Wo steht die deutsche Life-Science-Branche im Jahr 2026? Ein analytischer Blick auf den Sektor zeigt, dass die Herausforderungen für neue Projekte zunehmen, sich mit der richtigen Planung aber erfolgreich umsetzen lassen.
Dr. Marc SönnichsenDr. MarcSönnichsenDirector Life Sciences, Linesight
Die Pharmaproduktion in Europa bleibt strukturell stabil.Dilok – stock.adobe.com
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Entscheider-Facts:
Für den deutschen Life-Science-Sektor entstehen neue Chancen, trotz aktueller Schlagzeilen.
Regulatorische Unsicherheit erschwert jedoch neue Investitionen.
Unternehmen nutzen bestehende Standorte zunehmend weiter.
Die Nachrichten klingen alarmierend: Biontech schließt Standorte und baut fast 2.000 Stellen ab. Eli Lilly reduziert sein geplantes Milliardenprojekt in Alzey um 50 %. Boehringer Ingelheim streicht einen hohen dreistelligen Millionenbetrag aus seinen deutschen Investitionsplänen. Alle drei Unternehmen nennen als Grund explizit die gesundheitspolitischen Reformen der Bundesregierung. Das geplante GKV-Beitragssatz-Stabilisierungsgesetz soll Pharmaunternehmen bald zu höheren Herstellerabschlägen verpflichten.
Der Eindruck, der sich aus diesen Meldungen ergibt: Der Pharmastandort Deutschland verliert an Boden. Zwar ist dieser Eindruck nicht aus der Luft gegriffen, doch in der Gesamtbetrachtung greift er zu kurz. Höchste Zeit also, einen genaueren Blick auf die Branchenentwicklungen zu werfen.
Steigende Exporte und politischer Rückenwind
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Wer den europäischen Life-Science-Sektor insgesamt betrachtet, erhält ein differenzierteres Bild. Die Pharmaproduktion in Europa bleibt strukturell stabil. Die EU-Pharmaexporte stiegen 2025 um 16 %. Deutschland steht laut Eurostat gemeinsam mit Irland und Belgien in den Top 3 der Exporteure mit einem Exportvolumen von 67,9 Mrd. Euro.
Aus dem neuen Construction-Market-Insights-Report des Bauberatungsunternehmens Linesight geht hervor, dass neun von vierzehn US-Unternehmen, die im vergangenen Jahr Fertigungskapazitäten ausgelagert haben, sich für europäische Standorte entschieden haben. Gerade Deutschland hat hier schlagkräftige Argumente: eine ausgereifte pharmazeutische Produktionsbasis, ein dichtes Netz an Auftragsherstellern und ein großes wissenschaftliches Forum, das international konkurrenzfähig ist.
Die Branche erhält zudem politischen Rückenwind aus Brüssel mit der EU-Life-Science-Strategie. Diese sieht vor, dass jährlich 10 Mrd. Euro vordergründig in die Bereiche Biomedizin sowie Biotechnologie, Landwirtschaft, Lebensmittel- und Ernährungssysteme investiert werden, und schafft damit Impulse für Forschung und Produktion. Das sind Anreize, die in Deutschland auf entsprechenden Bedarf treffen.
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Darüber hinaus unterstützen die Europäische Kommission und die Europäische Investitionsbank den Sektor zusätzlich. Ihre Initiative Biotech-EU soll zusätzlich in den nächsten zwei Jahren 10 Mrd. Euro an öffentlichen und privaten Mitteln mobilisieren, insbesondere für Unternehmen in der Skalierungsphase. Das Gesamtbild zeigt, dass für den deutschen Life-Science-Sektor gerade neue Chancen entstehen, trotz der aktuellen Schlagzeilen.
Dennoch wäre es falsch, die Warnsignale zu ignorieren. Die Entscheidungen von Eli Lilly und Boehringer Ingelheim sind Symptome eines strukturellen Problems. Bei geplanten regulatorischen Eingriffen, welche die wirtschaftliche Planbarkeit für Pharmaunternehmen verschlechtern, wirkt sich das direkt auf Kapazitätsentscheidungen aus. In neue Produktionsanlagen zu investieren ist ein langfristiges Commitment und erfordert Planungszeiten von bis zu zehn Jahren oder mehr. Können Unternehmen nicht absehen, ob ein Produkt in fünf Jahren noch zu wirtschaftlichen Konditionen erstattet wird, ist die logische Schlussfolgerung, Investitionen zurückzuhalten oder zu verlagern. Häufig in andere Märkte.
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Dazu kommen operative Hürden, die unabhängig von der Gesundheitspolitik bestehen. Ein Problem ist der strukturelle Fachkräftemangel in der Baubranche, der sich nicht mit dem Konjunkturzyklus erholt. In fast allen EU-Mitgliedsstaaten übersteigen die Rentenabgänge inzwischen die Zahl der Neueintritte in die Branche.
Der Report des Bauberatungsunternehmens zeigt auch, dass das Umsetzungsrisiko bei Bauprojekten europaweit steigt. Die größten Engpässe sind Stromverfügbarkeit und Netzkapazitäten sowie lange Genehmigungsverfahren. Planen Unternehmen heute ein neues Werk, stehen diese häufig jahrelang auf einer Warteliste für Netzanschlüsse. Die Bauinflation wird in Deutschland für 2026 auf 3,5 bis 4,0 % geschätzt. Greenfield-Projekte werden damit teurer und risikoreicher.
Die deutsche Life-Science-Industrie zeigt vor diesem Hintergrund eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit. Anstatt Kapazitätsengpässe ausschließlich durch zeit- und kostenintensive Neubauten zu lösen, rückt das Revitalisieren und Umwidmen bestehender Infrastruktur in den Vordergrund. Dieser Ansatz ist mehr als eine Notlösung; er ist eine rationale Reaktion auf ein Investitionsumfeld, in dem Zeit, Kosten und Umsetzbarkeit stärker zählen als noch vor wenigen Jahren.
Es gibt auch operative Hürden, die unabhängig von der Gesundheitspolitik bestehen.Ivan Traimak – stock.adobe.com
Zwei aktuelle Projekte illustrieren das Potenzial dieses Ansatzes besonders deutlich. In Saarlouis hat Vetter Pharma ein ehemaliges Produktionswerk des Automobilherstellers Ford übernommen und wandelt es in eine moderne Fertigungsstätte für Arzneimittel um. Das Projekt umfasst ein Investitionsvolumen von 480 Mio. Euro. Ein bedeutender Vorteil des Standorts sind die bereits vorhandenen Anschlüsse und Genehmigungen, aber auch die vorhandenen Fachkräfte aus angrenzenden Sektoren, wie Logistik und Infrastruktur.
In Pfaffenhofen bei München investiert das japanische Pharmaunternehmen Daiichi Sankyo über eine Milliarde Euro, um einen Standort aus den 1960er-Jahren in ein europäisches Spitzenzentrum für Krebsforschung und -produktion umzuwandeln. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das die einzige globale Produktionsstätte des Unternehmens außerhalb Japans. Das Projekt umfasst das Modernisieren und Aufrüsten des ehemaligen Luitpold-Werks. Die Nähe zur Technischen Universität München und zu Biotech-Startups in der Region sichern zusätzlich den Zugang zu Talenten und neuesten Technologien.
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Beide Projekte zeigen auf, dass freiwerdende Pharma- und Industriestandorte keine Verlustgeschichten sind. Sie sind ein unterschätztes Asset, vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen.
Es braucht strukturelle Planungssicherheit, damit Repurposing-Projekte erfolgreich umgesetzt werden.Bitya – stock.adobe.com
Allerdings eignet sich nicht jeder ehemalige Industrie- oder Pharmastandort automatisch für eine neue Life-Science-Nutzung. Die Standortwahl ist für Pharmaunternehmen ein strategischer Hebel, bei dem eine Vielzahl an Faktoren gleichzeitig erfüllt sein muss. Dazu gehören die Energieversorgung und Wasserverfügbarkeit sowie eine technologische Anbindung. Unternehmen brauchen regulatorische Planungssicherheit, die Nähe zu internationalen Verkehrsachsen und Lieferketten-Knotenpunkten sowie qualifiziertes Personal vor Ort.
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In Zeiten des Fachkräftemangels ist gerade der Zugang zu qualifiziertem Personal ein Vorteil von Bestandsstandorten. Auch die beiden Projekte zeigen, dass die Unternehmen davon profitieren, wenn am Standort bereits vorher eine industrielle Nutzung stattgefunden hat. Nur so gibt es häufig auch ein regionales Arbeitskräftepotenzial, das für neue Produktionsaufgaben qualifiziert werden kann. Die Inbetriebnahme wird dadurch erheblich erleichtert. Deutschland verfügt über genügend Standorte mit genau diesem Potenzial. Die Frage ist, ob die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen es ermöglichen, aus diesem Potenzial zu schöpfen.
Entscheidend ist somit eine strukturelle Planungssicherheit. Diese muss gegeben sein, damit Repurposing-Projekte erfolgreich umgesetzt werden. Unternehmen müssen frühzeitig mit Lieferanten, Behörden und Partnern in den Austausch gehen, um Verzögerungen zu vermeiden und Projektrisiken zu minimieren. Moderne Ansätze für das Projektmanagement, welche Krisen und Lieferkettenengpässe von Anfang an einkalkulieren, werden zunehmend zur Norm. Ohne diese strukturelle Planungssicherheit können auch die besten Standorte – unabhängig ob grüne Wiese oder Bestandsobjekt – ihre Potenziale nicht ausschöpfen. Wer diese Voraussetzungen schafft, wird feststellen: Der Strukturwandel im deutschen Life-Science-Sektor birgt mehr Chancen als die aktuellen Schlagzeilen vermuten lassen.