grafische Darstellung einer gerissenen Kette mit Hintergrund einer Weltkarte

Globale Lieferketten sind teilweise bis zum Zerreißen angespannt - was bedeutet das für den Nachschub der deutschen Pharmaproduktion?
(Bild: nicholashan – Adobestock)

Rohstoffmangel und fehlender Nachschub aller Orten: Die Corona-Pandemie hat globale Lieferketten geschwächt und zerrissen, und in vielen Branchen Engpässe bei wichtigen Rohstoffen hervorgerufen. Lieferschwierigkeiten bei Impfstoffen und Nachschubschwierigkeiten bei verschiedenen Medikamenten deuteten darauf hin, dass auch die Pharmaindustrie von diesem Schicksal betroffen ist. Die Sorge, vor Ort könnten wichtige Medikamente ausgehen, führte zu Forderungen, die „Pharmaproduktion zurück nach Europa“ zu holen. Insbesondere China und Indien standen als nahezu konkurrenzlose Produktionsstandorte für bestimmte Medikamente in der Kritik.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt jedoch, dass zumindest die einheimische Pharmaproduktion in Deutschland widerstandsfähiger gegenüber schwachen Lieferketten ist als gedacht. Sie bezieht die ihre Vorleistungen – also etwa Ausgangsmaterialien und Verpackungen, aber auch Dienstleistungen – aus dem Inland oder zumindest der europäischen Nachbarschaft. Ein Trendbericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) legt aufgrund von Export-, Import und Produktionszahlen von 2017 dar, dass die deutsche Pharmaindustrie weniger abhängig von chinesischen Importen ist als befürchtet – zumindest basierend auf dem Wert der Produkte.

Hohe Wertschöpfung in der deutschen Pharmabranche

Als ersten Faktor nennt der Bericht die hohe eigene Wertschöpfung von 53 % in der Pharmabranche. Die verbleibendenden 47 % aus Vorleistungen liegen deutlich unter der durchschnittlichen Vorleistungsquote des verarbeitenden Gewerbes von 66 %. Den Wert dieser bezogenen Vorleistungen beziffern die Studien-autor:innen auf rund 19 Mrd. EUR. Nur ein gutes Drittel davon stammte aus dem Ausland.

Grund dafür ist unter anderem ein hoher Anteil von Dienst- und Bauleistungen sowie Energiegütern. Diese bezieht die Industrie naheliegenderweise bevorzugt aus möglichst lokalen Quellen. Nur ein knappes Fünftel der Vorleistungen stammt aus dem Pharmabereich, umfasst also beispielsweise Wirk- und Zusatzstoffe. Diese pharmazeutischen Vorleistungen stammen etwa zur Hälfte aus Deutschland und zur Hälfte aus dem Ausland.

Am deutlichsten wird die überraschend geringe Abhängigkeit von Importen aus China bei einem Blick auf die importierten pharmazeutischen Vorleistungen: Diese stammen zu 44 % aus der Schweiz. Weitere 41 % stammen aus der EU (und Großbritannien, damals noch Teil der EU). China ist für nur 4 % verantwortlich, aus den USA kommen 7 %. Darüber hinaus, so der IW-Bericht, beziehen auch die europäischen Partner nur in geringem Maße Vorleistungen aus China. Auch dies trägt zu stärkeren Lieferketten bei.

„Strategische Abhängigkeiten nicht auszuschließen“

Dass die einheimische Pharmaproduktion wenig von Importen besonders wenig von Importen aus China abhängig ist, stellt allerdings allein noch nicht die Versorgungssicherheit mit benötigten Medikamenten sicher. Der IW-Bericht hebt hervor, das es sich bei den in China produzierten Wirkstoffen vor allem um besonders preisgünstige Generika handelt, während die deutsche Pharmaindustrie schwerpunktmäßig hochpreisige komplexe Fertigarzneimittel oder Impfstoffe produziert. Die Aufstellung nach dem finanziellen Wert verzerrt demnach die tatsächlichen Produktions- und Importmengen, „sodass strategische Abhängigkeiten bei einzelnen dieser Produkte nicht auszuschließen sind“, heißt es im Bericht.

Ähnlich verhält es sich beispielsweise im Bereich generischer Antibiotika, von denen China 80 % der weltweiten Produktion bereitstellt – eine Zahl, die zu Befürchtungen von unsicherer Versorgung mit Antibiotika geführt hat. Doch auch bei den Importen von Pharmazeutika nach Deutschland ist China (wohlgemerkt, gemessen am Wert) nicht in den Top Ten der Lieferanten vertreten, gehört im Gegenzug aber zu den zehn wichtigsten Abnehmerländern der deutschen Pharmaindustrie.

Strategische Abhängigkeiten ließen sich abfedern, wenn der Pharmastandort Deutschland an sich gestärkt würde. Als Maßnahmen schlägt der IW-Bericht beispielsweise beschleunigte Zulassungsverfahren und Steuererleichterungen für beteiligte Unternehmen und Wagniskapital für Startups vor.

Entscheider-Facts

  • Durch geschwächte Lieferketten im Zuge der Corona-Pandemie sind Bedenken über die Versorgungssicherheit des deutschen Pharmamarktes aufgekommen.
  • In Deutschland produzierte Medikamente sind davon weniger betroffen, da die deutsche Pharmaindustrie wenig Vorleistungen aus dem Ausland bezieht.

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