"Das Patent Cliff ist weniger steil"

Sinkende Risiken für die Pharmaindustrie 2020

29.01.2020 Die Ratingagentur Scope erwartet für 2020 eine stabile Entwicklung in der Pharmaindustrie: Neuerungen sollen Wachstum bringen, während bestehende Risiken nachlassen – unter bestimmten Voraussetzungen.

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In ihrem European Pharmaceutical Outlook 2020 erwartet die Ratingagentur Scopes stabiles Wachstum für die Pharmaindustrie. (Bild: BerlinStock/fotolia)

Als wichtigen Faktor nennt Scope Ratings im European Pharmaceutical Outlook 2020 das „patent cliff“, das Auslaufen von Patenten bei Blockbuster-Medikamenten. Die dadurch sinkenden Umsätze abzufedern ist eine Herausforderung für viele Pharmakonzerne. Allerdings zeigen Maßnahmen wie strategische Übernahmen offenbar Wirkung: Scope sieht ein sinkendes Risiko. „Das Risikoumfeld wird im wesentlichen günstiger für den Bereich“, sagt Olaf Tölke, Leiter des Bereichs Unternehmen bei Scope Ratings.

Erfolgreiche F&E ist Voraussetzung

Prognosen des Forschungsunternehmens Evaluatepharma zufolge soll der Pharmasektor im Zeitraum von 2019 bis 2024 durchschnittlich ein Wachstum von 6,9 % pro Jahr erreichen. Das Risiko hängt dabei davon ab, wie erfolgreich die Pharmaunternehmen ihre Umsatzrückgänge durch auslaufende Patente ausgleichen können, sei es durch Übernahmen oder durch eigene Neuentwicklungen. „Das „patent cliff“ ist in den letzten 10 Jahren durch einen konzertierten Innovationsschub in der Branche und durch sinkende wirtschaftliche Kosten bei auslaufenden Patenten weniger steil geworden“, so Tölke. Er schränkt jedoch ein, dass die Pharmaunternehmen dazu ihre erfolgreichen F&E-Strategien aufrechterhalten müssen.

Was sind Orphan Drugs?

Orphan Drugs, wörtlich „verwaiste Medikamente“, sind Wirkstoffe gegen seltene Krankheiten. Da aufgrund der relativ niedrigen Patientenzahlen für die Pharmafirmen nur geringe Umsätze mit solchen Medikamenten zu erwarten sind und die Entwicklung damit unwirtschaftlich wäre, haben die Zulassungsbehörden besodnere Anreize geschaffen. So sind bei Orphan Drugs beispielsweise schnellere Zulassungsverfahren, geringere Gebühren und exklusive Vermarktung möglich.

Als Beispiele für echte Innovationen in vielversprechenden Therapiebereichen nennt Scope die Akquisition von Schering Plough und damit dem Blockbuster Keytruda durch Merck&Co im Bereich der Immunonkologie oder die Medikamente Kymriah (Novartis) und Yescarta (Gilead) bei Zelltherapien. Auch Gentherapien wie Zolgensma von Novartis oder Luxturna von der kürzlich durch Roche übernommenen US-Firma Spark Therapeutics sind zukunftsweisende Beispiele. Hinzu kommt das wichtige Wachstumssegment der Orphan Drugs, Medikamenten gegen seltene Krankheiten: Umsätze in diesem Marktbereich stiegen 2018 um 11 % und sollen von 2019 bis 2024 jährlich um 12 % zulegen.

Biologika senken Risiken

Der wachsende Trend zu biologischen Medikamenten wie Antikörpern senkt Scope zufolge ebenfalls die Risiken durch endenden Patentschutz, da diese Biologika nicht so leicht durch generische Produkte nachzubilden sind. Auch bei den existierenden solcher Biosimilars – ebenfalls ein Wachstumsmarkt – seien Patienten und Ärzte oft trotz deutlich geringerer Preise weniger bereit, diese wegen wahrgenommener Risiken einzusetzen, insbesondere bei lebensbedrohlichen Krankheiten. „Das Ergebnis ist, dass der Verlust des Patentschutzes einer geringere Bedrohung für den Umsatz ist als früher“, sagt Tölke. Der Bereichsleiter der Ratingagentur sieht außerdem ein geringeres Risiko durch sinkende Preise aufgrund von Gesundheitsreformen in den USA. In Europa dagegen gebe es noch Unsicherheiten bei Konsequenzen des Brexit auf die Lieferketten.

Anhand dieser günstigen Ausgangslage für die Kreditaussichten der Pharmaindustrie wird die Finanzstrategie der Konzerne weitgehend deren Risikoprofil für die Ratingagentur bestimmen. „Beim Rückzahlen von Geld an die Anteilseigner werden US-Pharmafirmen werden weiterhin einen aggressiveren Ansatz verfolgen als ihre europäischen Wettbewerber“, prognostiziert Tölke. (ak)

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