„Es gibt immer eine Lösung“

P+F Interview mit Dr. Gerd Sagawe, Mitglied der Geschäftsleitung, Envirochemie

28.10.2020 Die Wasserversorgung für die Industrie sicherzustellen, ist eine wachsende Herausforderung. Dr. Gerd Sagawe, Mitglied der Geschäftsleitung der Envirochemie Gruppe, erklärt aktuelle Entwicklungen angesichts steigender Ansprüche und zunehmendem Sicherheitsbedürfnis.

Melanie Bauer www.mb-photodesign.com

Bilder: Envirochemie

Pharma+Food: Die Envirochemie Gruppe hat vor kurzem die Firma Letzner Pharmawasseraufbereitung übernommen und sich damit im Reinstwasser-Bereich verstärkt. Welche Motivation steht hinter dieser Erweiterung in diesem Marktsegment?

Gerd Sagawe: Aus der Industrie kommen immer stärkere Anforderungen nach Gesamtbetrachtungen im Wassermanagement. Das führt dazu, dass wir als Unternehmensgruppe sowohl Wasser für die Produktion als auch Abwasser aufbereiten. Dazu kommt das Thema Recycling, also Wertstoffe, Wasser und Energie in Kreisläufe zurückzuführen und Wasser wiederzuverwenden. Außerdem bieten wir Dienstleistungen wie Betreibermodelle sowie die Versorgung mit Wasserchemikalien. Uns ist es wichtig die Kundenbedürfnisse zu kennen – also nicht nur anlagentechnische Lösungen zu bauen, sondern uns am Kundeninteresse zu orientieren. Die Anforderungen unterscheiden sich aber je nach Branche. Zum Beispiel liegt in der Pharmaindustrie der Schwerpunkt im Prozesswasserbereich bei hochreinem Wasser, wie Wasser für Injektionszwecke oder Reinstwasser für verschiedene Anwendungen. Die dabei geltenden hohen regulativen Anforderungen durch Behörden müssen wir natürlich erfüllen. Mit der Übernahme der Firma Letzner Pharmawasseraufbereitung ergänzen wir unser Portfolio natürlich enorm.

Dr.-Ing. Gerd Sagawe (EnviroChemie)

Auch in Krisenzeiten entstehen Chancen, auch in solchen Zeiten gibt es Felder, wo man sich engagieren kann und erfolgreich sein kann.
Dr. Gerd Sagawe, Mitglied der Geschäftsleitung,
Envirochemie Gruppe

 

 

P+F: Vor was für Herausforderungen steht die Pharmabranche derzeit im Bereich der Wassertechnik?

Sagawe: Beispielsweise ist das Entfernen von hochaktiven Wirkstoffen eine zunehmende Anforderung von Behörden. Wir merken, dass dort bei einigen Firmen Nachholbedarf besteht. Der Bedarf nach individuellen Lösungen ist hier besonders groß: Direkt am Ort des Geschehens liegen Verunreinigungen wie pharmazeutische Wirkstoffe in der höchsten Konzentration vor und lassen sich mit viel spezifischeren Technologien entfernen. Deswegen schauen wir uns die Prozesse beim Betreiber an, mit dem Ziel, Inhaltssstoffe dort aus dem Abwasser zu entfernen, wo sie auftreten. Damit lässt sich auch viel Energie sparen. Viele Pharmaunternehmen haben nämlich erkannt, dass sie selbst Nachhaltigkeitsstrategien im eigenen Unternehmen umsetzen sollten – nicht nur um Energie zu sparen, sondern auch um zu signalisieren: „Wir sind verantwortlich für die Umwelt, und darum wollen wir nachhaltig sinnvolle Lösungen umsetzen.“ Es sind also nicht nur die behördlichen Vorschriften, die die Qualitätsziele definieren, sondern auch die internen Nachhaltigkeitsziele der Unternehmen – aus wirtschaftlichen wie auch aus Image-Gründen. Über nachhaltiges Arbeiten hinaus bedeutet das natürlich auch, imageschädigende Störfälle zu vermeiden. Die Pharmaindustrie sehe ich hier auf einem guten Weg mit definitiv positiver Entwicklung.

P+F: Neue Regularien gelten seit relativ kurzer Zeit auch für die Erzeugung von Wasser für Injektionszwecke, WFI. Wie hat das den Markt beeinflusst?

Sagawe: Seit 2017 gestatten es die Regularien in Europa, nicht nur durch Destillation, sondern auch über Mem-branverfahren die Wasserqualität für WFI zu erreichen. Unsere Firmengruppe ist, genau wie Letzner, sehr früh in die Entwicklung solcher Technologien eingestiegen und seit 2017 auch in konkreten Projekten aktiv. Davor gab es internationale Arzneibücher wie die United States Pharmacopeia und die Japanese Pharmacopeia, in denen diese Regulativen bereits seit Jahrzehnten umgesetzt waren, aber dennoch nicht genutzt wurden. Der internationale Markt hatte sich noch nicht in die Richtung bewegt. In Europa, damit auch in Deutschland, war das Membranverfahren noch nicht genehmigt. Das hat sich 2017 geändert, Lösungen wurden aber schon frühzeitig entwickelt, so dass wir direkt in diesen Markt einsteigen konnten. Neben den nötigen Genehmigungen spielen aber auch Erfahrung und Qualität eine große Rolle, die Patientensicherheit ist oberstes Gebot. Daher muss man besonders bei neuen Verfahren Vertrauen in die Technologie aufbauen. Wenn sich ein Bewusstsein dafür durchsetzt, werden Investitionen und Weiterentwicklungen folgen.

P+F: Gibt es weitere Technologien, die in diesem Markt eine wichtige Rolle spielen werden?

Sagawe: Im Pharmabereich geht es nicht nur um Reinst- und Abwasseranlagen, sondern auch um Sterilisation. Infektiöse Keime oder Viren aus dem Abwasser zu entfernen ist gerade ein ganz besonders aktuelles Problem. Das ist am besten mit thermischer Sterilisation durchzuführen, bei 140 Grad Celsius und unter Druck. Damit werden sowohl Viren und Bakterien zerstört, aber auch DNA-Stränge. Letzteres ist wichtig bei gentechnisch verändertem Material, das auf keinen Fall in die Umwelt gelangen darf. Dort ist höchste Sicherheit erforderlich. Im Zusammenhang mit der Corona-Krise sind wir über unser Tochterunternehmen EnviroDTS oft nach angepassten Lösungen in der Wassertechnik gefragt worden. Die Wasserinfrastruktur wurde aber schon in den letzten zwanzig Jahren wegen anderer Themen wie Schweinepest oder BSE ausgebaut. Daraus sind viele Erfahrungen und Lösungen hervorgegangen, ohne die Organisationen mit Hochsi-cherheitslaboren, wie das Friedrich-Loeffler-Institut, die Charité in Berlin oder das Robert Koch Institut, heute nicht so arbeiten könnten, wie es in der Corona-Krise erforderlich ist. Wenn man in Krisenzeiten erst anfängt, richtig zu bauen, ist es zu spät. Man sieht aber, dass die Institutionen in Deutschland da bereits sehr gut aufgestellt sind und noch weiter ausgebaut werden.

P+F: Welche Lektionen hat ihre Branche aus der Corona-Krise bislang gezogen?

Sagawe: Alle Unternehmen sind natürlich massiv davon betroffen. Aber ich glaube, die Industrie hat sehr schnell gelernt, interne Regularien aufzubauen, mit den gebotenen Hygieneregeln umzugehen und so die Risiken für die Mitarbeiter zu minimieren. Das funktioniert bislang sehr gut. Insofern glaube ich auch, dass das gemeinsame Wirtschaften ebenfalls funktionieren wird – auch dafür hat man zügig Wege gefunden. Es gibt im nächsten halben Jahr, vielleicht länger, internationale Reisebeschränkungen, die natürlich das Geschäft mit internationalen Projekten schwieriger machen. Aber auch da lernt man, damit umzugehen. Es gibt zum Beispiel inzwischen die Möglichkeit, Inbetriebnah-men digital durchzuführen. Man merkt also: Es gibt immer eine Lösung. Wenn man gemeinsam etwas erreichen will, funktioniert das. Unsere Mitarbeiter sind sehr engagiert, unsere Kunden in der schwierigsten Phase zu unterstützen und die notwendige Nähe herzustellen. Das funktioniert offenbar, denn die Envirochemie Gruppe hat momentan so viele Aufträge wie nie. Wir sind eigentlich von einer ande-ren Situation ausgegangen, aber wir sind hoch ausgelastet. Auch in Krisenzeiten entstehen Chancen, auch in solchen Zeiten gibt es Felder, wo man sich engagieren kann und erfolgreich sein kann.

P+F: Welche Veränderungen erwarten Sie für die Pharmabranche als Zielmarkt?

Sagawe: Wir haben bereits Diskussionen wahrgenommen, ob der Markt in Europa stets ausreichend mit Wirkstoffen bedient werden kann. Da haben sowohl die Corona-Krise als auch weltweite Handelsstreitigkeiten dazu geführt, dass der ein oder andere in Europa stärker inves-tieren wird. Auch aus der Politik kamen entsprechende Signale. Wenn die Pharmaindustrie in Europa stärker investiert und Kapazitäten aufbaut um lokale Lieferketten zu schließen, sind wir natürlich da, um wassertechnische Lösungen zu liefern. Das wird allerdings kein kurzfristiges Phänomen sein, entsprechend ist die Pharmastrategie der Envirochemie Gruppe darauf ausgelegt, hier auch auf lange Sicht Kapazi-täten bereitzustellen. Solche Überlegungen stammen aber nicht nur aus einzelnen Feldern, wie Handelsstreits oder Corona-Krise. Sie stammen eher aus den hohen Anforderungen der Pharmaindustrie selbst. Da die Komplexität und die Anforderungen zunehmen, und auf der anderen Seite der Fachkräftemangel entstanden ist, konzentrieren sich viele Pharmaunternehmen auf Produktionsprozesse.

Wir gehen auf dieses Bedürfnis unserer Kunden ein, indem wir bei Infrastruktur, namentlich im Wasser- und Abwasserbereich, mit ihnen zusammenarbeiten. Im Wassermarkt sehen wir einen sehr guten Zugang zu Nachwuchskräften und keinen ausgeprägten Fachkräftemangel. Außerdem haben wir viele interne Kompetenzen, um Mitarbeiter in diesem Bereich weiterzuentwickeln. Pharmaunternehmen haben erkannt, dass wir Mitarbeiter mit der entsprechenden Expertise zur Verfügung stellen können. Dadurch entwickeln wir uns nicht nur als Anlagenbauer, sondern auch als Dienstleister deutlich weiter.

 

Zur Person: Dr.-Ing. Gerd Sagawe

Der promovierte Chemieingenieur Gerd Sagawe ist seit 1996 im Bereich der Wasseraufbereitung aktiv. Seit 2003 entwickelt er das Geschäftsfeld der industriellen Wasseraufbereitung bei der Envirochemie Gruppe weiter. In der Geschäftsleitung der Unternehmensgruppe ist Sagawe seit 2016 verantwortlich für Strategische Geschäftsentwicklung, Human Resources, PR & Marketing. Darüber hinaus ist er Vorstandsmitglied der Fachabteilung Wasser- und Abwassertechnik des VDMA, Vorstandsmitglied und Leiter Arbeitskreis Industriewasserwirtschaft in der German Water Partnership sowie Beiratsmitglied der Fachgruppe „Produktionsintegrierte Wasser und Abwassertechnik“ im Processnet sowie Beiratsmit-glied des Engineering Summit.

Heftausgabe: Pharma+Food November 2020
Das Interview führte Ansgar Kretschmer, Redaktion Pharma+Food

Über den Autor

Das Interview führte Ansgar Kretschmer, Redaktion Pharma+Food
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