Mit der PPWR will die EU einen einheitlicheren Rahmen für Verpackungen schaffen und zugleich Abfälle verringern, Recycling stärken und den Einsatz von Primärrohstoffen reduzieren. Die Verordnung ist am 11. Februar 2025 in Kraft getreten, die meisten Vorschriften gelten ab dem 12. August 2026.
Für die Hersteller von Lebensmittelverpackungen sind die Anforderungen der PPWR besonders herausfordernd.OpenAI
Für die Hersteller von Lebensmittelverpackungen ist dieser Zeitplan anspruchsvoll: Neue Lösungen müssen auf Abfüllanlagen laufen, Lebensmittelsicherheit gewährleisten, Migrationsprüfungen bestehen und in bestehende Logistikprozesse passen. Die PPWR (Packaging and Packaging Waste Regulation) greift damit in Verpackungsentwicklung, Materialauswahl, Einkauf, Qualitätssicherung und Marketing ein.
Lebensmittelverpackungen unter besonderem Druck
Lebensmittelverpackungen erfüllen mehrere Funktionen gleichzeitig: Sie schützen vor Beschädigungen, Feuchtigkeit, Sauerstoff, Licht und Mikroorganismen, verlängern die Haltbarkeit und liefern Verbraucherinformationen. Anforderungen, die genau genommen mit den Zielen der PPWR kollidieren. Denn eine Verpackung soll künftig weniger Material verbrauchen, recyclingfähig sein und, bei Kunststoff, Rezyklat enthalten. Sie darf aber auch keine Abstriche bei Hygiene, Produktschutz und Lebensmittelsicherheit machen. Das klingt wie die Quadratur des Kreises. Und ist, wenn es beispielsweise um Fleisch, Käse, Fertiggerichte oder Babynahrung mit anspruchsvollen Barriereanforderungen geht, eine echte Herausforderung.
Kunststoff: Flexibel, funktional – und regulatorisch im Fokus
Kunststoffverpackungen sind im Lebensmittelbereich weit verbreitet – von PET-Flaschen über Joghurtbecher bis zu Tiefziehverpackungen und flexiblen Beuteln. Die PPWR verschärft Anforderungen an Recyclingfähigkeit und Design-for-Recycling sowie verbindliche Vorgaben zum Rezyklateinsatz. Für Lebensmittelkontakt sind Rezyklate jedoch nur zulässig, wenn sie lebensmittelrechtlich geeignet und entsprechend zugelassen sind. PET ist dabei weiter entwickelt als Polyolefine wie PP und PE, für die hochwertige, sortenreine Rezyklatströme begrenzt verfügbar sind.
Eine flexible Käseverpackung aus mehrlagigem Verbundmaterial bietet heute gute Barriere und Haltbarkeit, kann aber unter der PPWR problematisch werden. Eine Umstellung auf Monomaterial erfordert neue Barrierekonzepte, angepasste Siegelparameter und Haltbarkeitstests. Viele Packmittelhersteller haben inzwischen mit neuen Entwicklungen reagiert. So hat Coveris unlängst eine Reisverpackung für Aldi UK aus 100 % recycelbarem PE-Monomaterial präsentiert.
Wiederverschließbare Monomaterial-Schalenlösung für gekühlte Lebensmittelanwendungen von Coveris. Sie ersetzt nicht-recycelbare Verpackungen aus Mischmaterialien.Coveris
Papier und Pappe: Nicht automatisch kreislauffähig
Papier- und Pappeverpackungen genießen eine positive Umweltwahrnehmung, sind aber nur dann gut recyclingfähig, wenn Beschichtungen, Barrieren, Klebstoffe und Druckfarben den Recyclingprozess nicht stören. Gerade Lebensmittelverpackungen benötigen häufig Fett-, Feuchtigkeits- oder Sauerstoffbarrieren durch Kunststoffbeschichtungen oder Dispersionen. Pappbecher mit Kunststoffbarriere wirken papierbasiert, können im Altpapierstrom aber problematisch sein. Bei direktem Kontakt mit feuchten oder fetthaltigen Lebensmitteln entscheidet die Kombination aus Funktionalität, Stoffbewertung und Recyclingfähigkeit. Die Industrie reagiert entsprechend. So hat Henkel Adhesive Technologies kürzlich sein Paper-Coatings-Portfolio um neue wasserbasierte Barriere- und Heißsiegel-Beschichtungen erweitert.
Faserbasierte Verpackungen: Alternative mit Prüfbedarf
Faserbasierte Verpackungen aus Frischfasern, Recyclingfasern oder pflanzlichen Rohstoffen gewinnen an Bedeutung, sind aber technisch nicht trivial. Bei feuchten, heißen oder fetthaltigen Lebensmitteln benötigen sie zusätzliche Beschichtungen – was Auswirkungen auf Recyclingfähigkeit haben kann. Besonders sensibel: PFAS-haltige Ausrüstungen für Fett- oder Wasserabweisung, die die PPWR in Lebensmittelverpackungen begrenzt. Take-away-Verpackungen aus geformter Faser müssen in der Praxis zeigen, dass sie bei Saucen, Fett und Wärme stabil bleiben und nach Gebrauch geeignet verwertet werden können.
Dass neue Packmittel nicht isoliert entwickelt werden können, betont Philip Ortin, Head of Strategic Growth & Alliances bei Traceless Materials: „Eine Zusammenarbeit über die gesamte Wertschöpfungskette ist dabei für einen Erfolg essenziell.“ Gerade bei neuen Beschichtungen, Monomaterialien oder biozirkulären Lösungen entscheidet sich die Praxistauglichkeit deshalb nicht allein im Labor, sondern im Zusammenspiel von Materialentwicklung, Markenartikler, Abfüllung, Handel und Entsorgung.
Glas: Etabliert, aber schwer und energieintensiv
Glas bietet aus Lebensmittelsicherheitssicht klare Vorteile: Es ist barrierestark und in Mehrwegsystemen erprobt. Unter der PPWR kann es dort profitieren, wo Mehrweg- und Kreislaufmodelle tragfähig sind. Allerdings verursacht Glas höhere Transportgewichte und energieintensive Schmelzprozesse. Nicht ohne Grund wird versucht, mithilfe von neuen Schmelzverfahren und durch neue Leichtglas-Varianten die negativen Seiten des Materials abzufedern. So hat Ardagh gemeinsam mit Jägermeister die weltweit ersten Grünglasflaschen aus einem Hybrid-Schmelzofen auf den Markt gebracht. Die neue Technologie senkt die CO₂-Emissionen pro Flasche um bis zu 64 %. Der Glas-Spezialist Vetropack hat gerade eine 0,75-l- Rheinweinflasche bei unveränderten Abmessungen mit nur mehr 350 g Gewicht vorgestellt.
Leichtgewicht: Ardagh hat eine 300-g-Weinflasche im Angebot.Ardagh
Metall: Hohe Barriere, etablierte Recyclingwege
Metallverpackungen, also Konservendosen, Getränkedosen, Aluminiumdeckel, bieten hohe Barriereeigenschaften und sind in Recyclingstrukturen etabliert. PPWR-relevant sind vor allem Recyclingfähigkeit, Materialeffizienz und Innenlacke im Lebensmittelkontakt. Bei Verbundlösungen wie Kunststoffbechern mit Aluminiumdeckel kann die Trennung der Materialien relevant werden. Design-for-Recycling bedeutet hier, Komponenten leichter trennbar zu gestalten.
Biokunststoffe: Kein Freifahrtschein unter der PPWR
Biobasiert beschreibt die Herkunft des Rohstoffs, biologisch abbaubar das Abbauverhalten – beides ist nicht gleichbedeutend. Unter der PPWR werden Biokunststoffe nicht automatisch bevorzugt; auch sie müssen Anforderungen an Recyclingfähigkeit, Kennzeichnung und Stoffbewertung erfüllen. Kompostierbarkeit ist nur für bestimmte Anwendungen sinnvoll, etwa Teebeutel oder Kaffeepads, wo Verpackungs- und Bioabfall funktional zusammenhängen. Bei Snackverpackungen oder Joghurtbechern ist kompostierbare Auslobung kritisch zu prüfen, wenn keine passende Entsorgungsinfrastruktur vorhanden ist. Gleichzeitig gibt es spannende Innovationen. So hat Traceless unlängst eine Pilotanlage für die industrielle Produktion von Naturpolymeren in Betrieb genommen. Das vollständig biobasierte Material kann als Ersatz für fossile Kunststoffe eingesetzt werden.
Verbunde aus Kunststoff, Papier, Aluminium und Barriereschichten wie Getränkekartons, Standbodenbeutel, Vakuumverpackungen sind oft funktional gut begründet. Unter der PPWR steigt jedoch der Druck, Recyclingfähigkeit nachzuweisen oder alternative Designs zu entwickeln. Entscheidend ist nicht, ob einzelne Bestandteile grundsätzlich recycelbar sind, sondern ob die Verpackung in der Praxis gesammelt, sortiert und recycelt werden kann.
Mehrweg, Refill und PFAS
Die PPWR stärkt Mehrweg- und Refill-Ansätze: bei Getränken, Take-away, Gastronomie und Transportverpackungen. Mehrwegverpackungen müssen robust, reinigungsfähig, rückverfolgbar und hygienisch sicher sein; Refill-Lösungen brauchen geeignete Infrastruktur und Verbraucherakzeptanz. Anbieter wie Tomra Reuse haben bewiesen, dass Mehrwegkonzepte erfolgreich etabliert werden können.
Parallel verschärft die PPWR den Prüfbedarf bei PFAS, die in fettdichten Papieren, Fast-Food-Verpackungen oder beschichteten Serviceverpackungen vorkommen können. Ersatzlösungen müssen funktional geeignet, lebensmittelrechtlich sicher und recyclingverträglich sein. Der Verzicht auf PFAS ist kein reiner Stoffaustausch, sondern kann die gesamte Verpackungskonstruktion betreffen.
Fazit: Materialwechsel allein reicht nicht
Die PPWR wird Lebensmittelverpackungen nicht durch ein einzelnes Material ersetzen. Entscheidend ist künftig weniger die Materialbezeichnung als die konkrete Verpackungsleistung: Ist die Verpackung recyclingfähig, materialeffizient, lebensmittelkonform und schützt sie das Produkt so, dass Verluste vermieden werden?
Auch der Verpackungsmaschinenbau verweist darauf, dass die PPWR nicht nur eine Material-, sondern eine Prozessfrage ist. Michael Graf, Leiter des Packaging Competence Center und Nachhaltigkeitsexperte bei Schubert, bringt es auf den Punkt: „Die Verpackung aus Papier oder Monofolie allein reicht nicht.“ Für Lebensmittelhersteller heißt das: Neue Verpackungskonzepte müssen früh auf Maschinengängigkeit, Siegelverhalten, Taktleistung, Qualitätssicherung und automatisierte Verarbeitung geprüft werden.