Herausforderungen bringen uns voran

Interview mit Florian Klein und Jürgen Kutzer, Ruland Engineering & Consulting

23.04.2020 Vor 20 Jahren gegründet, ist Ruland Engineering & Consulting heute eine feste Größe im Anlagenbau.

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Individuelle Lösungen für Flüssig-Prozesse in der Pharma- und Lebensmittel­industrie sowie der Feinchemie sind die Spezialität des Anlagenbauers Ruland Engineering & Consulting.Bild: Ruland

 

Im P+F-Interview erläutern die Geschäftsführer Florian Klein und Jürgen Kutzer, welche Trends im Markt dazu führen, dass sich Pharma-, Lebensmittel- und Chemieanlagenbau immer weiter annähern.

P+F: Zwei Jahrzehnte seit der Gründung – das klingt erst einmal nach einer vergleichsweise kurzen Zeit. Was hat sich verändert?

Klein: Ruland Engineering war von Anfang an in der Lebensmittel- und der Pharmaindustrie tätig. Dort hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten sehr viel verändert: In der Getränkeindustrie beobachten wir nach wie vor eine zunehmende Industrialisierung – weg von den kleinen Betrieben hin zu großen Industriebetrieben. Die Einführung des Flaschen- und Dosenpfands war hier ein Treiber. Dazu kommen gestiegene Hygieneanforderungen, oft wurden Prozesse von der Heiß- auf die aseptische Kaltabfüllung umgestellt. Dort ist Technik gefragt, wie wir sie aus Pharmaprojekten kennen.

P+F: Hat sich denn in den Zielmärkten der Scope der Projekte verändert?

Kutzer: Ja. Früher hat der Kunde eine Anlage gekauft, und wir haben diese gebaut. Mittlerweile gibt es beliebig viele Konstellationen – darunter solche, wo wir als System­integrator agieren, oder aber Projekte, die wir aus Zeitgründen zu 80 % auf den Weg bringen und dann gemeinsam mit dem Kunden die letzten 20 % im Projekt erarbeiten. Mit diesen Konstellationen kann der Kunde Investitionskosten reduzieren. Letztlich möchte er aber hauptsächlich die Sicherheit, dass das Projektziel erreicht wird. Und das haben wir über die Jahre bewiesen.

Klein: Die Veränderungen haben zum Teil aber auch ihre Ursache darin, dass wir neue Kundenzielgruppen angehen – jede Branche und jeder Betreiber hat eigene Besonderheiten, und natürlich spielt auch die Unternehmensgröße eine Rolle.

Ruland Engineering Jürgen Kutzer und Florian Klein

„Wir haben keine Standardanlagen im Programm, die Prozesse werden bei uns immer individuell konstruiert.“
Jürgen Kutzer und Florian Klein, Ruland Engineering
Bild: Redaktion

P+F: Eine Besonderheit für Sie als Anlagenbau-Unternehmen ist, dass Sie neben Planungsleistungen auch eine relativ hohe Fertigungstiefe beim Bau der Anlagen haben.

Kutzer: Das stimmt, wir sind zwar mit Consulting gestartet, aber es wurde sehr schnell klar, dass die Projekte eine andere Qualität bekommen, wenn man das Vorhaben nicht nur als Berater begleitet, sondern die Anlagen auch baut. Wir haben nie versucht, bestimmte Branchen zu akquirieren, sondern das ging immer über Empfehlungen aufgrund erfolgreicher Projekte. In der Pharmaindustrie sind wir im Peripheriebereich mit Reinigungsanlagen gestartet, mittlerweile sind wir auch im Wirkstoffbereich sehr stark. Und dann kamen Forderungen aus dem Biotech-Bereich, die für uns ebenfalls nicht neu waren, weil wir das schon lange in der Lebensmittelherstellung anbieten: Aufbereitung, Pasteurisierung, Sterilisation von Produkten, Fermentationsprozesse – das konnten wir sehr schnell transferieren. Und jetzt erhalten wir verstärkt Anforderungen aus der Feinchemie, wo wir auch wieder bekannte Technologien anwenden können.

Klein: Vor allem in den schwierigen Jahren nach 2008 haben wir auch Projekte in Branchen angenommen die für uns neu waren. Dadurch konnten wir vielfältige Erfahrungen sammeln. Heute machen wir in der Flüssig-Prozesstechnik fast alles: Von Anlagen für Parfum über Kontakt­linsenflüssigkeit, verschiedene Filtrationslösungen, Polymerlösungen, Wandfarbe, Ketchup, Senf oder Fruchtkonzentrate – ein sehr breites Spektrum.

P+F: Über die Jahre haben sich Pharma- und Lebensmittelindustrie technologisch stark angeglichen. Welche Trends sehen Sie?

Kutzer: Diese Beobachtung teilen wir: Die Anforderungen nähern sich immer weiter an. Zum Teil ist das übertrieben. So gibt es auch in der Lebensmittelindustrie inzwischen Projekte, wo selbst für Hilfsprozesse oder CIP-Anlagen eine Schweißnaht-Dokumentation oder eine Art Qualifizierung gefordert wird. Da stellt sich dann die Frage nach der Kosten-Nutzen-Relation. Über den Daumen kann man sagen, dass man für ein Pharmaprojekt etwa die doppelte Engineering-Kapazität benötigt wie für einen Auftrag in der Lebensmittelindustrie. Und das hat natürlich seinen Preis! Ob das am Ende zu besseren Produkten führt, ist aus meiner Sicht fraglich.

Klein: Wir sehen heute, dass die Transferleistung aus Lebensmittel- und Pharmaprojekten auch in der Chemie gefragt ist: So sind beispielsweise auch wasserbasierte Wandfarben mikrobiologisch anfällig und erfordern hygienische Produktionsprozesse. Wir beobachten, dass die Produktvielfalt bei den Kunden zunimmt und die Chargen kleiner werden. Auch die Nachverfolgbarkeit wird wichtiger – da hilft uns die Digitalisierung. Heute ist es kein Problem, Daten zu erfassen, aber die entscheidende Frage lautet: Welches sind die richtigen Daten, um darüber eine Aussage zum Zustand des Prozesses zu erhalten? Wir arbeiten mit einem PC-basierten Datenbanksystem, das sehr tief in die Steuerung integriert ist und mit dem wir in der Pharmaindustrie Daten protokollieren können. Wichtig ist, dass wir immer den Zusammenhang mit dem Prozess darstellen.

P+F: Werden in Projekten der Lebensmittelindustrie eher Anlagen von der Stange gekauft?

Klein: Fast nie. Selbst beim selben Kunden sind die Standorte für neue Anlagen und die Gegebenheiten vor Ort meist anders. Beispielsweise wenn die Halle niedriger ist oder ein anderes Kühlmedium genutzt wird. Und meist sind in gewachsenen Werken die Strukturen unterschiedlich – ob es Komponentenlieferanten, Servicestrukturen etc. sind. Standardmodule Plug-and-Play funktionieren da in der Regel nicht – Skids müssen individuell angepasst werden. Und das erfordert Erfahrung und Kompetenz.

Kutzer: Wir haben keine Standardanlagen im Programm, die Prozesse werden bei uns immer individuell konstruiert. Es gibt natürlich Anlagenbauer, die Standardanlagen verkaufen – aber diese tun sich in unserem speziellen Markt schwer. Denn oft müssen Rezepturen je nach Rohstoffbeschaffenheit angepasst und der Prozess danach geregelt werden. Darin steckt das Know-how – und das muss beim Kunden vorhanden sein. Und je mehr er dieses Know-how mit uns teilt, desto besser können wir ihn beraten, um die beste technische Lösung zu finden.

P+F: Ihr Firmenjubiläum ist Anlass für einen Rückblick. Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in 20 Jahren?

Klein: Wir wachsen organisch und fühlen uns mit unserem Ingenieursangebot wohl. Uns ist es wichtig, immer wieder Neues anzupacken. Herausforderungen helfen uns, voranzukommen. Letztendlich geht es darum, die Mannschaft richtig aufzustellen und den Mitarbeitern zu ermöglichen, dass sie ihre Berufung finden. Und dabei beschäftigt uns derzeit intensiv die Frage: Wie können Mitarbeiter ihre Erfahrung weitergeben? Denn Erfahrung entsteht meist aus gemachten Fehlern – und die kosten Geld. Wir wollen einen vernünftigen Ertrag erwirtschaften, aber das Wichtigste ist, Projekte zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.

 

Ruland Engineering & Consulting

Ruland Engineering & Consulting plant und realisiert weltweit Prozessanlagen. Das inhabergeführte Unternehmen wurde im Jahr 2000 von Günter Ruland und Jürgen Kutzer zusammen mit Bernhard Scheller und Mathias Nauerth gegründet. Es liefert individuelle Lösungen in den Bereichen Tanklager, Ausmisch- und Dosiersysteme, thermische Anlagen sowie Vakuum-Entgasungsanlagen, Filtrationsanlagen, Fermenter und CIP-Anlagen. Die komplette Automation mit eigenem Schaltschrankbau gehört seit vielen Jahren zum Spezialgebiet. Seine Anlagen montiert der Anlagenbauer selbst und führt auch Inbetriebnahme, Rohrleitungsmontage und Dokumentation aus. Service-Leistungen wie Wartung und Instandhaltung runden das Anlagenbau-Spektrum ab.

Heftausgabe: Pharma + Food April 2020
Die Fragen stellte  Armin Scheuermann, Chefredakteur von Pharma+Food

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Die Fragen stellte Armin Scheuermann, Chefredakteur von Pharma+Food
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