„Nach dem Knick wird es mehr Investitionen in Europa geben“

P+F-Interview mit Wolfram Gstrein über die Zukunftsaussichten im Pharmaanlagenbau

08.09.2020 Die Coronapandemie hat natürlich auch Pharmaunternehmen sowie Anlagenbauer vor unerwartete Herausforderungen gestellt. Mittel- und langfristig könnte die Branche in Europa jedoch von der Krise profitieren. Neben einer wachsenden Aufmerksamkeit für Impfstoffe und Notfallmedikamente fordern Politiker derzeit eine Rückverlagerung von wichtigen Produktionsketten nach Europa. Im P+F-Gespräch schildert Wolfram Gstrein, Geschäftsführer von VTU Engineering Deutschland, seinen Blick auf die Zukunft des europäischen Pharmaanlagenbaus.

Europa medicada

Bild: Parato – stock.adobe.com

P+F: Welche Auswirkungen der Corona-Krise haben Sie ganz konkret im Unternehmen gespürt?

Wolfram Gstrein: Da gibt es mehrere Dimensionen. Zu Beginn standen die direkten Einschränkungen im Fokus, die sich aus Risikoüberlegungen ergeben haben. Wir als Geschäftsführer in der VTU-Gruppe haben an einem Freitag Mitte März beschlossen, den gesamten Betrieb soweit möglich ins Homeoffice zu verlegen. Das war eine Hauruck-Aktion übers Wochenende, die aber reibungslos funktioniert hat. Ein großer Vorteil dabei war, dass unser Unternehmen schon in der Vergangenheit laufend in eine moderne und gut funktionierende IT-Infrastruktur investiert hat und bereits darauf ausgerichtet war, Homeoffice zu ermöglichen, wenn auch natürlich nicht in diesem Ausmaß. Wir haben kurzfristig noch zusätzliche Kapazitäten aufgebaut, speziell bei Notebooks und Headsets. Die Arbeitsprozesse mussten sich insgesamt anpassen. Das betrifft u.a. die Bereiche Arbeitszeit-Erfassung, digitale Unterschriften oder Meetings über Video-Konferenzen.

Bild Wolfram Gstrein

„Wenn die Politik verantwortungsbewusst handelt, dann müssen in Zukunft entsprechende Anreize geschaffen werden.“ Wolfram Gstrein, Geschäftsführer von
VTU Engineering Deutschland

P+F: Und wie hat die Pandemie ihre Geschäfte beeinflusst?

Wolfram Gstrein: Zugute kommt uns in dieser Situation, dass wir primär als Anlagenplaner fungieren. Wir produzieren sozusagen vor allem Papier, heutzutage natürlich in digitaler Form, und müssen keine Anlagen oder Maschinen vor Ort warten. Unsere Kerndienstleistungen waren relativ unbeeindruckt von der Corona-Krise. Eine Ausnahme waren Projekte, die sich bereits in der Bauphase befanden und in denen wir für das Construction-Management bzw. die Bauüberwachung, die Baubegleitung oder die Qualifizierung vor Ort verantwortlich waren. Da kam es schon vor, dass Kunden die Baustellen von einen auf den anderen Tag ruhen lassen mussten. Andere Ausfälle entstanden, wo die Business-Cases der Kunden durch die Krise in Mitleidenschaft gezogen wurden. Da wurden beispielsweise Projekte gecancelt oder um mehrere Monate verschoben. Dadurch sind für uns Einnahmen verloren gegangen, die wir bereits geplant hatten. Ich schätze, dass VTU einen Umsatzverlust von etwa 15 % im Lockdown verzeichnen musste. Der Verlust erstreckt sich über alle Branchen – Pharma, Chemie sowie Öl und Gas – gleichmäßig. Um den Umsatzrückgang zu kompensieren, haben wir kurzzeitig das Mittel Kurzarbeit genutzt.

P+F: Gab es auf der anderen Seite auch neue kurzfristige Aufträge durch Corona-Krise? Etwa im Hinblick auf Produktionsumstellungen?

Wolfram Gstrein: In jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer. Schwer gebeutelte Bereiche wie der Tourismus wurden noch deutlich härter getroffen als unsere relativ stabile Branche. Dennoch spüren wir auch innerhalb unserer Branche Verschiebungen. Krisengewinner sind Unternehmen, die beispielsweise Desinfektionsmittel produzieren. Hier wurden und werden Investitionen derzeit ganz gewaltig gepusht. Wir haben auch Kunden, die Vorprodukte oder Produkte für Corona-Tests herstellen, die ebenfalls sehr stark in den Fokus geraten sind. In diesen Bereichen fand keine Reduktion der Investitionstätigkeiten statt. Unternehmen, die an Impfstoffen forschen, werden voraussichtlich, sobald ein Impfstoff vorliegt, ebenfalls massiv investieren. Die Entwicklungen der einzelnen Impfstoff-Programme kann man derzeit quasi live verfolgen.

Daran sieht man, dass der Markt sehr kurzfristig in Bewegung ist. Es standen bei uns schon erste Firmen mit Anfragen in den Startlöchern für die Produktion des Medikaments Hydroxychloroquin, von dem man sich zumindest eine Zeitlang eine Wirkung gegen Covid-19 versprach. Diese Anfragen haben sich dann genauso schnell zerschlagen, wie die potenzielle Wirkung des Medikaments.

P+F: Sehen Sie auch langfristige Verschiebungen? Erwarten Sie beispielsweise eine zunehmende Rückverlagerung der Produktion nach Europa?

Wolfram Gstrein: Schon im März haben wir die ersten Risikobeurteilungen der Corona-Krise für unser Geschäft durchgeführt und verschiedene Szenarien entwickelt. Dabei haben wir mehr Chancen als Risiken für unser Unternehmen gesehen, weshalb wir uns für weitere Investitionen entschieden haben. Wir glauben, dass es nach dem aktuellen Knick eine verstärkte Investitionstätigkeit in Europa geben wird – vor allem im Pharmabereich, vielleicht auch in anderen Gebieten. Ich habe mit verschiedenen Branchenexperten darüber gesprochen, ob sie planen, nach der Pandemie Produktionen etwa aus China zurückzuholen. Die Rückmeldungen waren dabei zwiegespalten: Manche verfolgen ohnehin schon länger die Philosophie „in the market for the market“, sie produzieren also vor Ort in China für den chinesischen und in Europa für den europäischen Markt. Andere wiederum, die in China auch für den europäischen Markt produzieren, überlegen durchaus, ihre Produktion nach Europa zurückzuverlegen.

P+F: Haben Sie Beispiele, in welchen Bereichen das besonders zu erwarten ist?

Wolfram Gstrein: Das hängt wie gesagt weniger an ganzen Branchen als an den Philosophien der einzelnen Unternehmen. Ich denke aber, dass beispielsweise in der Massenchemie die Standortvorteile von günstigeren Produktionsländern weiterhin überwiegen werden. Auch in bestimmten Bereichen, in denen es eine starke Konzentration auf bestimmte, weit entfernte Länder gibt, werden Überlegungen getroffen werden, damit bei einem Ausfall der Lieferkette keiner im Regen steht. Bei einem Blick auf die Pharmaproduktion – als typisches Beispiel die Antibiotika-Herstellung – stellt man schnell fest, dass fast die gesamte Produktion in Asien stattfindet. Gerade mit der Produktion von Penicillinen oder Cephalosporinen lässt sich in Europa quasi nichts mehr verdienen. Ganz aktuell hat Novartis/Sandoz verkündet, ein Penicillin-Werk in Kundl/Schaftenau in Österreich zu planen. Das ist in ganz Europa außergewöhnlich, zeigt aber vielleicht einen kleinen Trend auf.

Wenn die Politik verantwortungsbewusst handelt, dann müssen in Zukunft entsprechende Anreize geschaffen werden, um Produktionen nach Europa zu bringen und den Kontinent krisensicherer aufzustellen. Es darf eigentlich nicht sein, dass wir im Notfall auf schwierigen Wegen beispielsweise Masken aus China importieren müssen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Notfallpläne der Regierungen und auch der EU entsprechende Maßnahmen vorsehen. Die Notwendigkeit ist beim aktuellen Wettlauf um Impfstoffe erkennbar, bei dem sich Länder bereits Lieferungen sichern und andere preislich ausstechen wollen, obwohl aktuell noch gar kein Impfstoff vorliegt. Beim nächsten Notfall muss Europa hier besser aufgestellt sein.

P+F: Ihre Zuversicht für den Anlagenbau-Markt zeigt sich auch im jüngsten Zukauf des Automatisierungsspezialisten Metior. Was versprechen Sie sich davon?

Wolfram Gstrein: Die mittelfristige Strategie ist, dass wir als Gesamtanbieter für eine Anlagenplanung auftreten – also als EPCM- bzw. EPCMv-Partner, wo wir auch die Validierung betreuen. Das heißt, wir müssen neue Dienstleistungen in unser Portfolio integrieren. VTU wickelt schon seit mehreren Jahren große Investitionsprojekte als Generalplaner ab. Bisher mussten wir aber bei bestimmten Gewerken auf Subunternehmer zurückgreifen. Zumindest die Kernbereiche und das technische Know-how dieser externen Leistungen sollen künftig direkt bei uns liegen. Wir wollen in der Lage sein, unsere Partner auch technisch zu führen und zu kontrollieren und nicht nur organisatorisch tätig zu sein. Metior ist ein Unternehmen, das Kompetenzen aufweist, die wir bisher nur untergeordnet bei uns hatten, nämlich im Bereich Elektrotechnik, Mess- und Regeltechnik sowie in der Automatisierung. Bisher arbeiteten bei uns 20-30 Kolleginnen und Kollegen in diesem Bereich, jetzt sind es ca. 70. Damit haben wir die Kompetenz und die Manpower, um die Digitalisierung von Prozessanlagen in kleineren Projekten komplett im Haus abzuwickeln und bei größeren Projekten die technische Qualitätskontrolle durchzuführen. Damit kann VTU Projekte mit einem Gesamtinvest von 300 bis 400 Mio. Euro problemlos alleinverantwortlich als Generalplaner realisieren.

 

Dipl.-Ing. Wolfram Gstrein, Geschäftsführer VTU Deutschland

Seit 1994 für die Unternehmensgruppe tätig, bekleidet Wolfram Gstrein seit 2001 das Amt des Geschäftsführers von VTU Engineering Deutschland. Unter seiner Führung wuchs das Unternehmen in Deutschland von sieben auf inzwischen knapp 200 Mitarbeiter mit einem aktuellen Umsatz von über 30 Mio. Euro. Namhafte Konzerne wie Roche, Boehringer Ingelheim, Sanofi, Merck oder Evonik zählen zu den Kunden. Gstrein absolvierte ein Studium der Verfahrenstechnik an der TU Graz und erlangte 2003 berufsbegleitend einen MBA von der Open University Milton Keynes. Der gebürtige Tiroler ist Mitglied beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI) sowie bei der Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie (Dechema).

Heftausgabe: Pharma+Food September 2020
Die Fragen stellte  Jona Göbelbecker, Redaktion

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Die Fragen stellte Jona Göbelbecker, Redaktion
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