Kommentar: Trump stoppt Medikamenten-Preiserhöhungen

„Schämt Euch!“

24.07.2018 Gedankenspiel: Horst Seehofer twittert pünktlich zum Oktoberfest einen „Masterplan Intoxikation“ und schimpft über maßlos überteuerte Maßen. Daraufhin zieht der erste Wiesnwirt kleinlaut den Zapfhahn ein und verschiebt seine zunächst angekündigte Bierpreiserhöhung erst mal aufs nächste Jahr. Weitere namhafte Zapfstellen folgen mit ähnlichen Ansagen, einige geloben sogar Besserung und senken die Preise.

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Auch Novartis im Visier der Strafverfolgung

Medikamentenpreise sind oft umstritten und sollten reguliert werden – aber nicht durch Twitter-Tiraden. (Bild: avarand – Fotolia)

Klingt unrealistisch? Jenseits des Atlantiks hat US-Präsident Trump ähnliches erreicht, allerdings in etwas größerem Maßstab. Anstatt um Bier geht es um den milliardenschweren Pharma-Markt, und der Master of Desaster benötigte nicht einmal einen Plan: Ein einfaches „Schämt euch!“ an den Pharmakonzern Pfizer reichte aus, damit der innerhalb von Stunden seine geplanten Preiserhöhungen erst mal sein ließ. Branchengigant Novartis – noch nichtmal in den USA ansässig, sondern in der Schweiz – zog nach und stampfte ebenfalls die Etiketten mit den höheren Preisen vorerst wieder ein. Merck & Co (New Jersey, nicht Darmstadt) eskalierte den Trend und verzichtete nicht nur auf höhere Preise, sondern senkt sie nun sogar. Ein weiterer Schweizer und zwei Deutsche folgten: Auch Roche, Bayer und Merck (diesmal Darmstadt) wollen nun zumindest bis Ende 2018 bei verschreibungspflichtigen Medikamenten keine Preise auf dem US-Markt steigern.

Beängstigender Erfolg

Diesen Erfolg kann Trump ganz allein für sich verbuchen. Und ein Erfolg ist es ohne Frage: Preissenkungen oder zumindest ausbleibende Erhöhungen sind ein riesiger Vorteil für die Verbraucher, und Pharmafirmen auf dem US-Markt haben zum Teil aberwitzige Preisvorstellungen gezeigt. Nicht umsonst fahren sie dort rund 40 % ihres Umsatzes ein.

Doch Verbraucherschutz in Ehren: Der Twitter-Einfluss, der jeden gesetzgebenden oder regulatorischen Prozess nicht nur umgeht, sondern von vorneherein hinfällig macht, ist – milde gesagt – bedenklich. In den USA ist staatliche Regulierung zwar verpönt, aber offenbar auch gar nicht nötig: Per Twitter-Dekret erreicht Trump in weniger als zwei Wochen und 280 Zeichen, wozu andere Regierungen Jahre benötigt hätten, und muss dazu nicht einmal ein Gesetz unterschreiben. Ein präsidiales Dekret ginge möglicherweise bloß vor den obersten Gerichtshof und von da in den Papierkorb; eine Erfahrung, mit der Trump vertraut ist und die er sicher nicht wiederholen möchte.

Erneutes Gedankenspiel: Angela Merkel twittert (an sich schon ein denkwürdiges Ereignis) an die deutschen Autokonzerne, sie mögen sich was schämen und endlich mit der Dieselmanipulation aufhören, sonst…! Rechnet irgendjemand ernsthaft damit, die Stütze der deutschen Wirtschaft ließe sich davon beeindrucken? Wie kommt es, dass dagegen das Smartphone eines Präsidenten, der den Rest der Welt regelmäßig in Entsetzen oder Fassungslosigkeit versetzt, als Regierungsorgan funktioniert? Dies ist zu gleichen Teilen beeindruckend wie beängstigend. „Schämt Euch!“ möchte man selbst den einknickenden Pharmafirmen und allen anderen zurufen, die dieses Spiel mitspielen.

Die Zugeständnisse der Pharmakonzerne entlockten Trump übrigens ein artiges Dankeschön, natürlich ebenfalls per Twitter. Manieren hat der Mann, wenn er tatsächlich mal gewinnt.

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Über den Autor

Ansgar Kretschmer, Redaktion Pharma+Food
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