„Die Marke ist extrem wichtig“

Interview mit Renaud Spitz, Leiter des Infrapark Baselland

21.03.2014 Noch vor vier Jahren dräuten dunkle Wolken über dem Clariant-Produktionsstandort Schweizerhalle. Die unweit von Basel über Jahrzehnte ansässige Textilchemie wurde ins Ausland verlagert, zahlreiche Gebäude am Chemiestandort drohten leer zu stehen. Um den Standort zu entwickeln, wurde ein kleines Team beauftragt, die Transformation hin zu einem offenen Chemiepark zu betreiben. Im CT-Interview erläutert Renaud Spitz, wie dieser Veränderungsprozess gelungen ist, und wo der Standort seine Zukunft sieht.

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CT: Clariant hat vor drei Jahren die Entwicklung des Standorts Muttenz unter die Marke „Infrapark Baselland“ gestellt. Wie sehen Ihre Ziele heute aus?
Spitz: Wir waren ursprünglich als Einheit innerhalb der Clariant Produkte Schweiz AG mit der Aufgabe angetreten, die Verlagerung der Textil- und Papierchemikalienproduktion der Clariant zu organisieren. Dieser Prozess ist inzwischen abgeschlossen, und wir haben eine klare Vision und Strategie: Wir wollen der größte Chemiepark in der Schweiz sein. Ein erster Schritt war es, Kostentransparenz zu schaffen. Dadurch waren wir in der Lage, unserer Konzernleitung Argumente zu liefern, welche die Gründung der rechtlich eigenständigen Einheit Infrapark Baselland AG rechtfertigten. Die neu gegründete Tochtergesellschaft der Clariant beinhaltet das Personal – zirka 180 Mitarbeiter – und alle Assets, d.h. Grundstücke und Infrastruktur-Anlagen. Die eigene Marke ist als Zeichen nach innen wichtig und unterstützt zudem den Umgang mit Behörden und Kunden. Außerdem steigt unsere Sichtbarkeit, um zukünftige Kunden zu gewinnen. Die Marke ist auch entscheidend im Kontakt zu den Nachbarn; denn wir werden nicht mehr als Konkurrenz wahrgenommen.

CT: Wie kommen die ehemaligen Clariant-Mitarbeiter mit dem Wandel zum Dienstleister zurecht?
Spitz: Den Transformationsprozess von einem Produzenten zu einem Dienstleister darf man nicht unterschätzen. Wir haben daher mit einem gezielten Managementprogramm die Mitarbeiter unterstützt, sich als Dienstleister am Kunden zu verstehen. Das ist ein Transformationsprozess der Zeit braucht. Als Clariant-Tochter profitieren wir von den Werkzeugen und Erfahrungen zur Effizienzsteigerung im Konzern. Dieses Programm der kontinuierlichen Verbesserung – Clariant Excellence – wurde bei Clariant weltweit entwickelt und wird nun auch in unserem Chemiepark umgesetzt. Damit sind wir auf einem sehr guten Weg.

CT: Werden Sie als Standortbetreiber eine 100%ige Clariant-Tochter bleiben oder sollen weitere Anteilseigner hinzukommen?
Spitz: Das ist noch nicht entschieden. Wir diskutieren immer verschiedene Möglichkeiten und Szenarien. Vorerst sind wir eine 100%ige Clariant-Tochter. Die Frage nach weiteren Anteilseignern hängt davon ab, welche Vorteile der Infrapark davon haben würde. Das können finanzielle Vorteile sein, aber auch die Frage, ob ein weiterer Partner zusätzliche Erfahrungen beim Betrieb von Chemieparks einbringen kann. Eine andere Möglichkeit wäre es, den Chemiepark auf den gesamten Standort Schweizerhalle auszuweiten. Unser Management ist dafür offen. Aber zunächst müssen wir dazu eine gemeinsame Strategie mit den Nachbarn entwickeln. Im ersten Schritt wollen wir Stück für Stück zeigen, dass wir gemeinsame Aktivitäten erfolgreich umsetzen können. Das sind beispielsweise strategische Infrastruktur-Aktivitäten, mit denen wir gemeinsam Kosten senken können.

CT: Sie haben ja bereits gemeinsame Aktivitäten im Abwasserbereich mit Ihren Nachbarn. Ist das in den vergangenen Jahren noch mehr geworden?
Spitz: Bei der Zusammenarbeit mit den Nachbarn starten wir nicht bei Null. Die Kläranlage wird von den Chemiefirmen in Schweizerhalle und Umgebung wie auch dem Kanton getragen. Außerdem befindet sich das Abwasserrückhaltebecken, das wir für unsere Kunden und Nachbarn betreiben, auf unserem Gelände. Bei der Zusammenarbeit konzentrieren wir uns auf Energien, Infrastruktur und Entsorgung.
Unsere Aufgabe als Infrapark ist es, die Infrastruktur zur Verfügung zu stellen – das sind Rohrleitungen, Netze etc. Mit Brenntag Schweizerhalle haben wir am Standort einen neuen Kunden gewonnen, der auch mit unseren Nachbarn zusammenarbeitet; man bezieht Schwefelsäure von Cabb über unsere Pipeline und verdünnt diese auf die von den Kunden am Standort gewünschten Konzentrationen. Dadurch haben wir eine richtige Rollenverteilung zwischen Kunden, Distributor und Infrastruktur-Dienstleister. Und das wird auch auf weitere Chemikalien ausgeweitet.

CT: Wie sieht die Gemeinde Muttenz und der Kanton Baselland diese Aktivitäten, mit denen ja auch der Chemiestandort wieder größer wird?
Spitz: Wir haben eine sehr konstruktive, dialogorientierte Zusammenarbeit mit den Behörden. Die Regierung des Kantons Baselland hat eine Infrapark-Begleitgruppe ins Leben gerufen, in der sich seit dem Start des Chemieparks Vertreter von Politik, Wirtschaftsverbänden, Wirtschaftsförderung und des Infraparks regelmäßig zum Gedankenaustausch treffen. Für die Wirtschaftsinitiative Baselland ist der Infrapark ein wichtiges Element in ihren Bemühungen, im Kanton Firmen anzusiedeln.

Bei Projekten werden Behördenfachstellen zu einem frühen Zeitpunkt informiert, und der Infrapark erhält gezielte Unterstützung für die Eingaben. So können administrative Umwege vermieden werden. Dieser effiziente Austausch basiert auf einem über die Jahre aufgebauten Vertrauensverhältnis. Ein ganz großer Vorteil des Standorts Schweiz sind direkte Wege und Kontakte bei Genehmigungen wie Bau- oder Betriebsbewilligungen. Für die Firma Comar Chemie war das ein wesentliches Entscheidungskriterium, sich im Infrapark anzusiedeln – und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht! Noch rascher als erwartet lagen die Genehmigungen zur Aufnahme der Produktion vor. Auch das Bayer-Projekt profitierte von einem regen informellen Austausch bereits in der Projektphase, also zu einem frühen Zeitpunkt, wo noch längst nicht alle Fragen geklärt waren. In diesen Vorgesprächen wird ein gemeinsames Verständnis geschaffen, das umso wichtiger ist, wenn der Kunde aus dem Ausland kommt und mit den hiesigen Gepflogenheiten nicht vertraut ist. Wenn ein Kunde am Ende ein halbes oder ein ganzes Jahr früher mit der Produktion beginnen kann, dann ist das ein massiver wirtschaftlicher Vorteil. Und wir unterstützen unsere Kunden dabei nach Kräften.

CT: Wie passt das Geschäft mit Standortdienstleistungen zu den Renditeerwartungen von Clariant?
Spitz: Auch bei anderen Standortbetreibern hat es mehrere Jahre gedauert, bis diese ein positives wirtschaftliches Ergebnis erreicht hatten. Wir wollen natürlich ein positives Ergebnis erreichen und sind dafür seit drei Jahren auch schon auf einem guten Weg. Die Ziele von Clariant sind offen kommuniziert. Die EBITDA-Marge before exceptionals soll bis 2015 zwischen 16 bis 19 Prozent liegen. Wir als hundertprozentig rechtliche Einheit von Clariant sollen zu diesem Ziel beitragen. Der erste Schritt heißt für uns: kein Geld verlieren, der nächste Schritt heißt Gewinn erzielen. Aber das Zutrauen dazu ist groß: Als ich beauftragt wurde, den Chemiepark zu entwickeln, habe ich für alle Projekte mit einem plausiblen Geschäftsmodell die Bewilligung erhalten. Wir investieren jährlich über 10 Millionen Schweizer Franken in die Infrastruktur. Natürlich setzt das entsprechende Verträge mit den Kunden voraus. Aber die Investitionen dienen dazu, unsere Kunden optimal bedienen zu können.

CT: Welche eigenen Investitionsprojekte waren in den vergangenen Jahren besonders wichtig?
Spitz: Die Schwerpunkte liegen in den Bereichen Energie, Entsorgung und Emissionsminderung. Mit diesen Investitionen unterstützen wir die Wachstumsabsichten unserer Kunden am Standort. Unsere Abwasservorbehandlungsanlage wird vermehrt auch für Abwässer von externen Kunden genutzt. Wir entsorgen auch Abwässer aus weit entfernten Destinationen wie beispielsweise Antwerpen. Deren Verbrennung vor Ort ist wesentlich teurer als der Transport zu uns und die Entsorgung im Infrapark. Dieses Entsorgungsgeschäft hat inzwischen ein so großes Volumen erreicht, dass wir weitere Investitionen tätigen wollen. Im dritten Quartal 2014 werden wir eine katalytische Abluftverbrennung in Betrieb nehmen, mit der wir einerseits die VOC-Emissionen aus der Behandlung der Abwässer weiter reduzieren und gleichzeitig ein Back-up für die Entsorgung von Abluft aus den Produktionsbetrieben aufbauen wollen

Zur Region
Investitionsstandort Baselland

Der Infrapark von Clariant ist im Kanton Basel-Landschaft angesiedelt, der seinerseits zusammen mit dem Kanton Basel-Stadt die innovativste Wirtschaftsregion der Schweiz bildet. Basis ist das weltweit einmalige Life-Sciences-Cluster. Globale Konzerne wie Roche, Novartis, Actelion, Clariant oder Syngenta haben hier ihre Basis. Der Kanton Basel-Landschaft entwickelt sich in der jüngeren Vergangenheit dank vorteilhafter Standortfaktoren ausgesprochen dynamisch. Mit dem Projekt „Inspiration for Business“ umwerben die Behörden Investoren. Merkmale sind neben den bestehenden und in Entwicklung befindlichen Industrie- und Dienstleistungsarealen das attraktive Steuersystem, gut ausgebildete und produktive Arbeitskräfte, die Nähe zu Hochschulen, die wirtschafts- und forschungsfreundliche Politik, die Verkehrsdrehscheibenfunktion (Schiene, Luft und Wasser) und nicht zuletzt die hohe Lebensqualität.

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Heftausgabe: März 2014
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Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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