Pharma-Logistikdienstleister unter Liquiditätsdruck
Durch die sprunghaft höheren Kosten nach dem Ölpreisschock verlangen Logistikfirmen von ihren Kunden kurzfristige Zuschläge und wollen Konditionen neu verhandeln. Mit klassischen Mitteln der Beschaffung ist dies für Einkäufer kaum noch zu bewältigen.
Philippe GillenPhilippeGillenHead of Data Science und Associate Partner, Negotiation Advisory Group (NAG)
Dieselpreise und Frachtraten treiben Logistikkosten in die Höhe und verschärfen Verhandlungen in der Pharmabranche.KI-generiert mit ChatGPT / OpenAI
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Aufgrund
der Verteuerung der Treibstoffpreise treten Logistikdienstleister vermehrt mit
kurzfristigen Preisforderungen an ihre Auftraggeber heran, stellen bestehende
Vertragsmechaniken infrage oder verlangen außerordentliche Anpassungen. Was im
Einkauf zunächst wie ein Verhandlungsthema erscheint, ist in Wirklichkeit
Ausdruck eines strukturellen Problems: Bei den Logistikdienstleistern treffen
volatile Kosten auf geringe Margen und begrenzte Liquidität.
Ein
zentrales Problem liegt dabei in der zeitlichen Entkopplung von
Kostensteigerungen und deren Weitergabe. Während steigende Dieselpreise sowie
höhere Energie- und Transportkosten sofort wirksam werden, greifen vertraglich
vereinbarte Anpassungsmechanismen häufig erst verzögert. Das gilt selbst für
die Unternehmen, die zur Absicherung gegen Preisschwankungen mit ihren
Logistikpartnern sogenannte Dieselfloater oder Fuel-Surcharge-Mechanismen
vereinbart haben, also Preisgleitklauseln, die in beide Preisrichtungen wirken,
die aber die sprunghaften Kostensteigerungen nur begrenzt abfedern. Ohnehin
verfügen viele kleine Transportunternehmen gar nicht über derartige
Absicherungsmechanismen – bei ihnen schlagen die Kosten unmittelbar durch.
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Dadurch
geraten die Logistikfirmen unter akuten Liquiditätsdruck, die deshalb mit
Nachforderungen, Priorisierungen oder sogar Leistungseinschränkungen reagieren.
In einem Markt mit ohnehin geringen Margen kann bereits ein moderater
Kostenanstieg dazu führen, dass einzelne Transportrelationen unwirtschaftlich
werden. Die weitgehend mittelständisch strukturierte Logistik hat die höchste
Insolvenzhäufigkeit aller Branchen.
Für
den Einkauf liegt die eigentliche Herausforderung deshalb nicht nur in der
Abwehr von Mehrkosten, sondern in der Unterscheidung zwischen sachlich
begründetem wirtschaftlichem Druck und opportunistischer Nachverhandlung. Genau
diese Differenzierung entscheidet darüber, ob Preiszugeständnisse Versorgung
sichern oder lediglich unnötige Präzedenzfälle schaffen.
Eskalierende
Verhandlungen mit Logistikdienstleistern
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Der
starke Anstieg des Ölpreises wirkt sich unmittelbar auf Transportkosten aus
(Diesel, Flugbenzin) und indirekt auf Vorprodukte sowie Verpackungsmaterialien.
Für den Einkauf von Pharmaunternehmen ist diese Dynamik besonders kritisch.
Anders als in vielen anderen Industrien können sie steigende Kosten häufig
nicht zeitnah weitergeben. Festbeträge, Rabattverträge und regulatorische
Preisvorgaben schränken ihren Handlungsspielraum, insbesondere ihre
Preissetzungsmacht ein.
Während
die Logistikdienstleister unter akutem Kostendruck stehen, fehlt auf der
Pharmaseite oft die Möglichkeit zu kurzfristiger Kompensation. Während die
Kosten steigen, können diese aufgrund regulatorischer Preisbindungen oft nicht
an den Markt weitergegeben werden. Diese Asymmetrie treibt die Eskalation in
den Verhandlungen zwischen den Logistikdienstleistern und ihren Kunden in der
Pharmabranche. Und die Logistikkosten sind in der Pharmabranche mit einem
Anteil von 10 bis 15 % des Umsatzes keine Quantité négligeable.
Hohe
Komplexität und Fragilität der Lieferwege
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Verschärft
wird das Problem durch die hohe Komplexität und Fragilität logistischer
Netzwerke. Logistik, erst recht internationale, ist heute kein standardisiertes
Gut, sondern ein hochgradig vernetztes System aus Routen, Transportmitteln,
Zeitfenstern, Serviceanforderungen, Volumina, regionalen Gegebenheiten,
Anbieterstrukturen und operativen Restriktionen.
Und
in der Pharmabranche ist die Logistikkomplexität hoch. Spezielle regulatorische
Anforderungen, insbesondere die Sicherstellung der Kühlkette sowie die
Einhaltung von GDP-Richtlinien, erhöhen die Anforderungen an Transport und
Lagerung erheblich, mit der Folge spezialisierter Logistiknetzwerke mit
begrenzter Austauschbarkeit von Anbietern. Damit wird Logistik zu einem
relevanten Hebel für die Gesamtprofitabilität.
Hinzu
kommt die strukturelle Abhängigkeit von den vorgelagerten Lieferketten. Viele
pharmazeutische Wirkstoffe und Vorprodukte stammen von wenigen globalen
Anbietern. Diese Konzentration erhöht das Risiko von Lieferengpässen.
Geopolitische Konflikte wie jetzt am Golf, Exportbeschränkungen oder
Produktionsausfälle können schnell zu globalen Störungen führen. Die aktuelle
Ölkrise infolge des Irankriegs führt nicht nur zu höheren Energiepreisen,
sondern gefährdet auch die Versorgung mit wichtigen Vorprodukten für die
Pharmaproduktion, die aus Rohöl gewonnen werden, oder wie etwa Helium, das für
Kühlprozesse und medizinische Geräte wie MRTs erforderlich ist. Für den Einkauf
bedeutet das: Logistikentscheidungen sind untrennbar mit Beschaffungsrisiken
verknüpft.
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Für
den Einkauf ergibt sich daraus ein doppeltes Risiko: ein kommerzielles Risiko durch steigende Kosten und ein operatives Risiko durch
potenzielle Versorgungsstörungen. Letzteres manifestiert sich selten abrupt,
sondern entwickelt sich schleichend. Sinkende Servicelevels, knapper werdende
Kapazitäten oder Priorisierungen sind oft erste Indikatoren für eine instabile
Versorgungssituation. Werden diese Signale nicht frühzeitig erkannt, kann es zu
Produktionsunterbrechungen, Lieferverzögerungen und letztlich zu
Umsatzverlusten kommen. Besonders kritisch ist dies bei Arzneimitteln mit
wenigen Herstellern oder stark konzentrierten Lieferketten. Fällt ein Anbieter
aus, sind kurzfristige Alternativen häufig nicht verfügbar. Für den Einkauf
bedeutet das eine Verschiebung der Prioritäten: Neben Kostenoptimierung rückt
die Sicherstellung der Lieferfähigkeit zunehmend in den Mittelpunkt.
Integrierter
Ansatz erforderlich
Somit
steht die Pharmabranche vor einer neuen Realität im Einkauf: Logistik ist nicht
länger eine rein operative Unterstützungsfunktion, sondern ein strategischer
Risikofaktor. Der Einkauf der Pharmaunternehmen steht damit vor einer Aufgabe,
die mit den Mitteln traditioneller Beschaffungslogistik nicht mehr zu meistern
ist.
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Erfolgreiches
Logistikmanagement erfordert heute die gleichzeitige Steuerung von Kosten und
Versorgungssicherheit. Wer ausschließlich auf Preisoptimierung fokussiert,
riskiert operative Instabilität. Wer hingegen nur die Versorgung absichert,
läuft Gefahr, die Kosten aus dem Blick zu verlieren. Entscheidend ist ein
integrierter Ansatz, der Transparenz schafft, Komplexität aktiv managt und
fundierte Entscheidungen ermöglicht.
Aber
wie lässt sich dieses doppelte Risiko angesichts des Zeitdrucks optimal
steuern? Zumal nicht jede Preisforderung berechtigt ist. Gerade in volatilen
Märkten nutzen Anbieter häufig Unsicherheiten auch gezielt für
Nachverhandlungen, obwohl sie gar nicht unter Kostendruck stehen. Wer
Forderungen vorschnell akzeptiert, schafft gefährliche Präzedenzfälle und
unnötige Mehrkosten. Professioneller Einkauf besteht in dieser Situation darin,
fundiert unterscheiden zu können, wo tatsächlich wirtschaftlicher Druck und
operatives Risiko bestehen — und wo die Krise als taktischer Hebel für
Preiserhöhungen genutzt wird. Diese Differenzierung ist entscheidend, um sowohl
Versorgungssicherheit zu gewährleisten als auch unnötige Mehrkosten zu
vermeiden.
Transparenz
und Allokationsoptimierung
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Vor
diesem Hintergrund wird deutlich, dass klassische Einkaufsstrategien nicht mehr
ausreichen. Ein zentraler Ansatzpunkt besteht darin, Risiken systematisch zu
bewerten und zu priorisieren. Nicht jede Route, jeder Dienstleister und jede
Forderung ist gleichermaßen kritisch. Entscheidend ist, wo tatsächliche
Versorgungsrisiken bestehen und wo Alternativen verfügbar sind. Darauf
aufbauend müssen Logistiknetzwerke, Vertragsstrukturen und Abhängigkeiten
transparent gemacht werden.
Ein
weiterer wichtiger Hebel liegt in der Optimierung von Allokationen. Durch eine
gezielte Verteilung von Transportvolumina und die Reduktion unnötiger
unternehmensinterner Restriktionen lassen sich Kosten senken und Risiken
reduzieren. Gleichzeitig ermöglicht eine bessere Datenbasis fundierte
Verhandlungen mit Logistikdienstleistern, um zwischen berechtigtem
wirtschaftlichem Druck und opportunistischen Forderungen unterscheiden zu
können. Gerade in der Pharmalogistik gewinnt diese Diversifizierung an Bedeutung.
Eine breitere Streuung von Lieferanten und Produktionsstandorten trägt zur
Resilienz der Lieferketten bei.
Fundierte Entscheidungen erfordern hier Transparenz über Kosten, mögliche
Alternativen und eine differenzierte Verhandlungsstrategie je nach
Logistikdienstleister, Route, Transportmittel und Vertragslage. In komplexen
Pharmalogistiknetzwerken reicht eine rein tabellarische Sicht auf Kosten,
Routen und Anbieter oft nicht mehr aus. Entscheidend ist, belastbar berechnen
zu können, welche Alternativen real verfügbar sind, was unternehmensinterne
Restriktionen kosten und wann eine Reallokation wirtschaftlich sinnvoller ist
als ein Preiszugeständnis. Genau an diesem Punkt setzen datenbasierte
Optimierungsansätze an, wie sie Beratungsunternehmen wie die Negotiation
Advisory Group
(NAG) in
Logistikvergaben einsetzen.
Entscheider-Facts
Steigende Treibstoff- und Energiekosten setzen
Logistikdienstleister unter wirtschaftlichen Druck, da Kostensteigerungen oft
schneller wirken als vertragliche Preisgleitmechanismen und viele Unternehmen
nur über geringe Margen und Liquiditätsreserven verfügen.
Für Pharmaunternehmen entsteht ein doppeltes Risiko: Neben
steigenden Logistikkosten gefährden die hohe Komplexität der Lieferketten,
regulatorische Anforderungen und geopolitische Störungen die
Versorgungssicherheit.
Der Einkauf muss daher Preisforderungen differenziert
bewerten und Kosten- sowie Versorgungsrisiken integriert steuern, wobei
Transparenz, Diversifizierung und datenbasierte Optimierung entscheidend sind,
um berechtigte Forderungen von opportunistischen Nachverhandlungen zu
unterscheiden.