Lebensverlängernde Maßnahmen

Interview mit Henning Wolf, Leiter Retrofit bei Glatt

02.06.2020 Anlagen zur Arzneimittelproduktion haben in der Regel eine lange Lebensdauer. In dieser Zeit ändert sich nicht nur die Technik, sondern auch das technische Regelwerk. Damit Betreiber ihre Anlagen möglichst lange auf dem gültigen Stand der Technik betreiben können, hat Glatt ein 20 Mitarbeiter starkes Retrofit-Team gegründet. Im P+F-Gespräch erläutert Henning Wolf, Leiter des Teams, die Vorgehensweise.

P+F: In der pharmazeutischen Industrie laufen einmal installierte Anlagen zum Teil viele Jahre unverändert. Wo und wann spielt Retrofit eine Rolle?
Wolf: Wenn der Kunde auf der Anlage ein neues oder anderes Produkt fahren will kann es sein, dass die Anlagentechnik angepasst werden muss. Dann spielt eigentlich immer auch die Sicherheitsbetrachtung eine Rolle. Beispielsweise gibt die Arbeitsmittelbenutzungsrichtlinie 2009/104/EU, die in Deutschland in die BetrSichV eingegangen ist. Diese legt Betreibern die Verantwortung auf, ihren Mitarbeitern die sichersten Arbeitsmittel gemäß Stand der Technik zur Verfügung zu stellen. Hier kommen wir ins Spiel, weil wir mit unseren 20 Mitarbeitern und rund 400 Jahren Erfahrung das Knowhow haben, um diese zu beraten. Teilweise auch pro-aktiv, weil der Kunde die Anlage gar nicht so im Detail kennt.
Ein weiteres Szenario ist, wenn ein Betreiber eine Anlage vom Standort A zum Standort B umzieht – dort unterstützt Glatt mit Expertise bei Demontage und Verpackung sowie beim Wiederaufbau. Manchmal kaufen die Kunden aber auch eine gebrauchte Anlage auf dem Markt, und diese soll wieder betriebsbereit gemacht werden. Auch hier profitiert der Kunde von der jahrelangen Erfahrung des Glatt-Retrofit-Teams.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Sobald ein Ersatzteil nicht mehr 1:1 austauschbar ist, also zum Beispiel der Hardware Plan, das R+I oder gar die Steuerung anzupassen ist, sprechen wir von einem Retrofit.
Henning Wolf, Leiter Retrofit bei Glatt (Bild: Glatt)

P+F: Wie unterscheidet sich Retrofit vom After-Sales-Service?
Wolf: Sobald ein Ersatzteil nicht mehr 1:1 austauschbar ist, also zum Beispiel der Hardware Plan, das R+I oder gar die Steuerung anzupassen ist, sprechen wir von einem Retrofit.

P+F: Für hochpreisige Investitionsgüter spielt die Investitionssicherheit eine wichtige Rolle. Mit welchen Angeboten und Maßnahmen halten Sie Technik von Gestern auf dem neuesten Stand und wie lassen sich Glatt-Systeme in Sachen Ausbringung, Flexibilität oder generell den jeweils aktuellen Zielsetzungen modernisieren?
Wolf: Das hat mehrere Aspekte. Zunächst natürlich auch wieder die Sicherheit: Es geht darum, sicher zu stellen, dass die Anlage beispielsweise beim Ex-Schutz den Atex-Bestimmungen entspricht – und weil alle Menschen gleich sind, spielt der Ex-Schutz nicht nur in Europa eine Rolle, sondern überall auf der Welt. Wir beraten deshalb auch gezielt die in den Konzernen für Sicherheitsfragen zuständigen Mitarbeiter und leisten dort Aufklärungsarbeit. Zum Schluss liegt es dann natürlich an den einzelnen Standorten, entsprechende Maßnahmen umzusetzen.
Ein weiteres Thema ist die Um- und Aufrüstung: Unsere Wirbelschichtanlagen können mit verschiedenen Prozesseinsätzen nachgerüstet werden. So kann der Kunde auch nach 10 Jahren oder mehr von einem klassischen Wurster-Prozess zum Coaten auch auf eine Top Spray Granulation oder HP Sprühen (Tangential) umrüsten.
Wichtig ist zudem auch die Automatisierung der bestehenden Anlagen: Unsere Automations-Experten arbeiten permanent an der Weiterentwicklung unserer Prozess-Steuerung Glatt view Batch, die natürlich 21CFR Part 11-compliant ist. In die Jahre gekommene Automationssysteme – teilweise noch auf Basis der Simatic S5 – lassen sich natürlich genauso mit der neuesten PLC Technik ausrüsten, wie eine 10 Jahre alte S7-Steuerung, bei der das SCADA System ausgetauscht werden soll bzw. Anbindungen an übergeordnete Systeme zur Datenanalyse via OPC UA angebunden werden sollen.

P+F: Wie ist das Retrofit-Angebot von Glatt strukturiert und womit können Ihre Kunden rechnen?
Wolf: Für jedes der über 120 Länder, in denen wir Anlagen stehen haben, gibt es einen verantwortlichen Retrofit-Manager, der als direkter Ansprechpartner entweder dem Kunden oder unserer Vertretung vor Ort direkt bekannt ist. Anfragen zu Umbauten werden dann je nach Komplexität gemeinsam im Umbauteam besprochen. Dabei sind dann Kollegen aus den Bereich Konstruktion, Validierung, Software- und Hardware-Automation vertreten. Mit unserem Team von 20 Retrofit-Experten kommen wir auf eine 400 Jahre Erfahrung. Falls dies zur Angebotsausarbeitung nicht ausreicht, greifen wir auf weitere Kollegen zurück, die sich schwerpunktmäßig eher um Neuanlagen kümmern.
Außerdem wollen wir schneller auf Anfragen reagieren können als früher und Angebote noch gezielter ausarbeiten können. Dadurch wird die Zeit bis zum vergabefähigen Angebot verkürzt.

P+F: Wie läuft ein typisches Retrofit-Projekt ab?
Wolf: Der Kunde richtet eine Anfrage an den verantwortlichen Retrofit-Manager und dieser arbeitet die Anfrage gemeinsam mit dem Retrofit-Team aus. Dies beinhaltet auch vor Ort Besuche – insbesondere dann, wenn es um sicherheitsrelevante Umbauten oder Anfragen zu Steuerungs-Upgrades geht – oder der Angebotsumfang wird in Telefonkonferenzen präzisiert. Wenn dann technisch alles passt, kommt die Vergabeverhandlung und danach wird der Auftrag erteilt. Dann prüfen wir den Auftrag sowohl technisch als auch kaufmännisch gegen das letzte Angebot und bestätigen diesen.
Anschließend wird der Auftrag zur Bearbeitung in die Glatt-Organisation eingetaktet. Wir sind im Retrofit-Team sehr flexibel: Reine Steuerungsumbauten können beispielsweise auch direkt vom verantwortlichen Softwareingenieur mit dem Kunden abgewickelt werden. Der für den Markt verantwortliche Retrofit-Manager hält sich im Hintergrund und kümmert sich lediglich um die kaufmännische Abwicklung. Bei größeren oder komplexen Umbauten gibt es ein Abschlussmeeting beim Kunden mit einem Übergabeprotokoll. Danach geht die Anlage wieder in den After Sales-Service über, der sich dann um das Wartungs- und Ersatzteilgeschäft kümmert.

Henning Wolf

Henning Wolf leitet bei Glatt die Retrofit-Aktivitäten. Bild: Glatt

Henning Wolf leitet bei Glatt die Retrofit-Aktivitäten. Bild: Glatt

Henning Wolf, Jahrgang 1970, studierte an der Universität Karlsruhe Chemie-Ingenieurwesen Fachrichtung Lebensmittel-Verfahrenstechnik. Nach Tätigkeiten bei Unternehmen der Lebensmittelindustrie und Spezialchemie, wechselte er 2009 zur Firma Glatt GmbH als Head of Engineering. Er beschäftigte sich seither auch mit den Themen ATEX und CE. Seit Januar 2020 ist er als Head of Retrofits für alle Umbauten an Glatt Anlagen verantwortlich.

 

Heftausgabe: Pharma+Food Juni 2020
Die Fragen stellte  Armin Scheuermann, Chefredakteur von Pharma+Food

Über den Autor

Die Fragen stellte Armin Scheuermann, Chefredakteur von Pharma+Food
Loader-Icon