Marktentwicklungen in der globalen Arzneimittelherstellung
Pharma-Fertigung zwischen Reshoring und Diversifizierung
Geopolitische Unsicherheiten prägen die Lohnherstellung im Pharmabereich: Einerseits wandern Fertigungsaufträge nach Europa, andererseits investieren Auftragshersteller in den USA. Deutschland tut sich dabei als wichtiger Standort hervor.
KI-generiert mit Dall-E / ChatGPT
Die globale Landschaft der pharmazeutischen Produktion
durchläuft derzeit eine Phase tiefgreifender Veränderungen, die stark von
geopolitischen Faktoren und dem Streben nach Versorgungssicherheit geprägt ist.
Verschiedene politische Blöcke bemühen sich um resiliente Lieferketten und eine
verstärkte Produktion im eigenen Land oder zumindest vor der eigenen Haustür.
Deutschland als führender europäischer Pharma-Knoten
Bei Fertigungsaufträgen für den US-Markt beobachtet das Beratungs-
und Analyseunternehmen Globaldata eine signifikante Verschiebung bei den
Fertigungsaufträgen für den US-Markt. Im Jahr 2025 verzeichneten die USA bei
Verträgen für FDA-zugelassene Medikamente den steilsten Rückgang seit fünf Jahren. Während sich das
Auftragsvolumen nach der Pandemie zunächst stabilisierte, hat sich nun eine
deutliche Kluft aufgetan: In Europa wurden 2025 mehr als dreimal so viele Fertigungsverträge
abgeschlossen wie in den USA.
Besonders Deutschland
hat sich dabei als führender europäischer Knotenpunkt behauptet und allein
zwölf dieser bedeutenden Verträge für sich gewonnen. Diese Entwicklung wird
nicht nur von europäischen Firmen getragen, auch US-amerikanische
Schwergewichte wie Johnson &
Johnson oder Vertex Pharmaceuticals investierten 2025 verstärkt in
europäische Produktionskapazitäten. Parallel dazu bauen Konzerne wie Novo
Nordisk in Irland und Eli Lilly ihre eigenen Standorte in Europa massiv aus,
um die Nachfrage in den USA zu decken.
Interessanterweise scheinen die 15-prozentigen US-Importzölle auf europäische Arzneimittel kaum
eine abschreckende Wirkung zu haben. Laut Analysten priorisieren Unternehmen
eine diversifizierte globale
Lieferkette, um sich gegen die Unvorhersehbarkeit des politischen Klimas
in den USA abzusichern und das Risiko plötzlicher Produktionsausfälle zu
minimieren. Dieser Trend, so die Marktbeobachter, könnte die Bemühungen der
US-Regierung, die heimische Auftragsfertigung (Reshoring) zu stärken, erheblich
behindern.
Konzentration auf Europa, Schritte nach Amerika
Dass diese Entwicklung jedoch nicht uneingeschränkt gilt,
zeigt beispielsweise der belgische Lohnhersteller Ardena. Während viele Akteure
ihre Produktion in Europa konzentrieren, hat Ardena im Jahr 2025 den Schritt
über den Atlantik gewagt und ein Werk
in Somerset, New Jersey, erworben.
Diese Entscheidung fiel explizit als Reaktion auf die Drohung von US-Importzöllen und einen
wahrgenommenen Trend zur Regionalisierung. Für Ardenas CEO Jeremie Trochu ist
eine physische Präsenz in den USA essenziell, um Biotech-Kunden die notwendige Agilität und Geschwindigkeit bei immer
engeren Zeitplänen zu bieten. Ardena verfolgt dabei eine Strategie der Spezialisierung, insbesondere in den
Bereichen:
- Orale Darreichungsformen: Fokus auf klinische Fertigung und kleine kommerzielle Serien.
- Nanomedizin: Nutzung langjähriger Expertise bei Lipid-Nanopartikeln und komplexen Formulierungen.
- Präzisionsmedizin: Ausrichtung auf Therapien für kleinere Patientenpopulationen und seltene Krankheiten.
All diese Bereiche erfordern die traditionellen Stärken von
Lohnherstellern, nämlich hohe Flexibilität und Geschwindigkeit in der
Produktion unterschiedlicher Klein-Chargen. Ardena plant, seine spezialisierten
europäischen Kompetenzen, wie bioanalytische Labore und Nanomedizin-Kapazitäten,
sukzessive auch am neuen US-Standort zu etablieren. Damit setzt das Unternehmen
auf ein geografisch ausgewogenes Modell,
um Kunden auf „beiden Seiten des Teiches“ versorgen zu können und so immun
gegen die tagespolitischen Schwankungen einzelner Regionen zu werden. Während
der breite Markt also eine Konzentration in Europa zeigt, setzt Ardena auf lokale US-Präsenz als Wettbewerbsvorteil.
Mit diesem Ansatz ist Ardena nicht das einzige Unternehmen. So
hat beispielsweise der spanische Auftragshersteller Esteve 15,5 Mio. Dollar investiert,
um seine Produktionskapazitäten in Illinois auszubauen. Gleichzeitig rüstet
Esteve allerdings auch in Europa auf und hat Kapazitäten in Spanien
aufgestockt. Ein weiterer Lohnhersteller, der in den USA Fuß fasst, ist das
koreanische Unternehmen Samsung Biologics. Dieser hat mit der Übernahme des
GSK-Standorts Rockville , Maryland, seine erste Präsenz in den USA etabliert, „zur
geografischen Diversifizierung“ seines Produktionsnetzwerks.
Das zeigt, dass „Raus aus den USA“ nicht die ganze Wahrheit
sein kann. Auf die Frage „USA oder Europa?“ lautet die Antwort in der
Pharma-Auftragsfertigung vielmehr „Sowohl als auch.“