Geschützt und versichert

Cybersecurity-Strategien für die Hygienebranchen

Mit der Vernetzung von IT- und OT-Infrastrukturen steigt gerade in der Pharma- und Lebensmittelindustrie die potenzielle Angriffsfläche für Cyberkriminelle. Neben technischen und organisatorischen Schutzmaßnahmen können auch Cyberversicherungen das Risiko senken.

Rosa Kapsel neben silbernem Schild auf rosa Pulver, Symbol für medizinischen Schutz.

Entscheider-Facts

  • Cyberangriffe gefährden in der Pharma- und Lebensmittelindustrie IT, Produktion und Produktsicherheit.

  • Netzwerksegmentierung, Back-ups und Schulungen erhöhen die Resilienz.

  • Cyberversicherungen können finanzielle Folgen begrenzen und bei der Wiederherstellung unterstützen.

Ein erfolgreicher Cyberangriff kann weit über den Verlust oder die Manipulation von Daten hinausgehen und Produktionsbetrieb, Produktqualität, -sicherheit sowie Lieferfähigkeit beeinträchtigen. Die Relevanz dieser Bedrohung zeigt auch die Bitkom-Studie „Wirtschaftsschutz 2025“: Der Gesamtschaden, den Unternehmen in Deutschland durch Diebstahl, Sabotage oder Industriespionage erlitten haben, beläuft sich auf rund 289,2 Mrd. Euro. Rund 70 % davon entfallen auf Cyberattacken. Die Zahlen verdeutlichen die zunehmende Notwendigkeit präventiver Schutzmaßnahmen für digitale Produktionsumgebungen.

IT- und OT-Infrastrukturen als Angriffsflächen

Eine wesentliche Angriffsfläche entsteht in der Pharma- und Lebensmittelindustrie durch die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung von Produktionsprozessen. Hierzu zählen unter anderem Enterprise-Resource-Planning-(ERP)-Systeme, über die zentrale Geschäftsprozesse wie Produktionsplanung, Auftragsverwaltung oder Lieferantenverwaltung gesteuert werden. In enger Koordination mit dem ERP-System arbeiten Manufacturing Execution Systems (MES), die für die Produktionssteuerung, die Erfassung von Produktionskennzahlen sowie die Chargenverwaltung verantwortlich sind.

Diese enge Verknüpfung stellt bei einer Cyberattacke eine erhebliche Bedrohung für den laufenden Betrieb dar. Wird beispielsweise ein ERP-System kompromittiert, kann dies zu einer Unterbrechung der Kommunikation führen, sodass wichtige Auftragsdaten oder Materialinformationen nicht mehr zuverlässig an das MES übermittelt werden. Die Folgen reichen dann von erheblichen Einschränkungen im Betriebsablauf bis hin zu Produktionsstillständen.

Ein weiteres branchenspezifisches Risiko der Pharma- und Lebensmittelindustrie stellen Temperaturüberwachungssysteme in der Produktion und Lagerung von Medikamenten und Lebensmitteln dar. Werden beispielsweise Temperaturwerte manipuliert oder Sensoren und Datenlogger deaktiviert, kann dies dazu führen, dass kritische Temperaturabweichungen nicht erkannt oder nicht ordnungsgemäß dokumentiert werden.

Gerade in der Pharmaindustrie kann dies zu erheblichen Problemen bei der Einhaltung von GMP- und GDP-Anforderungen sowie zu einer Beeinträchtigung der Qualität und Freigabefähigkeit betroffener Chargen führen. In der Lebensmittelindustrie können manipulierte Temperaturdaten insbesondere die Überwachung kritischer Kontrollpunkte im Rahmen von HACCP beeinträchtigen und dadurch die Lebensmittelsicherheit gefährden. Die möglichen Folgen reichen in beiden Branchen von Produktions- und Lieferverzögerungen über die Sperrung betroffener Produkte bis hin zur Vernichtung oder zum Rückruf ganzer Chargen.

Von Ransomware-Attacken bis hin zu Phishing-Mails an Mitarbeiter

Um Zugriff auf die IT- oder OT-Infrastruktur von Pharma- und Lebensmittelproduzenten zu erhalten, schleusen sich Cyberkriminelle durch verschiedene Angriffsformen ins System. Hierbei zählen Ransomware-Angriffe laut dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zu dem am schnellsten wachsenden Bereich der Cyberkriminalität. Dabei verschlüsseln Angreifer geschäftskritische Systeme oder Daten und fordern Lösegeld für deren Freigabe.

Darüber hinaus bleiben Malware-Angriffe eine häufige Bedrohung. Schadprogramme wie Trojaner oder Spyware ermöglichen es Cyberkriminellen, Systeme auszuspähen und sensible Informationen zu stehlen. Hierunter fallen beispielsweise der Diebstahl von Rezepturen, Produktionsverfahren, Kundendaten oder Lieferanteninformationen. Häufig erfolgt die Infektion über Phishing-Angriffe, bei denen Mitarbeiter durch gefälschte E-Mails, SMS oder Anrufe zur Preisgabe von Zugangsdaten oder zum Öffnen schädlicher Dateien verleitet werden. Diese Form des Angriffs ist besonders häufig, weil sie gezielt menschliche Fehler ausnutzt.


Edelstahl-Abfülllinie in einer Molkerei mit offenen Schaltschrankgehäusen und stillstehenden Düsen.
Eine Cyberattacke kann die Produktion schnell zum Stillstand bringen.

Welche Vorkehrungen erhöhen die Resilienz?

Grundsätzlich können technische und organisatorische Schutzmaßnahmen Cyberangriffe nicht vollständig verhindern. Sie tragen jedoch dazu bei, das Risiko erfolgreicher Angriffe zu reduzieren und deren potenzielle Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb zu begrenzen. Aufgrund der starken Vernetzung von IT- und OT-Systemen in der Pharma- und Lebensmittelproduktion bietet sich im ersten Schritt eine Netzwerksegmentierung an.

Diese Verbindung ist zwar aus operativer Perspektive sinnvoll, kann jedoch die Ausbreitung eines Cyberangriffs begünstigen. Wenn ein Angreifer die IT kompromittiert, kann eine zu offene Netzwerkarchitektur ihm ermöglichen, auch auf OT-Systeme zuzugreifen und dadurch potenziell Einfluss auf Produktionsprozesse zu nehmen. Bei der Netzwerksegmentierung wird ein großes Netzwerk in mehrere abgegrenzte Bereiche unterteilt. Gelangt ein Cyberkrimineller durch Schadsoftware auf einen Mitarbeitercomputer, erschwert die Netzwerksegmentierung den direkten Zugang zu kritischen Produktionssteuerprozessen.

Eine vollständige Trennung beider Infrastrukturen stellt dabei nicht die optimale Lösung dar. Vielmehr sollten die Schnittstellen auf die für den Prozess notwendigen Kommunikationswege beschränkt und durch Firewalls zusätzlich abgesichert werden. Eine weitere zentrale Vorkehrungsmaßnahme stellt die regelmäßige Sicherung kritischer Unternehmens- und Produktionsdaten dar.

Als grundlegendes Prinzip hat sich dabei die sogenannte 3-2-1-Regel etabliert. Diese sieht vor, dass mindestens drei Kopien der relevanten Daten auf zwei unterschiedlichen Speichermedien vorhanden sind, wobei eine Kopie räumlich beziehungsweise infrastrukturell getrennt vom ursprünglichen Produktionssystem aufbewahrt wird. Im Falle eines Cybervorfalls können Back-ups bei verschlüsselten oder gelöschten Unternehmensdaten den Datenverlust begrenzen und eine Wiederherstellung ermöglichen.

Neben der technischen und infrastrukturellen Absicherung spielt auch die Sensibilisierung der Mitarbeiter eine wichtige Rolle. Da Phishing häufig als Einstiegspunkt für Cyberangriffe dient, sollten Mitarbeiter regelmäßig über aktuelle Angriffsmethoden und typische Warnsignale informiert und entsprechend geschult werden. Dadurch können verdächtige E-Mails, Links oder Anhänge frühzeitig erkannt und gemeldet werden, bevor Zugangsdaten preisgegeben werden oder Schadsoftware in Unternehmenssysteme eingeschleust wird. Eine ausgeprägte Sicherheitskultur kann somit dazu beitragen, das Risiko erfolgreicher Phishing-Angriffe und daraus resultierender Cybervorfälle zu reduzieren.

Cyberversicherungen als ergänzender Sicherheitsbaustein

Außerdem kann der Abschluss einer Cyberversicherung als ergänzende Maßnahme zu einem umfassenden IT-Sicherheitskonzept sinnvoll sein. Zwar schützt sie nicht direkt vor Cyberattacken, kann Unternehmen im Ernstfall jedoch sowohl finanziell als auch personell entlasten. Je nach Leistungsumfang können beispielsweise Schäden durch Betriebsunterbrechungen, die Wiederherstellung von IT-Systemen oder Umsatzausfälle abgedeckt werden. Dadurch können Unternehmen bei der Deckung laufender Personal- und Betriebskosten unterstützt und finanzielle Belastungen sowie Auswirkungen auf die Liquidität abgefedert werden.

Des Weiteren bieten viele Versicherer im Schadensfall auch operative Unterstützung an. Spezialisierte Experten analysieren den Vorfall, identifizieren Schwachstellen und unterstützen dabei, betroffene Systeme abzusichern und den Geschäftsbetrieb schnellstmöglich wiederherzustellen. Dadurch lässt sich im Ernstfall wertvolle Zeit gewinnen, potenzielle finanzielle Schäden können begrenzt und der Betrieb kann auch ohne eigene IT-Sicherheitsabteilung schneller wieder aufgenommen werden.