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Cochrane-Report: Wirksamkeit von Tamiflu falsch eingeschätzt

14.04.2014 Das Deutsche Cochrane Zentrum in Freiburg weist auf die Veröffentlichung eines Cochrane-Reports über das Grippemittel Tamiflu hin, demzufolge die Wirksamkeit dieses Medikaments „falsch eingeschätzt“ wurde. Der Hersteller Roche hatte rund 60 % aller Patientendaten nicht veröffentlicht, schreibt die Organisation.

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Cochrane-Report: Wirksamkeit von Tamiflu falsch eingeschätzt

Verblisterung von Tamiflu-Kapseln im Roche-Werk Kaiseraugst (Bild: Roche)

Die wichtigsten Ergebnisse des Cochrane-Reports sind: Der Neuraminidasehemmer Tamiflu kann die Dauer einer Grippe um einen halben Tag verkürzen. Es gibt keine guten Beweise dafür, dass Tamiflu schwere Komplikationen und Spitalsaufenthalte reduzieren kann. Vorbeugend eingesetzt kann Tamiflu Grippesymptome verhindern, aber es ist nicht nachgewiesen, dass es die Ausbreitung des Virus reduzieren kann.

Nach dem Ausbruch der Schweinegrippe 2009 und der unklaren Bedrohungslage hatten viele Regierungen die Neuraminidase-Hemmer Oseltamivir (Tamiflu) von Roche oder Zanamivir (Relenza) von Glaxosmithkline bestellt. In Deutschland wurde bereits 2007 und 2008 mit der Einlagerung begonnen, nachdem sich von 2006 an die Vogelgrippe von Asien kommend auch in Europa ausgebreitet hatte. In Deutschland sind aufgrund der Länderhoheit in Gesundheitsfragen keine exakten Zahlen verfügbar, schreibt die Süddeutsche Zeitung zu diesem Thema und beziffert die Schätzungen auf mindestens 500 Mio. Euro für diese Medikamente. Weltweit seien wohl mehr als 10 Mrd. Euro, die für die Bevorratung bezahlt wurden.

Der Cochrane Collaboration, einem internationalen Netzwerk von Ärzten, Wissenschaftlern und Methodikern, ist es mit Hilfe der Öffentlichkeit gelungen, genügend Druck auf Roche auszuüben, damit Studiendaten über Tamiflu freigegeben wurden. Die Auswertung aller Daten zu Tamiflu wurde vor wenigen Tagen in einem Cochrane-Report publiziert (Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults and children). „Die Ergebnisse sind ernüchternd“, schreibt das Deutsche Cochrane Zentrum dazu auf seiner Internetseite: „Von den erhofften Effekten ist bei Betrachtung aller Daten nur mehr sehr wenig übrig“.

Dazu Prof. Gerald Gartlehner, Leiter der Österreichischen Cochrane Zweigstelle: „Es ist anzunehmen, dass Regierungen nicht für Milliarden Euro Tamiflu gebunkert hätten, wäre ihnen diese Information schon 2005 zur Verfügung gestanden.“ Die vermeintliche Wirkung gegen Komplikationen und gegen eine Ausbreitung der Krankheit, haben wesentliche Entscheidungen in Gesundheitssystemen beeinflusst. Da für diese Wirkung jedoch der Nachweis fehlt, empfehlen die Cochrane Collaboration und das British Medical Journal sämtliche Empfehlungen und Richtlinien zu Tamiflu zu überarbeiten.

Der Krimi um Tamiflu belegt, wie notwendig eine unabhängige Bewertung von Arzneimitteln ist, die wiederum nur gemacht werden kann, wenn sämtliche Ergebnisse veröffentlicht werden müssen, schreibt der deutsche Cochrane-Ableger. Prof. Gartlehner: „Bevor Unsummen in Maßnahmen wie den Kauf von Tamiflu oder Gesichtsmasken investiert werden, sollte die Evidenz erhoben werden. Uninformierte Spontankäufe gehen nicht nur auf Kosten der Steuerzahler, sondern in letzter Konsequenz auf die Gesundheit von uns allen.“

Weblinks zum Thema
Den am 10. April veröffentlichten Cochrane-Report (Cochrane Review, 550 Seiten) „Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults and children“ finden Sie auf der Wiley Online Library oder direkt hier. Die englische Pressemeldung der Cochrane Collaboration finden Sie auf der Internetseite dieses Netzwerkes oder direkt hier. Einen allgemeinverständlichen Artikel („Sargnagel für Tamiflu“ von Werner Bartens) über die Aussagen des besagten Cochrane-Reports finden Sie in der Süddeutschen Zeitung vom 10. April oder direkt hier.

(dw)

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