Drei Fragen an… Frank-Holm Rögner, Fraunhofer-Institut für Elektronenstrahl- und Plasmatechnik FEP
Wann ist ein Bauteil sauber? Vorteil und Grenzen der neuen DIN4878-1
Was bedeutet "sauber" in der Praxis? Experte Frank-Holm Rögner erklärt, wie die DIN 4878-1 eine einheitliche Vorgehensweise für Spezifikation, Dokumentation und Nachweis von Bauteilsauberkeit ermöglicht.
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Frank-Holm Rögner ist Diplom-Physiker und arbeitet am Fraunhofer-Institut
für Elektronenstrahl- und Plasmatechnik FEP als Gruppenleiter für Reinigungs-
und Hygienetechnologien. Erklärt in einem Fachvortrag auf der 9. Fachkonferenz
"Filmische Verunreinigung & saubere Fertigungsprozesse" (6./7.
Oktober 2026 in Bad Gögging), wie sich technische Sauberkeit normieren und
dokumentarisch belegen lässt. Einige Kerninhalte bereits hier im Kurzinterview:
Pharma+Food: Was bedeutet „technisch sauber“, und wie lässt
sich dies Prozess- oder sogar Branchen-übergreifend standardisieren?
Frank-Holm Rögner: Der Begriff „technisch sauber“ ist nicht
klar definiert und in der Praxis wird er in verschiedenen Zusammenhängen
verwendet. Um Verwechslungen zu vermeiden, verwendet die neue Norm diesen
Begriff nicht. Was sich dagegen ganz klar beschreiben lässt, ist der
erforderliche Oberflächenzustand eines Bauteils vor einem Prozessschritt in
einer Prozesskette. Bezieht sich diese Beschreibung auf Verunreinigungen, die
an dieser Stelle auf dem Bauteil nicht vorhanden sein dürfen, dann nennt man
diese Beschreibung Sauberkeitsspezifikation. Erfüllt das Bauteil diese
Spezifikation, wird es in der Norm als Bauteilsauberkeit bezeichnet. Dieses
Grundprinzip gilt für jede Prozesskette, egal ob für Produktions-,
Instandhaltungs- oder Recycling-Prozesse. An jeder Schnittstelle der
Prozesskette stellt sich die Frage der erforderlichen Bauteilsauberkeit und
anschließend, ob dafür etwas getan werden muss (Verunreinigung verhindern oder
reinigen) oder nicht. Die Bauteilsauberkeit lässt sich nicht standardisieren,
denn die Vielfalt an Kombinationsmöglichkeiten von Verunreinigungen,
Bauteilgeometrie, Material, Produktfunktionalität und Prozessanforderungen ist
immens. Dazu kommt die riesige Spanne an Branchenanforderungen „vom Schiffsbau
bis zur Nanolithographie“.
Was allerdings mit der DIN4878-1 gelungen ist, ist die
standardisierte Vorgehensweise, eine Sauberkeitsspezifikation mit einer
nachvollziehbaren Begründung herzuleiten, für Veränderungsprozesse zu
dokumentieren und im Ergebnis alle Daten als Basis für die Konsequenzen (z.B. erforderliche
Reinigung) bereitzustellen. Ein wesentliches Element der Norm ist auch die
Festlegung des Verantwortungsübergangs vom Reinigungsprozess zum Folgeprozess. Bauteilsauberkeit
lässt sich also nicht standardisieren. Die DIN4878-1 liefert jedoch eine
branchenunabhängige, einheitliche Vorgehensweise auf dem Weg dahin und damit
mehr Prozesssicherheit als „haben wir schon immer so gemacht“ oder „copy &
paste“.
P+F: Welche Anforderungen erfüllt normgerechte Technische
Sauberkeit?
Rögner: Der einzige Zweck, den ein Bauteil bezüglich der
Bauteilsauberkeit erfüllen muss, ist die qualitätssichere Funktion des
Folgeprozesses unter gleichzeitiger Wahrung der finalen Bauteilfunktionalität
sicherzustellen. Mit diesem Grundsatz der Norm wird eine
Sauberkeitsspezifikation erarbeitet, die den notwendigen Oberflächenzustand
beschreibt und damit auch eventuell notwendige Reinigungsprozesse auf das
notwendige Maß beschränkt.
P+F: Können auch Anwender mit höheren Anforderungen von
dieser Normierung profitieren?
Rögner: Wie schon gesagt, ist die in der Norm beschriebene
Herangehensweise branchenunabhängig. Gerade bei hohen Anforderungen an die
Bauteilsauberkeit lohnt sich die Anwendung der Norm besonders. In diesen Fällen
entstehen oft sehr hohe Aufwände und Kosten für Reinigungsprozesse.
Unsicherheiten in der Spezifikation der Bauteilsauberkeit sind deshalb mit
hohen Kosten- und Qualitätsrisiken verbunden. Eine nachvollziehbar begründete
Sauberkeitsspezifikation ist die Grundlage, den Reinigungsaufwand besonders
unter diesen beiden Gesichtspunkten zu optimieren.
9. Fachkonferenz "Filmische Verunreinigung & saubere Fertigungsprozesse"
Am 6. und 7. Oktober 2026 kommen in Bad Gögging führende Expert:innen und Fachleute aus Forschung, Produktion und Qualitätssicherung zusammen, um die neuesten Entwicklungen und Technologien rund um das Thema filmische Verunreinigung zu diskutieren. Der 9. Fachkongress bietet umfassende Einblicke in hochmoderne Analyseverfahren, Reinraumtechnologien und nachhaltige Reinigungsprozesse und zeigt praxisnahe Lösungen, die sich direkt in den Arbeitsalltag integrieren lassen.
Mit einem Programm aus inspirierenden Vorträgen und interaktiven Workshops bietet die Fachkonferenz zahlreiche Gelegenheiten, wertvolle Kontakte zu knüpfen und Best Practices auszutauschen. Die Teilnehmenden profitieren von renommierten Referent:innen und entdecken innovative Ansätze, mit denen Unternehmen ihre Prozesse optimieren und die Produktsicherheit auf ein neues Niveau heben können. Branchenvertreter aus der Automobil- und Elektronikindustrie sowie aus der Forschung erhalten gleichermaßen wertvolle Impulse und können ihr Netzwerk gezielt erweitern.
Informationen zum Programm und den Referenten, Tickets und dem Veranstaltungsort finden Sie auf der Website zur 9. Fachkonferenz "Filmische Verunreinigung & saubere Fertigungsprozesse".