, so dass umfangreiche Anpassungen der oben genannten Paragraphen erfolgen.
Die jedem Gesetz zu Grunde liegenden Begriffsbestimmungen werden ergänzt um die Begriffe:

  • Risikomanagement-System,
  • Risikomanagement-Plan,
  • Pharmakovigilanz-System sowie
  • Pharmakovigilanz-Stammdokumentation.

Der Zulassungsinhaber wird verpflichtet, die Marktbeobachtungen zum Erfassen von Arzneimittelrisiken durch ein arzneimittel-individuelles Risikomanagement-System zu begleiten. D.h. für jedes Arzneimittel ist ein angepasstes Risikomanagement-System zu etablieren. Als weitere Neuerung kommt auf den Zulassungsinhaber die Auflage zum Durchführen von Audits seines Pharmakovigilanz-Systems hinzu.

In diesem Zusammenhang wird auch der Begriff der Nebenwirkung etwas breiter gefasst: Als Nebenwirkung werden alle schädlichen und unbeabsichtigten Wirkungen verstanden, die in der neuen Definition auch unabhängig von der Dosierung gesehen werden. Um das Erfassen von Nebenwirkungen deutlich zu verbessern und damit die Sicherheit der Arzneimittel gewährleisten zu können, wird ein besonderes Augenmerk auf die Patienten gelegt. Patienten sollen zukünftig auf den Packungsbeilagen ausdrücklich aufgefordert werden, Verdachtsfälle von Nebenwirkungen unmittelbar ihren Ärzten, Apothekern oder anderen Angehörigen von Gesundheitsberufen oder gar der Bundesoberbehörde direkt zu melden. Eine ähnliche Aufforderung soll auch in die Fachinformation mitaufgenommen werden.

Arzneimittelsicherheit erhöht

Um die Sicherheit vor Fälschungen zu erhöhen, sollen auf allen verschreibungspflichtigen Arzneimitteln Sicherheitsmerkmale angebracht werden (§ 10 AMG). Damit sollen die Echtheit und das Identifizieren der einzelnen Verpackung überprüft und gegebenenfalls erfolgte Manipulationen nachgewiesen werden können.

Im Rahmen der Zulassung ist auch eine Erklärung des Arzneimittelherstellers einzureichen, in der über die durchgeführten Audits bei Lieferanten Auskunft gegeben wird (Ergebnis und Datum). In den neu formulierten Bestimmungen zu den Inspektionen durch die Überwachungsbehörden wird neben der Guten Herstellungspraxis (GMP) auch die Gute Vertriebspraxis (GDP) aufgeführt, ohne dass Einzelheiten dazu beschrieben werden. Hier wird vermutlich Bezug genommen auf die Ausführungen in der Richtlinie 2011/62/EU, in denen es sinngemäß heißt:

  • Die Kommission erlässt Grundsätze und Leitlinien der Guten Herstellungspraxis für Wirkstoffe.
  • Die Grundsätze der guten Vertriebspraxis für Wirkstoffe werden von der Kommission in Form von Leitlinien angenommen.
  • Die Kommission erlässt Leitlinien zur formalisierten Risikobewertung im Hinblick auf die Ermittlung der einschlägigen Guten Herstellungspraxis für Arzneiträgerstoffe (Hilfsstoffe).

Einfuhrbestimmungen verschärft

Auch bei der Einfuhr von Wirkstoffen soll es eine Reihe von Neuerungen geben: Beim § 72a „Zertifikate“ soll der WHO-Standard für GMP als zulässiger Standard wieder entfernt werden, so dass sich de facto eine Verschärfung der Anforderungen ergibt, wie sie in der Richtlinie 2011/62/EU gefordert wird: „…den von der Union festgelegten Standards zumindest gleichwertig.“

Darüber hinaus sollen die Behörden der exportierenden Staaten die Wirkstoffhersteller regelmäßig überwachen, einschließlich wiederholter und unangekündigter Inspektionen. Im Falle von Abweichungen sollen die hiesigen – europäischen – Behörden informiert werden. Wie dies in der Praxis umgesetzt wird, muss abgewartet werden.

Durch die Aufhebung der Nr. 4 in Absatz 1a werden die Anforderungen an die Einfuhr nun auch auf die pflanzlichen Wirkstoffe im Zustand bis zur initialen Extraktion ausgedehnt. Die Einfuhrbeschränkungen sollen nicht für Wirkstoffe gelten, die aus Staaten eingeführt werden, die auf einer noch nicht veröffentlichten Liste der Europäischen Kommission stehen.

Audits gemäß AMWHV ausgedehnt

In der Arzneimittel- und Wirkstoffherstellungsverordnung sollen überdies die Änderungen des § 11 „Selbstinspektionen und Lieferantenqualifizierung“ folgendendermaßen präzisiert werden:

  • Herstellung und Vertrieb der Wirkstoffe sollen geprüft werden.
  • Audits durch geeignete Dritte sollen nach den Regeln des QM-Systems des Arzneimittelherstellers zulässig sein.
  • Audits sollen auch bei Importeuren oder Vertreibern des Wirkstoffs durchgeführt werden und ein Prüfen der Registrierung bei der zuständigen Behörde beinhalten.
  • Eine formalisierte Risikobewertung bei Hilfsstoffen soll auch das Prüfen der Einhaltung einer angemessenen Herstellungspraxis (GMP) für die Hilfsstoffe umfassen.
  • Die Spezifikationen für Arzneimittel und Wirkstoffe sollen die akzeptierten Hersteller und Lieferanten enthalten.

Fazit: Nachdem Verbände und Gremien aufgefordert waren, im Januar ihre Anmerkungen und Kommentare einzureichen, wird das neue Gesetz und dessen Formulierungen bis Mitte 2012 finalisiert werden. Erfahrungsgemäß folgen noch einige Revisionszyklen, bevor die endgültige Verabschiedung im Parlament erfolgt. Nichtsdestotrotz: Man sollte gut vorbereitet sein.

Heftausgabe: Juni 2012
Dr. Friedrich Elstner Senior Consultant GMP-Compliance & Medical Devices, Dr. Jan-Carsten Hempel Lei

Über den Autor

Dr. Friedrich Elstner Senior Consultant GMP-Compliance & Medical Devices, Dr. Jan-Carsten Hempel Lei

Dr. Friedrich Elstner

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