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Ernst & Young: Größte Pharmakonzerne verzeichneten in 2012 Umsatzrückgänge

15.03.2013 2012 mussten die weltweit 10 umsatzstärksten Pharmaunternehmen einen Umsatzrückgang um 2 % auf insgesamt 359 Mrd. Euro hinnehmen und um 1 % verminderte Gewinne von insgesamt 95 Mrd. Euro. Das sind Ergebnisse einer Analyse von Ernst & Young, Frankfurt.

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„Big Pharma“ verzeichnete 2012 sowohl einen Umsatz- und Gewinnrückgang. Die Analyse von Ernst & Young zeigt, wie es um die Branche steht (Bild: Ernst & Young)

Für die Studie wurden die Finanzkennzahlen der Geschäftsberichte beziehungsweise Quartalsberichte der Unternehmen im Kalenderjahr 2012 im Vergleich zum Vorjahrjahr analysiert. Dabei wurden nur die „Healthcare“-Bereiche berücksichtigt; branchenfremde Aktivitäten sind nicht in die Analyse eingeflossen.

Eine bessere Umsatzentwicklung als die 10 umsatzstärksten  Pharmaunternehmen zeigen die Unternehmen auf den Plätzen 11 bis 20: Ihr Umsatz stieg um 3 % . Beim Gewinn hingegen mussten sie einen noch stärkeren Rückgang hinnehmen als die Top 10: Ihr Gesamt-Ebit sank um 11 %.

Die Gründe für die insgesamt schwache Umsatzentwicklung der Pharmakonzerne – der Gesamtumsatz aller in den Top 20 gerankten Unternehmen ging um 1 % zurück, das EBIT sogar um 3 % – sind vielfältig: Sinkende Produktpreise, eine stagnierende Nachfrage in den angestammten Märkten, fehlender Nachschub an umsatzstarken Wirkstoffen und die zunehmende Konkurrenz durch billige Nachahmerprodukte.

Die Antwort der Unternehmen besteht zum einen in umfassenden Kostensenkungs- und Restrukturierungsmaßnahmen. Zum anderen steigen die Investitionen in Forschung und Entwicklung, im vergangenen Jahr um 1 % auf knapp 70 Mrd. Euro. Zukünftiges Wachstum dürfte allerdings vor allem zu erzielen sein, indem die Pharma-Unternehmen neue Märkte erschließen und ihre Geschäftsmodelle stärker auf den Patienten ausrichten.

Acht der zwanzig größten Pharma-Unternehmen der Welt verzeichneten in ihrem Pharmageschäft einen Umsatzrückgang – zum Teil wegen Patentabläufen umsatzstarker Medikamente und der Konkurrenz durch Generika, zum Teil aber auch aufgrund des Spardrucks im Gesundheitswesen in den Industrieländer. Zwar erzielten einige Unternehmen deutliche Zuwächse in den Schwellenländern, diese konnten aber die Einbußen in Nordamerika und Europa nicht ausgleichen.

Dass trotz zum Teil massiver Kostensenkungsprogramme auch der Gewinn rückläufig war, führt Gerd Stürz, Leiter des Bereiches Life Sciences bei Ernst & Young, einerseits auf Restrukturierungskosten zurück, andererseits aber auch auf die anhaltend hohe Investitionstätigkeit der Unternehmen – sowohl in neue Märkte als auch in neue Wirkstoffe. Die Gesamt-F&E-Quote, also der Anteil von Aufwendungen für Forschung und Entwicklung am Umsatz, stieg im vergangenen Jahr leicht von 14,5 auf 14,8 %. Gleichzeitig ging die Ebit-Marge von 26,2 auf 25,5 % zurück.

Eine durchgreifende Verbesserung der Gewinnsituation in den kommenden Jahren erwartet Stürz nicht – im Gegenteil: „Die Margen der Pharmakonzerne geraten weiter unter Druck.“ Zwar hätten einige Unternehmen vielversprechende neue Wirkstoffe in der Pipeline, jedoch drohten angesichts der „Patentklippe“ weitere Preisrisiken beziehungsweise Mengenverluste in den kommenden Jahren. „Big Pharma steht vor großen Herausforderungen. Die Branche muss Antworten auf die Frage finden, wo in Zukunft noch Wachstum herkommen soll“, stellt Stürz fest.

Grundsätzlich benötige eine älter werdende Gesellschaft mehr Medikamente – diesem Wachstum steht laut Stürz allerdings der erhebliche Preisdruck entgegen, der von den Kostenträgern und der Politik ausgehe. Deutliche Umsatzsteigerungen in den Industrienationen seien deshalb unwahrscheinlich. Auch in den Schwellenländern wachse zwar mit dem Wohlstand die Nachfrage nach Medikamenten. Aber: Ein Engagement in diesen Ländern sei oft mit hohen Risiken verbunden, so Stürz: „Die Märkte in den Schwellenländern funktionieren nach ganz eigenen Spielregeln, die Geschäftsmodelle aus den entwickelten Märkten lassen sich da nicht Eins-zu-Eins übertragen.“ Eine starke Präsenz in den Schwellenländern sei zwar ein Muss: „Allerdings herrscht dort ein niedrigeres Preisniveau – was sich auf die Marge auswirken dürfte.“

Ein weiteres Mittel, die aktuelle Wachstumsschwäche zu überwinden, wären verstärkte M&A-Transaktionen. Allerdings waren bereits in den vergangenen Jahren die M&A-Investitionen der großen Pharma-Hersteller rückläufig: Im Jahr 2009 investierte „Big Pharma“ noch 101 Mrd. US-Dollar in Zukäufe, 2011 waren es immerhin noch 64 Mrd. US-Dollar. 2012 flossen hingegen nur 28 Mrd. US-Dollar in M&A-Transaktionen. „Die Feuerkraft der Unternehmen ist gesunken“, begründet Stürz die rückläufige Entwicklung. Gründe seien fehlende Finanzmittel beziehungsweise hohe Schulden wegen rückläufiger Cash Flows, teurer Zukäufe in der Vergangenheit, Aktienrückkäufe und Dividendenzahlungen. Zudem versuchten auch „Big Biotech“, Specialty Pharma- und Generika-Hersteller mittels M&A-Transaktionen zu wachsen, was die Preise in die Höhe treiben dürfte.

„Das Geschäftsmodell der Pharmaunternehmen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert“, so Stürz. „Im Zentrum stand immer die Entwicklung von Wirkstoffen und deren Vertrieb, der über Ärzte und Kliniken – mit oder ohne zwischengeschaltete Großhändler – erfolgte. Ein direkter Kontakt zwischen Patienten und Pharmaunternehmen kam kaum zustande. Das wird sich in Zukunft ändern. Denn die Pharmahersteller werden an der tatsächlichen Wirksamkeit ihrer Wirkstoffe nicht nur in klinischen Studien, sondern auch in der praktischen Anwendung gemessen.“

Um das zu erreichen, würden die Unternehmen zunehmend den direkten Kontakt zu den Patienten suchen und versuchen, deren Verhalten mittels begleitender Serviceangebote zu beeinflussen – beispielsweise über Apps, die bei der Diagnose von Erkrankungen und der Überwachung von Therapien helfen: „Sogar die Einnahme der verordneten Medikamente kann so überprüft werden“, so Stürz. „Die Förderung gesunder Verhaltensmuster wie ausgewogene Ernährung, Gewichtskontrolle und korrekte Medikamenteneinnahme wird an Bedeutung gewinnen. Dazu wird sich die Pharmabranche öffnen und Kooperationen mit bislang branchenfremden Playern eingehen – etwa aus den Bereichen IT, Telekommunikation oder aus der Nahrungsmittelindustrie.“

Weblink zum Thema
Die Studie „Die größten Pharma-Unternehmen der Welt – Eine Analyse wichtiger Finanzkennzahlen 2011-2012″ von Ernst & Young hat 28 Seiten und kann hier oder auf der Internetseite des Unternehmens kostenfrei eingesehen und herunter geladen werden.

(dw)

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