Drei Fragen an... Manuel Ulmer, Senior Consultant, Cleancontrolling
Cleanability als Qualitätsmerkmal von Produkt- und Prozessdesign
Cleanability, also wie leicht ein Bauteil oder Produkt zu reinigen ist, lässt sich manchmal überraschend schwer umsetzen. Experte Manuel Ulmer erklärt, was Technische Sauberkeit, Hygienic Design und GMP voneinander lernen können.
Ansgar KretschmerAnsgarKretschmerRedakteur der Fachmagazine CHEMIE TECHNIK und Pharma+Food
KI-generiert mit ChatGPT / OpenAI
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Dr.-Ing. Manuel Ulmer, Senior Consultant bei CleancontrollingCleancontrolling
Dr.-Ing. Manuel Ulmer ist als Senior Consultant beim Diensleistungs- und Beratungsunternehmen Cleancontrolling Experte für hygienisches Design und das Vermeiden von Rückständen und Verschmutzungen. Auf der 9. Fachkonferenz "Filmische Verunreinigung & saubere Fertigungsprozesse" (6./7. Oktober 2026 in Bad Gögging) legt er wichtige Grundsätze in seinem Fachvortrag "Cleanability:
Produkt- und Prozessdesign gegen filmische Verschmutzung" dar.
Pharma+Food: Was sind die Unterschiede und wo verläuft die Grenze
zwischen Technischer Sauberkeit und GMP?
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Manuel Ulmer: Technische Sauberkeit kommt historisch stark aus der
Automobil- und Zulieferindustrie. Im Mittelpunkt steht häufig die Frage, ob funktionskritische
Bauteile ausreichend frei von Partikeln sind: also Anzahl, Größe, Art und
Herkunft von Partikeln sowie deren Einfluss auf Funktion, Lebensdauer oder
Weiterverarbeitung. Diese Denkweise ist sehr wertvoll, weil sie systematisch
vorgeht: spezifizieren, prüfen, bewerten, Ursachen finden und Prozesse
absichern.
Bei filmischen Verschmutzungen reicht diese Partikellogik
jedoch nicht aus. Öle, Fette, Kühlschmierstoffe, Korrosionsschutzmittel,
Rückstände aus Reinigungsprozessen oder organische Filme verhalten sich anders
als Partikel und Fasern. Sie sind oft unsichtbar, flächig verteilt und
beeinflussen Benetzung, Kleben, Beschichten, Schweißen, Bedrucken oder auch
mikrobiologische Risiken.
GMP geht stärker vom Produkt- und Patientenschutz aus.
Entscheidend ist nicht nur, ob eine Oberfläche „sauber aussieht“, sondern ob
ein Prozess reproduzierbar nachweist, dass definierte Rückstandsgrenzen
eingehalten werden. Die Brücke zwischen beiden Welten ist Cleanability:
kritische Rückstände vermeiden, entfernen und analytisch nachweisen.
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P+F: Hygienic Design klingt weitgehend nach gesundem
Menschenverstand, ich denke allerdings an meinen Kaffee-Vollautomaten als
extremes Beispiel, wo die Cleanability by Design verbesserungsbedürftig ist.
Warum ist Hygienic Design oft schwer oder unattraktiv umzusetzen?
Ulmer: Viele Prinzipien des Hygienic Design wirken tatsächlich
selbstverständlich: keine Toträume, gut zugängliche Flächen, geeignete
Oberflächen, möglichst vollständige Selbstentleerbarkeit, keine unnötigen
Hinterschneidungen. In der Praxis konkurrieren diese Anforderungen aber mit
Kosten, Bauraum, Funktion, Montagefreundlichkeit, Lieferantenstandards und
bestehenden Plattformen.
Ein Kaffeevollautomat ist dafür ein gutes Alltagsbeispiel:
Technisch funktioniert das Gerät, aber aus Sicht der Reinigbarkeit gibt es
viele kritische Bereiche: enge Kanäle, warme feuchte Zonen, Milch- und
Kaffeerückstände, schwer zugängliche Oberflächen und wechselnde
Nutzerdisziplin. Genau solche Punkte gibt es auch in der Industrie, nur mit
anderen Medien und deutlich höheren Qualitätsanforderungen.
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Hygienic Design bedeutet daher nicht nur „glatte
Edelstahloberfläche“. Es heißt, Produkt und Prozess so zu gestalten, dass
Verschmutzung möglichst wenig entsteht, nicht unnötig anhaftet und im
Reinigungsprozess erreichbar ist. Schon „glatt“ ist dabei mehr als ein
Rauheitswert: Eine geschliffene Oberfläche kann Riefen und damit Rückhalteräume
erzeugen; eine elektropolierte Oberfläche weist dagegen meist eine geringere
Mikrorauheit und eine stabile Passivschicht auf und ist dadurch häufig besser
reinigbar. Das kann konstruktiv aufwendiger sein, zahlt sich aber häufig später
aus: durch stabilere Prozesse, weniger Nacharbeit, bessere Validierbarkeit und
weniger Diskussionen bei Abweichungen.
P+F: Welche Erfahrungen und Grundsätze sind branchenübergreifend
gültig und nutzbar?
Ulmer: Aus meiner Sicht muss nicht jede Branche das Rad neu
erfinden. In Lebensmitteltechnik, Pharma, Hygienic Design und GMP gibt es
jahrzehntelange Erfahrung mit produktberührenden Oberflächen, Reinigung,
Strömungsführung, Totraumvermeidung und Reinigungsvalidierung. Diese Prinzipien
lassen sich sehr gut auf industrielle Anwendungen mit filmischen Rückständen
übertragen.
Branchenübergreifend gültig sind vor allem einige
Grundsätze: kritische Flächen früh identifizieren, Reinigbarkeit bereits im
Design bewerten, Verschmutzung möglichst an der Quelle vermeiden, Medienführung
und Benetzung gezielt auslegen, Werkstoffe und Oberflächen passend auswählen
und die Reinigung nachvollziehbar absichern.
Am 6. und 7. Oktober 2026 kommen in Bad Gögging führende Expert:innen und Fachleute aus Forschung, Produktion und Qualitätssicherung zusammen, um die neuesten Entwicklungen und Technologien rund um das Thema filmische Verunreinigung zu diskutieren. Der 9. Fachkongress bietet umfassende Einblicke in hochmoderne Analyseverfahren, Reinraumtechnologien und nachhaltige Reinigungsprozesse und zeigt praxisnahe Lösungen, die sich direkt in den Arbeitsalltag integrieren lassen.
Mit einem Programm aus inspirierenden Vorträgen und interaktiven Workshops bietet die Fachkonferenz zahlreiche Gelegenheiten, wertvolle Kontakte zu knüpfen und Best Practices auszutauschen. Die Teilnehmenden profitieren von renommierten Referent:innen und entdecken innovative Ansätze, mit denen Unternehmen ihre Prozesse optimieren und die Produktsicherheit auf ein neues Niveau heben können. Branchenvertreter aus der Automobil- und Elektronikindustrie sowie aus der Forschung erhalten gleichermaßen wertvolle Impulse und können ihr Netzwerk gezielt erweitern.
Regelwerke und Leitlinien wie EN 1672-2, ISO 14159, EHEDG,
3-A Sanitary Standards und GMP-Reinigungsvalidierung liefern dafür keine
fertige Lösung für jede Fragestellung, aber sehr gute Denkmodelle: Wo kann sich
Rückstand sammeln? Wird die Fläche benetzt? Reicht die Strömung aus? Ist die
Reinigung reproduzierbar? Und kann ich das Ergebnis sinnvoll messen?
Genau darum geht es im Vortrag: Cleanability nicht als
Reinigungsthema am Prozessende zu verstehen, sondern als Qualitätsmerkmal von
Produkt- und Prozessdesign — besonders dort, wo filmische Verschmutzungen
Funktion, Weiterverarbeitung oder Validierbarkeit beeinflussen. Dazu gehört
auch, Reinigung technisch zu verstehen: Welche Rolle spielen Chemie, Benetzung,
Temperatur, Zeit, Strömung, Turbulenz und Scherkräfte — und wie müssen Produkt,
Oberfläche und Reinigungsprozess zusammenspielen, damit Rückstände zuverlässig
entfernt und ausgetragen werden?