„Wir wollten einen ‚lesbaren‘ Werkstoff schaffen“

Rückverfolgbare Faserstoffdichtungen für die Chemieindustrie

16.08.2018 Informationen wie Werkstofftyp, Herstellungszeitraum und Fertigungsslot einer Dichtung sind bei der Gasket Code Technology nicht nur aufgedruckt, sondern in den Werkstoff integriert. Sie lassen sich jederzeit auch an kleinen Materialstücken auslesen und ermöglichen damit vollständiges Rückverfolgen jeder Dichtung. Der Dichtungswerkstoff Novapress 880 erfüllt mit dieser Technologie als weltweit erster Dichtungswerkstoff auch „Industrie 4.0“- Transparenzkriterien, die für Anlagenkomponenten aller Art gelten – ein erster Schritt auf dem Weg zur „intelligenten“ Dichtung. Bertram Axmann, Leiter des Geschäftsbereichs Dichtungen beim Entwickler und Anbieter Frenzelit, erklärt die Bedeutung der Rückverfolgbarkeit von Dichtungen und Dichtungswerkstoffen.

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Zur Person

Bertram Axmann, Leiter des Geschäftsbereichs Dichtungen, Frenzelit

Nach seinem Studium der Betriebswirtschaft in Bayreuth war Bertram Axmann ab 1994 in leitender Funktion in Unternehmen tätig, die sich mit Entwicklung, Produktion und Projektierung von komplexen Sicherheits- und Abrechnungssystemen auf Basis von Transponder- und Vernetzungstechnologien beschäftigen. Ab 2004 trug er als Business-Unit-Leiter die internationale Verantwortung im Bereich Flächenheizung / -kühlung bei Rehau. Seit 2013 leitet er den Geschäftsbereich Dichtungen bei Frenzelit.

CT: Warum ist Rückverfolgbarkeit auch für Dichtungsmaterialien ein wichtiges Kriterium?
Axmann: Rückverfolgbarkeit ist immer dann von großer Bedeutung, wenn in einer Anwendung hohe Folgeschadensrisiken drohen. Das kennen wir aus der Pharmabranche, aber auch zum Beispiel aus dem Automotive-Bereich und der Luftfahrt. Für Dichtungen gibt es mitunter Anforderungen an die Kennzeichnung, etwa bei Gasanwendungen nach DIN 30690, die wohl auch sehr stark durch den Wunsch der Rückverfolgbarkeit geprägt sind.

CT: Was war der Hintergrund für die Entwicklung dieses Dichtungsmaterials?
Axmann: Bislang hat es bei Dichtungsmaterialien keine Möglichkeit gegeben, den Werkstoff selbst zu erkennen; und zwar unabhängig davon, ob er neu, gealtert oder schon in Benutzung ist, oder in welchem Stadium der Bearbeitung er sich befindet, also ob als Platte, Rolle, Dichtung oder Stanzrest. Im Rahmen der Entwicklung von Novapress 880 wollten wir also einen Werkstoff schaffen, der, unabhängig von Alter, thermischer Belastung und Umwelteinwirkung, hinsichtlich Werkstoffbezeichnung, Produktionslot und Produktionsdatum „lesbar“ ist.
Das zweite und gleichwertige Entwicklungsziel bestand darin, einen Faserweichstoff mit exzellenter Leckageperformance zu schaffen, der die normativen Anforderungen der TA Luft und der VDI-Richtlinie 2290 extrem zuverlässig und problemlos realisierbar erfüllt.

CT: Gab es konkrete Anlässe oder Anwendungsfälle, für die bestehende Lösungen nicht ausreichten?
Axmann: Ja, insbesondere in der Chemie bzw. Prozessindustrie. Anlagen der modernen Prozessindustrie unterliegen den Anforderungen der TA Luft. Gefordert werden umsetzbare Dichtverbindungen der Dichtheitsklasse L0,01 gemäß VDI-Richtlinie 2290. Ein Dichtungswerkstoff muss also schon bei niedrigen Flächenpressungen eine sehr gute Leckageperformance aufweisen.
Bislang war es nicht möglich, nach DIN EN 1591-1 sinnvolle Dichtsysteme mit Faserweichstoffdichtungen auf Basis ihrer Kennwerte gemäß DIN EN 13555 zu berechnen, die den normativen Anforderungen mit und ohne Innenbördel entsprechen. Auch ohne Innenbördel bewegt sich die Performance der herkömmlichen Dichtungswerkstoffe häufig im Grenzbereich. Mit dem Material Novapress 880, das nach ASTM F36J eine rund 3-fach höhere Zusammendrückung gegenüber vielen marktüblichen Faserweichstoffen aufweist, ist die normative Anforderung nun erstmals zuverlässig erfüllbar. Das ist in der Tat ein völlig neues Niveau für Faserweichstoffdichtungen!

Heftausgabe: August 2018
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Die Fragen stellte Ansgar Kretschmer, Redaktion

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