Erfolgsfaktoren der Digitalisierung

Digitaler Wandel in der Pharmaindustrie

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Die Vorteile der Vernetzung nutzen

Damit liegt der entscheidende Vorteil eines zentralen Brains auf der Hand: Daten zielgerichtet erkennen und in Prozessen verwenden. So ein selbstlernendes System kann Rückschlüsse aus erhobenen Daten ableiten, Störfälle auswerten und die Datensätze vergleichen. Dadurch reagiert das Brain immer schneller und besser auf bekannte, aber auch auf neue Problemstellungen. In Kombination mit dem bislang vorrangig als Planungsmethode eingesetzten Building Information Modeling, kurz BIM, kann das viele Vorteile bieten. Hat das Unternehmen ein neues oder umgebautes Gebäude fertiggestellt, kann es BIM-Daten weiter anwenden, um Informationen zentral zu erfassen, zu vernetzen und den fortlaufenden Abgleich aller Gebäudedaten zu fördern.
Sind die Informationen verfügbar und im übergreifenden System integriert, ist folgendes Beispielszenario denkbar: Die Echtzeit-Daten deuten auf Störungspotenzial in einer Anlage hin. Das Brain erkennt dies, bewertet die Situation und sendet eine Meldung mit allen wichtigen Informationen an die Produktionsleitung und den Facility-Management-Dienstleister. Diese können aufgrund der übermittelten Daten das Problem schnell und gezielt angehen. Einmal vor Ort, werden die eingesetzten Personen zur betroffenen Anlage navigiert – mithilfe der vorhandenen, bei der Planung erhobenen BIM-Daten und eines im Brain integrierten Gebäudenavigationssystems. Diese Prozessabfolge erfolgt ganz automatisch und reduziert den Aufwand für das jeweilige Pharmaunternehmen. Die klassische Gebäudeleitechnik kann das nicht leisten, da sie nur die Informationen aus den technischen Anlagen berücksichtigt, nicht den nachfolgenden Prozess.

Mithilfe von Beacons lassen sich unter anderem Bewegungsmuster im Gebäude erkennen. (Bild: Drees & Sommer Gruppe)

Mithilfe von Beacons lassen sich unter anderem Bewegungsmuster im Gebäude erkennen. (Bild: Enlighted Inc. )

Das Building Information Modeling fördert den fortlaufenden Abgleich aller Gebäudedaten. (Bild: Drees & Sommer Gruppe)

Das Building Information Modeling fördert den fortlaufenden Abgleich aller Gebäudedaten. (Bild: Enlighted Inc. )

Cyber Security hat höchste Priorität

Was nach Science-Fiction klingt, ist mit den heutigen Technologien im Prinzip bereits möglich. Die Herausforderung besteht vor allem darin, die Systemkomponenten sinnvoll miteinander zu verknüpfen und zu vernetzen. In diesen Kontext gehört auch die Frage, wie Unternehmen ihre Daten und Prozesse zukünftig vor Cyberattacken schützen. Aktuelle Beispiele wie die Angriffe auf die Telekom im letzten Jahr zeigen: Diese Gefahr darf keineswegs unterschätzt werden. Datendiebstahl, Manipulation in der Gebäudetechnik,  Produktionsausfälle – die Liste potenzieller Szenarien ist lang. Für ein Pharmaunternehmen könnte das Auftreten von nur einem dieser Störfälle dramatische Konsequenzen haben. Es geht dabei neben den finanziellen Folgen auch um den Image-Schaden und den Verlust von Kunden und Marktanteilen.
Damit diese Probleme nicht eintreten, sind konsequente und komplexe Gegenmaßnahmen notwendig, die im Rahmen eines Cyber Security Management Systems, kurz CSMS, festgelegt sind. Als erstes sind dazu Cyber Security Standards zu definieren, um die Anlagensysteme, die Gebäudetechnik und die sensiblen Unternehmensbereiche sicher zu vernetzen. Aber auch die nachhaltige Organisation und die entsprechenden Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette sowie die dauerhafte Qualifikation aller Beteiligten sind wichtig.

Mit dem Thema Cyber Security eng verbunden ist auch die Frage nach dem physikalischen Aufbau der digitalen Strukturen. Rechenzentren waren früher meistens in untergeordneten Bereichen des Firmengeländes untergebracht. Auch damals wurden Sicherheitsstandards definiert, jedoch genügen diese angesichts der aktuellen Bedrohungslage meistens nicht mehr. Die Anforderungen nach Verfügbarkeit der Produktion beim vernetzten Produktionsumfeld steigen massiv. Pharmaunternehmen können aufgrund der damit verbundenen Risiken nicht vorsichtig genug sein. Oft ist es allerdings nicht wirtschaftlich, die eigenen Rechenzentren aufzurüsten. Das liegt vor allem an den hohen Verfügbarkeitsanforderungen – Aufbau von Geo-Redundanzen, Safety- und Security-Maßnahmen. Eine Alternative stellt der aktuelle Trend zum Rechenzentren-Housing dar. Auf Rechenzentren spezialisierte Dienstleister vermieten IT-Flächen und bieten dabei eine sichere technische Infrastruktur, die den definierten Anforderungen entspricht. Dieses ist insbesondere für den Aufbau einer Georedundanz für den Rechenzentrumsverbund sinnvoll.
All diese Überlegungen sollten Pharmaunternehmen bei der Planung ihrer Produktion bereits im Rahmen des Anforderungsmanagements berücksichtigen. Die klassischen Planungsleistungen wie Architektur und technische Gebäudeausrüstung decken diese komplexen Aufgaben nicht ab. Zukünftig sorgt dafür der Digitalisierungsconsultant. Er erarbeitet den Nutzen der in Frage kommenden Technologien und Systeme und stellt ihre Vernetzung sicher. Außerdem erfasst er die Vorgaben für die Planungsleistungen in Form eines Lastenheftes. Damit sie erfolgreich umgesetzt werden, begleitet der Digitalisierungsconsultant das Projekt bis hin zur Inbetriebnahme der Produktion.
Werden die Anforderungen an digitale Strukturen nicht rechtzeitig festgelegt und integriert, ist weder der Aufbau eines zentralen Brains möglich noch die IT-Sicherheit gewährleistet. Die zentralen Vorteile der Digitalisierung bringen keinen Nutzen, außerdem riskieren Unternehmen hohe Schäden wegen Lücken in ihren Sicherheitssystemen. Betriebe der Pharmaindustrie müssen sich deshalb darauf einstellen, dass eine Digitalisierungsstrategie zu den ersten Schritten eines jeden Bauvorhabens zählt.

Heftausgabe: April 2017
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Klaus Dederichs, Associate Partner der Drees & Sommer Gruppe

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