Markt

Deutschland soll Spitzenproduktionsstandort für Hightech-Medikamente werden

02.10.2014 Der Verband Forschender Pharmaunternehmen (vfa) in Berlin hat Vorschläge erarbeitet, Deutschland zum Spitzenproduktionsstandort für biotechnologisch hergestellte Medikamente zu machen. Der Produktionsstandort Deutschland weise neben seinen Stärken auch einige Schwächen auf, die gezielt angegangen werden müssten.

Deutschland soll Spitzenproduktionsstandort für Hightech-Medikamente werden

Boehringer Ingelheim erhielt im April dieses Jahres den „Facility of the Year Award“ für seine innovative Anlagentechnik bei der Abfüllung von Biotech-Arzneimittel von der International Society for Pharmaceutical Engineering (Bild: Boehringer Ingelheim)

Aufgrund des gut ausgebildeten Fachpersonals bietet es sich primär an, in Deutschland forschungsintensive, höherwertige Produkte herzustellen oder entsprechende Dienstleistungen zu erbringen. Deshalb müssen nach Ansicht des vfa solche Branchen gestärkt werden, die zur Hoch- oder Spitzentechnologie zählen. Hierzu gehören mit Forschungsausgaben von rund 14,3 % des Umsatzes die forschenden Pharma-Unternehmen.

Damit die hier forschenden Pharmaunternehmen in dem durch die Globalisierung verschärften Standortwettbewerb mithalten können, sind – so die vfa-Position – neben allgemeinen Impulsen zur Stärkung des Standortes im Bereich der Wirtschafts- und Finanzpolitik folgende Maßnahmen erforderlich:

Die Erhöhung der Planungssicherheit und damit der Investitionsbereitschaft durch die Schaffung von stabilen, innovationsfreundlichen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen; die Förderung von Forschung und Lehre im Bereich Prozessentwicklung einschließlich der Einrichtung von spezifischen Ausbildungsgängen im Bereich Produktion/Prozessentwicklung; die Erhaltung des hohen Ausbildungsstands der technischen Berufe und der guten Ingenieursausbildung; die Schaffung forschungsfreundlicher Rahmenbedingungen, da auf lange Sicht Forschung/Entwicklung und Produktion in enger Nähe angesiedelt werden.

Auf europäischer Ebene fordert der Verband eine Initiative für weitere Erleichterungen bei den behördlichen Mitteilungs-/Genehmigungsverfahren für Änderungen bei der Herstellung und Qualitätsprüfung von Wirkstoffen und Arzneimitteln.

Bis in die 1980iger Jahre zählten deutsche Pharmafirmen zu den weltweit größten Pharma-Unternehmen. Auch heute noch nimmt Deutschland eine führende Rolle bei der Herstellung pharmazeutischer Produkte ein und ist stark im Export: Die pharmazeutische Industrie in Deutschland erwirtschaftete 2013 über 42,3 Mrd. Euro Umsatz, zwei Drittel davon im Ausland. Demgegenüber werden inzwischen aber lediglich noch etwa 20 % der im EU-Markt für die Arzneimittelherstellung benötigten Wirkstoffe auch in der EU produziert. Etwa 80 % der benötigten Wirkstoffe werden aus Drittländern, insbesondere China, Indien, Taiwan und Korea bezogen.

Die Produktionsverfahren von biotechnologischen Arzneimitteln unterscheiden sich deutlich von den klassischen chemischen Feststoff-Produktionsverfahren, da sie auf Bakterien- oder Zellkulturen basieren. Sie sind um ein Vielfaches aufwändiger und sensibler als die chemischen Produktionsverfahren und erfordern spezifisches Know-how des involvierten Personals. Bei der Herstellung von Biopharmazeutika nimmt Deutschland in Europa weiterhin den ersten Platz ein. Weltweit haben nur die USA mehr Produktionskapazitäten. Der Großteil der Kapazitäten in Deutschland konzentriert sich dabei auf drei Standorte: Roche in Penzberg, Sanofi-Aventis in Frankfurt-Höchst sowie Boehringer Ingelheim in Biberach. Derzeit nach wie vor weit abgeschlagen folgen die Länder Indien und Japan.

Während Deutschland Anfang der 1990er Jahre nach den USA und Japan noch drittgrößter Produzent von Arzneimitteln war, war es zwischenzeitlich auf Platz 5 hinter die USA, Japan, Frankreich und UK zurückgefallen, dann wieder auf Platz 3 vorgerückt. Aktuell liegt Deutschland hinter den USA, Japan und der Schweiz auf Platz 4 (in dieser Statistik fehlen allerdings Zahlen zu China). Um diese Position zu halten und zu festigen, gilt es, konsequent an den nachfolgend beschriebenen Schwächen zu arbeiten. Bei künftigen Investitionsentscheidungen sind aber nicht allein die Produktionskosten ausschlaggebend, gleichzeitig spielt eine große Rolle, ob Deutschland ein innovationsoffener Standort und Arzneimittelmarkt ist.

Schwächen des Produktionsstandorts Deutschland
Gesundheitspolitische Rahmenbedingungen: Sie haben sich für die forschenden Pharmaunternehmen in Deutschland durch die verschiedenen Kostendämpfungsgesetze der letzten Jahre erheblich verschlechtert (Preisstopp, Zwangsrabatt). Dadurch ist keinerlei Planungssicherheit mehr gegeben mit der Folge einer zögerlichen Haltung bei größeren Investitionen. Zusammen mit einigen restriktiven Regelungen im Bereich der Forschung führt dies dazu, dass international agierende Unternehmen begonnen haben, nicht nur ihre Forschungs-, sondern auch die Produktionsinvestitionen in Länder mit innovationsfreundlicheren Rahmenbedingungen zu lenken.

„Re-Import“/Parallelimport-Quote: Trotz gestiegener Arzneimittelfälschungen gerade im Bereich der aus dem europäischen Ausland nach Deutschland verbrachten Arzneimittel bleibt für Apotheker der Zwang diese -häufig aufgrund der Rabattsituation nicht einmal mehr günstigeren – Arzneimittel statt der Originalpräparate abzugeben.

Arbeitsrecht: Die unzweifelhaft vorhandene Flexibilität und der Einsatzwille von Mitarbeitern werden zum Teil durch stringente Regelungen bezüglich Arbeitszeit und Überstunden neutralisiert. Dadurch wird, gemessen am gebundenen Kapital, nicht die optimale Effizienz erreicht.

Energiekosten: In Deutschland liegen die Energiekosten wesentlich höher als in konkurrierenden Ländern; dies verschlechtert die Konkurrenzfähigkeit gerade auch in der Pharmaindustrie, da der Energiebedarf mit stetig wachsenden Ansprüchen an die Umgebungsbedingungen (hochwertige Klimatisierung, Reinraumtechnik) in Produktionsbereichen einen wichtigen Kostenfaktor darstellt.

Weblink zum Thema
Das 8-seitige Positionspapier (PDF) des Verbands Forschender Pharmaunternehmen (vfa) finden Sie auf der Internetseite des Verbandes (unter „Wirtschaft & Politik“) oder direkt hier.

(dw)

Loader-Icon