„Flexibilität ist entscheidend“

Interview mit Peter Süss, Chief Engineering Manager bei Nestlé Deutschland

23.05.2014 In der Lebensmittelindustrie werden die Produktionstechnologien und Prozesse immer spezieller. Um den Ingenieur-Nachwuchs dafür fit zu machen, geht man bei Nestlé neue Wege. Im Pharma+Food-Interview erklärt Peter Süss das Konzept des „Engineering Hub“ und die Trends im Lebensmittelanlagenbau.

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Engineering-Prozesse unterscheiden sich von Branche zu Branche – und oft auch von Unternehmen zu Unternehmen. Während die Pharmazie häufig zu Architektenmodellen greift und in der Chemie oft Spielvarianten des EPC gewählt werden, arbeiten Lebensmittelhersteller bei Erweiterungs- und Neuanlagenprojekten oft direkt mit Anlagenlieferanten zusammen. Das erfordert auf Seiten des Betreibers technologisches Know how und entsprechende Engineering-Kapazitäten.

Mit einem Investitionsvolumen von rund 4 Milliarden Schweizer Franken ist der global tätige Nestlé-Konzern einer der größten Player der Branche. Um Nachwurchs für die Ingenieurtechnik auszubilden, hat man im Geschäftsbereich Nutrition, der für rund ein Zehntel des Investitionsvolumens steht, einen sogenannten „Engineering Hub“ eingerichtet. In der Nähe eines Produktionswerks und des Produkt-Technologiecenters im Schweizer Bern werden Ingenieure in einer bis zu 14 Monate dauernden „Grundausbildung“ für den Einsatz in internationalen Projekten fit gemacht. Neben praktischen Übungen in den verfahrenstechnischen Grundoperationen werden auch soziale und Managementfähigkeiten ausgebaut. Im Pharma+Food-Interview erklärt Peter Süss, Chief Engineering Manager Germany, Benelux & Scandinavia bei Nestlé Deutschland, den Ansatz und den Scope des Engineerings bei Nestlé Nutrition.

P+F: Welche Bedeutung hat das eigene Engineering für den Lebensmittel-Hersteller Nestlé?
Süss: Wir wollen unsere Produkte so herstellen, dass wir unsere Kunden wirklich zufrieden stellen können. Dazu müssen wir die Prozesse, bei denen das Produkt entsteht, selbst im Griff haben. Die Technologien dazu werden in eigenen Produkt-Technologiezentren, kurz PTC, entwickelt. Dies geschieht produktspezifisch in den verschiedenen Ländern. Wir haben in der Schweiz beispielsweise ein PTC für Kaffee, eines für Nutrition und Health Science Produkte und in Deutschland das PTC in Singen für Kulinarikprodukte. Wenn solche speziellen Technologien dann in Anlagenprojekten umgesetzt werden, benötigt man dafür eigene Spezialisten.

P+F: Und diese bilden Sie im eigenen Engineering Hub aus?
Süss: In der Vergangenheit hatten wir zu wenig Ingenieure, die Projekte mit solchen speziellen Technologien unterstützen konnten. Und um dieses Wissen zu vermitteln, haben wir den Engineering-Hub aufgebaut. Dort bringen wir Ingenieure mit Berufserfahrung hin und lassen diese in Projekten der Geschäftsbereiche Nutrition oder Health Science mitarbeiten. Das geschieht unter enger Führung des nahe gelegenen PTC. Die besten Lernerfolge erzielt man dann, wenn die Inhalte gesehen, gehört und schließlich praktisch umgesetzt werden. Und da wir im Technologiezentrum und in der Fabrik in der Nähe an vielen konkreten Projekten arbeiten, bestehen viele Gelegenheiten für den Austausch zwischen Trainees und Spezialisten.

P+F: Welche Qualifikation verlangen Sie von den Ingenieuren, die Sie im Engineering Hub weiterbilden?
Süss:
Eine gute Grundausbildung in Fachgebieten wie Maschinenbau, Chemie oder Lebensmitteltechnik. Außerdem Anwendungserfahrung sowie Mobilität und Flexibilität, da wir unsere Projekte auf der ganzen Welt realisieren. Ganz wichtig ist schließlich der Hunger, immer wieder etwas Neues dazu zu lernen.

P+F: Welche Fähigkeiten werden im Engineering Hub vermittelt?
Süss:
Einerseits geht es um „learning by doing“, aber wir haben auch ein ziemlich gut definiertes Curriculum, in dem beschrieben ist, welche Technologien wir vermitteln wollen. Das sind etwa zwölf Schlüsseltechnologien wie zum Beispiel Sprühtrocknung, Membrantechnology und Prozessautomation. Zunächst testen wir in Assessments, welche Qualifikationen bereits vorhanden sind. Dann wird über e-Learning, Bücher und praktische Kurse in den Labors ein Basiswissen vermittelt. Das Gleiche tun wir auch bei den Soft Skills: Dazu gehören Projektmanagement, Konfliktmanagement, kulturelle Fähigkeiten usw. Ein Vorteil des Hub-Konzepts besteht darin, dass man dort junge Leute zusammenschweißt, die sich gegenseitig helfen.

P+F: Welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht?
Süss:
Wir haben ein ideales technologisches Umfeld und die bisherigen „Absolventen“ sind sehr gefragt in unseren Projekten. Gerade auch der interkulturelle Austausch ist sehr intensiv und die dabei erlangten Fähigkeiten sind groß. Denn kulturelle Differenzen können zu Missverständnissen oder Unstimmigkeiten mit den lokalen Mitarbeitern führen und sind in Projekten häufig ein Problemfeld. Außerdem haben wir erkannt, dass Flexibilität ein entscheidender Erfolgsfaktor ist: Wenn Mitarbeiter nicht flexibel sind, dann haben wir zum Schluss viel Geld investiert und können die Leute nicht einsetzen. Außerdem müssen die Teilnehmer wirklich daran interessiert sein, Neues zu lernen. Wir haben die Spezialisten vor Ort, die jederzeit gerne anleiten, unterstützen und Fragen beantworten. Aber die Trainees müssen auch aktiv auf diese Spezialisten zugehen, um ihr Wissen zu erweitern. Wenn diese Bereitschaft da ist, dann funktioniert das sehr gut.

P+F: Wie viele Ingenieure bilden Sie auf diese Weise weiter?
Süss:
Im Durchschnitt 10 Ingenieure pro Jahr. Wenn sich das Programm bewährt – und danach sieht es aus – kann man das natürlich auch auf andere Geschäftsbereiche und Produktgruppen ausdehnen.

P+F: Das klingt angesichts des Investitionsvolumens nach nicht besonders viel.
Süss:
Sie dürfen nicht vergessen, dass wir unsere Lieferanten einbeziehen und mit diesen ganze Teilgebiete abdecken und so weniger eigene Ressourcen einsetzen müssen. Wir gehen zwar selten zu Lieferanten, die komplette Anlagen schlüsselfertig liefern, aber trotzdem können die Pakete recht groß sein. Aber je nachdem, wie heikel der Prozess ist, kommt es auch vor, dass wir das Equipment selbst kaufen und dann zusammenbauen. Einerseits um unser Know-how zu schützen, andererseits um Kosten zu sparen. Die Hub-Ingenieure sind die Prozess-Spezialisten, aber immer ein Teil eines Teams und werden mit Spezialisten aus anderen Teilen der Organisation ergänzt.

P+F: Wie viele Projekte wickeln Sie im Bereich Nutrition jährlich ab?
Süss:
Nutrition steht für ein jährliches Investitionsvolumen von rund 400 Millionen Franken. Das sind weltweit 2 bis 4 Großprojekte pro Jahr und eine Vielzahl an kleinen Projekten. Bei den Großprojekten stellen wir uns entsprechend mit Teams auf, die um Ingenieure mit einer produktspezifischen Ausbildung ergänzt werden. Solche Mitarbeiter sind aber auch in den Kleinprojekten in den Fabriken sehr wertvoll. Und genau für diese flexible Aufstellung ist unser Modell extrem wirkungsvoll, weil wir kurzfristig kompetente Fachexperten in Teams entsenden können, die dann in Produktionsbetrieben temporär Projekte bearbeiten und danach wieder zurückkommen. Dadurch gleichen wir Schwankungen in der Projektlast aus. Dafür brauchen wir Mitarbeiter, die weltweit flexibel sind – das ist nicht ganz so einfach.

P+F: Auch im Chemieanlagenbau ist Mobilität und Flexibilität der Mitarbeiter ein Thema, das den Anlagenbauern zu schaffen macht. Wie erreichen Sie dies?
Süss:
Hauptsächlich durch die Auswahl – es gibt Leute, die das gerne machen und andere eben nicht. Ich selbst war während meiner beruflichen Laufbahn viel unterwegs, zum Beispiel für neun Jahre in China, vier Jahre in Indien, dann zwischendurch wieder in der Schweiz und nun bin ich hier in Deutschland. Das ist eine typische internationale Karriere. Man braucht eine Familie, die das mitträgt. Auf der anderen Seite ist die Arbeit sehr interessant und bietet die Chance, sehr viel zu lernen und Erfahrungen in unterschiedlichsten Bereichen und Kulturen zu sammeln.

P+F: Welche Perspektiven haben Projektmitarbeiter, die irgendwann sesshaft werden wollen?
Süss: Wir sind ein Unternehmen mit 450 Fabriken. Wenn die Wünsche nicht zu spezifisch auf einen Ort oder Job fixiert sind, dann funktioniert das eigentlich immer.

P+F: Welche Trends sehen Sie im Bau von Nahrungsmittel-Anlagen?
Süss:
Am stärksten verändert sich die Technologie. Vor allem in der Online-Analytik hat sich sehr viel getan. Heute ist es möglich, ein Produkt über den gesamten Produktionsprozess zu verfolgen und die Produktqualität per Online-Analyse zu regeln.

P+F: Das heißt, Sie sind beim Thema PAT – Prozessanalysentechnik – schon weiter als die Pharmazie?
Süss: Speziell im Nutrition- und im Health Science-Bereich haben wir in den vergangenen zehn Jahren sehr große Fortschritte gemacht und inzwischen den Regelkreis geschlossen. Auch viele Anlagenlieferanten arbeiten intensiv daran. Und dort wird das Wissen auch zwischen Food- und Pharmaseite hin und her getragen.

ZUR PERSON
Peter Süss

Nach seinem Studium des Maschinenbaus in der Schweiz hat Peter Süss verschiedene Stellen bei ABB, NOK und Balzers bekleidet, bevor er 1988 zu Nestlé gewechselt ist. Nach einer einjährigen Einführung startete er seine internationale Karriere als Projektingenieur in einem Kaffee-Projekt, war Projektmanager eines Milch-Projektes und technischer Leiter einer Glace Fabrik (1989-1998) in China. Nach einem weiteren Aufenthalt in der Schweiz wurde er zum Chefingenieur befördert. In dieser Funktion war Süss in Indien, im Technologiezentrum in der Schweiz und in der Zentrale von Nestlé Nutrition in der Schweiz tätig. 2004 wurde er Assistant Vice Präsident und war von 2004 bis 2008 auch ehrenamtliches Exco Mitglied der EHEDG. Seit 2013 arbeitet er in Frankfurt und verantwortet das Ingenieurwesen in Deutschland Benelux und Skandinavien. Peter Süss ist verheiratet und hat drei Kinder.

Heftausgabe: Juni 2014
Armin Scheuermann ist Chefredakteur von Pharma+Food

Über den Autor

Armin Scheuermann ist Chefredakteur von Pharma+Food
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