Allianzen zwischen Pharma-Riesen und KI-Pionieren
Künstliche Intelligenz in der Biopharmazie
Von massiv beschleunigter Wirkstoffforschung über die Optimierung klinischer Studien bis hin zur hochautomatisierten Produktion in lernenden Fabriken: Künstliche Intelligenz transformiert besonders in der Biopharmazie die gesamte Wertschöpfungskette.
KI-generiert mit ChatGPT / OpenAI
Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Pharma-
und Biotech-Branche hat eine neue Stufe erreicht. Es geht nicht mehr nur um
isolierte digitale Projekte, sondern um eine tiefgreifende technologische Symbiose. Führende Unternehmen wie
Novartis, Bayer und Moderna transformieren ihre gesamte Wertschöpfungskette
durch strategische Allianzen mit KI-Entwicklern wie OpenAI, Anthropic und
Isomorphic Labs.
Katalysator der Branchen-Transformation
Ein zentraler Akteur dieser
Entwicklung ist OpenAI. Das
Unternehmen ist Partnerschaften mit mehreren Branchengrößen eingegangen, um
generative KI direkt in die Kernprozesse der Medikamentenentwicklung zu
integrieren. Das Unternehmen Moderna gilt als Vorreiter und hat OpenAI-Tools
bereits tief in seine Organisation eingebettet. Mit über 750 spezialisierten GPTs, wie dem
„Dose ID GPT“, automatisiert Moderna die Analyse klinischer Daten zur optimalen
Dosisfindung.
Novo Nordisk nutzt
in einer globalen Partnerschaft die Fähigkeiten von OpenAI, um die Entdeckung
neuer Wirkstoffe gegen Adipositas und Diabetes zu beschleunigen und
gleichzeitig die KI-Kompetenz der Belegschaft zu fördern. Beim
Adipositas-Wettbewerber Eli Lilly liegt
der Fokus dagegen auf der globalen Krise der Antibiotikaresistenz. Mithilfe generativer KI sollen neuartige
Antimikrobiotika entwickelt werden, um resistente Krankheitserreger effizienter
zu bekämpfen. Thermo Fisher
konzentriert sich auf das klinische Forschungsgeschäft und will durch die
Integration von KI in seine „Accelerator Drug Development“-Lösung die
Komplexität klinischer Studien reduzierent und die Skalierbarkeit erleichtern.
Spezialisierte KI für Onkologie und Wirkstoffdesign
Neben den großen Sprachmodellen gewinnen spezialisierte
KI-Plattformen für die molekulare Forschung an Bedeutung. Nach jahrelanger
Zusammenarbeit hat Astrazeneca das KI-Unternehmen Modella AI übernommen, um multimodale KI-Modelle fest in der
weltweiten Onkologie-Forschung zu verankern. Diese Modelle kombinieren
pathologische und klinische Daten, um die Biomarker-Forschung zu automatisieren
und datenbasierte Entscheidungen zu verbessern.
Novartis nutzt die KI-Plattform von Isomorphic Labs, um
gezielt nach kleinen Molekülen
für komplexe Krankheitsziele zu suchen. Isomorphic Labs ist vor allem bekannt
durch Alpha Fold, eine Lösung zur Berechnung von Proteinstrukturen. Das
erklärte Ziel von Novartis-CEO Vas Narasimhan ist es, die Zeit bis zu den
ersten klinischen Studien von vier auf zwei Jahre zu halbieren. Ein Novum in
der Branche ist auch die Ernennung von Novartis-CEO Vas Narasimhan in den
Vorstand von Anthropic, Entwickler des
KI-Modells Claude. Dieser Schritt unterstreicht das wachsende Bedürfnis,
die Entwicklung leistungsstarker KI-Modelle im Gesundheitswesen sicher und
ethisch verantwortungsvoll zu gestalten.
Ein bemerkenswertes Beispiel für eine sektorübergreifende
Kooperation ist die Entwicklung von „Muse“
durch Sanofi, Formation Bio und OpenAI.
Dieses Tool ist die erste KI-Anwendung ihrer Art, die speziell darauf
ausgerichtet ist, das Nadelöhr der Patientenrekrutierung
aufzulösen. Muse analysiert wissenschaftliche Literatur und Real-World-Daten,
um Rekrutierungsstrategien, die früher Monate dauerten, in Minuten zu
erstellen. Sanofi setzt das Tool bereits in Phase-3-Studien für Multiple
Sklerose ein.
Automatisierung in Forschung und lernende Fabriken
Auch in der chemischen
Synthese und der Produktion setzen Unternehmen auf spezialisierte
Technikpartner. Durch die Zusammenarbeit mit dem Start-up Chemlex integriert beispielsweise
Merck eine 24/7-Syntheseplattform
mit KI-gestützten Rückkopplungsmechanismen in seine frühe Forschung, um die
chemische Reaktionsoptimierung zu automatisieren. In der neuen „lernenden
Fabrik“ Solida-1 von Bayer in
Leverkusen fungieren Siemens, Glatt und zahlreiche weitere Pharma-Ausrüster als
Systemintegratoren. Siemens liefert die Steuerungssoftware (SIPAT), die
Datenströme in Echtzeit analysiert, um Produktionsparameter ohne menschlichen
Eingriff anzupassen.
Die Zusammenarbeit zwischen Biopharma und Tech-Unternehmen
hat eine neue Qualität erreicht: KI ist kein reines Hilfsmittel mehr, sondern
wird zum integralen Bestandteil der
Unternehmensinfrastruktur. Während Tech-Giganten wie OpenAI und Nvidia
die notwendige Rechenpower und Algorithmen bereitstellen, liefern
Pharmaunternehmen die biologische Expertise und die komplexen Datensätze. Diese
Synergie verspricht nicht nur schnellere Forschungsergebnisse, sondern auch
eine effizientere und personalisierte Medizin der Zukunft.