„Digitalisierung gemeinsam mit Kunden entwickeln“

Interview mit Dr. Jürgen Brandes, CEO der Siemens Division Process Industries and Drives

18.08.2018 Die Digitalisierung der Prozessindustrie auf Trab bringen – mit diesem Anspruch ist Siemens zur Achema angetreten. Der Automatisierungsanbieter hat dabei den gesamten Anlagen-Lebenszyklus im Blick. „Wir wollen das klassische Kunden-Lieferanten-Verhältnis neu gestalten und unsere Produkte und Leistungen gemeinsam mit Partnern in einem Co-Creation-Prozess entwickeln“, sagt Dr. Jürgen Brandes, CEO der Siemens Division Process Industries and Drives, im CT-Gespräch.

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Dr. Jürgen Brandes ist CEO der Division Process Industries and Drives der Siemens AG. „Mit dem digitalen Zwilling haben wir die technischen Voraussetzungen für Industrie 4.0 schon heute geschaffen.“

CT: Siemens hatte sich zur Achema das Messe-Motto „Accelerate the digital transformation“ gewählt. Bislang war die Chemie beim Einsatz neuer Technologien eher zurückhaltend. Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass die Branche ihre Digitalisierungsbemühungen beschleunigt?
Brandes: Zunächst möchte ich dem Eindruck widersprechen, dass Chemie- und Pharmaindustrie nicht innovativ sind. Die Herausforderungen in Sachen Umwelt, Sicherheit und Gesundheit oder Produktionsanlagen mit sehr langen Laufzeiten, teils 20 Jahre und länger, führen zu einem anderen Investitionsverhalten wie zum Beispiel in der Automobilindustrie, wo für eine neue Autoserie eine neue Fabrik errichtet wird. Wir haben es in der Chemie und Pharmaindustrie mit sehr kompetenten Fachleuten zu tun – vom Engineering über den Betrieb bis hin zum Management. Diese wollen wir von dem Nutzen des digitalen Zwillings ihrer Anlagen überzeugen. In logischer Konsequenz sollten sie dann wiederum von ihren Engineering-Partnern und Systemintegratoren die Anlagendokumentation in digitaler Form eines digitalen Zwillings einfordern, da diese Informationen als ein wichtiger erster Bestandteil des digitalen Zwillings einer Produktionsanlage verwendet werden können.

CT: Worin besteht dieser Nutzen konkret?
Brandes: In erster Linie in der Flexibilität, um auf Anforderungen der Märkte reagieren zu können. Die Welt verändert sich sehr schnell – es reicht heute nicht mehr aus, Chemie zu produzieren – die Kunden fordern immer stärker individualisierte Produkte. In der pharmazeutischen Industrie geht der Trend beispielsweise hin zur personalisierten Medizin – und diese muss in kleinsten Losgrößen produziert werden können. Um die Forderungen der Arzneimittelbehörden zu erfüllen, ist eine sehr tief gestaffelte Dokumentation notwendig. Hier kann der digitale Zwilling einer verfahrenstechnischen Produktionsanlage unterstützen. Als erster Anbieter überhaupt bieten wir ein durchgängiges Datenmodell entlang des gesamten

Anlagen-Lebenszyklus, von Integrated Engineering zu Integrated Operations bis zu datenbasierten Services. Dieser digitale Zwilling ermöglicht es Anwendern, sogar während des laufenden Betriebs eine höhere Flexibilität, kürzere Time-to-Market, gesteigerte Effizienz und verbesserte Qualität zu erreichen. Damit haben wir die technischen Voraussetzungen für Industrie 4.0 schon heute geschaffen.

Heftausgabe: August 2018
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Die Fragen stellte  Armin Scheuermann, Chefredakteur der  CHEMIE TECHNIK

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