Digitale Transformation im regulierten Med-Tech-Umfeld
Compliance wird zum Wettbewerbsfaktor
Die zu erfüllenden Regularien können es Medizintechnik-Unternehmen schwer machen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu behaupten. Durchgängige digitale Lösungen bieten einen zukunftsfähigen Ausweg.
In der modernen Medizintechnik sollen MDR und EU-Regeln Innovationen unterstützen, nicht bremsen.
PTC
In den letzten Jahren ist nicht nur die Anzahl der Vorschriften
weltweit rasant gestiegen, sondern auch deren Komplexität und das Tempo der
Änderungen. Das gilt für branchenspezifische Regelwerke wie die EU Medical
Device Regulation (MDR) genauso wie für branchenübergreifende wie den EU AI Act
oder den Cybersecurity Resilience Act (CRA).
Bei Audits müssen Hersteller nachweisen, dass sie in jeder
Phase der Produktentwicklung – vom ersten Entwurf bis zum Vertrieb – die
aktuellen Vorschriften einhalten. Ist die Dokumentation unzureichend, kann dies
zu Geldstrafen, Produktrückrufen und sogar zum Ausschluss vom Markt führen. Eine
lückenlose Rückverfolgbarkeit und umfassende Dokumentation über den gesamten
Produktlebenszyklus hinweg sind deshalb unabdingbar.
Doch in vielen Unternehmen sind noch papierbasierte oder
isolierte Systeme und Tools im Einsatz. Damit ist das Nachverfolgen, Verwalten
und Einhalten von regulatorischen Anforderungen sehr zeitaufwendig und
fehleranfällig. Die Auswirkungen sind gravierend: Über die Hälfte der Medizinproduktehersteller
in der EU hat ihr Produktportfolio reduziert, um die EU Medical Device
Regulation (MDR) und die In-vitro-Diagnostika Regulation (IVDR) erfüllen zu können.
17 % haben die Produktion von Geräten aufgrund hoher Zertifizierungskosten und
des hohen Verwaltungsaufwands komplett eingestellt. Zu diesen Ergebnissen kommt
eine Studie, die das
Beratungsunternehmen EY im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführt
hat.
Laut „Med-Tech Europe IVDR & MDR Survey
Results 2024“ haben IVDR und MDR dazu geführt, dass die
Zertifizierungs- und Wartungskosten im Vergleich zu früheren Richtlinien um bis
zu 100 % (oder mehr) gestiegen sind. Zudem erfordern sie einen erheblichen Personalaufwand
seitens der Med-Tech-Hersteller – Ressourcen, die nicht für Forschungs- und
Entwicklungsarbeit zur Verfügung stehen.
Ein schwieriges Wettbewerbsumfeld, in dem neue Wettbewerber
wie Google & Co. die Geschäftsmodelle der klassischen Med-Tech-Unternehmen
herausfordern, kommt verschärfend hinzu. Dadurch wird es noch wichtiger,
hochinnovative Produkte schnell auf den Markt zu bringen – jedoch ohne
Abstriche bei Qualität und Compliance. Es geht also nicht nur darum sicherzustellen,
dass die Produkte alle regulatorischen Anforderungen erfüllen, sondern auch um
betriebliche Effizienz.
Durchgängige, digitale Lösungen, die den gesamten
Produktlebenszyklus abdecken, ermöglichen beides: Indem Daten funktionsübergreifend
genutzt werden können, steigt die Effizienz, gleichzeitig entsteht Transparenz.
So lassen sich die regulatorischen Anforderungen und deren Auswirkungen auf das
eigene Portfolio stets im Blick behalten und nötige Anpassungen zeitnah
umsetzen. Zudem kann eine solche Infrastruktur die Produktentwicklung
beschleunigen, Fehler reduzieren, Markteinführungszeiten verkürzen und eine
lückenlose Rückverfolgbarkeit schaffen. Und sie ist das Fundament für Künstliche
Intelligenz (KI). Konkret zeigen sich die Vorteile in folgenden Bereichen:
Durchgängige Rückverfolgbarkeit und Dokumentation
Die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften hängt von der
vollständigen Rückverfolgbarkeit während des gesamten Produktlebenszyklus ab.
Durch den integrierten Einsatz von Tools für das Anforderungs- und
Testmanagement (oftmals Teil einer Application-Lifecycle-Management-Software (ALM))
sowie das Product Lifecycle Management (PLM) schaffen Hersteller eine
einheitliche Plattform, um Produktdaten nachzuverfolgen, die Dokumentation zu
verwalten und Compliance-Anforderungen zu erfüllen. So können Med-Tech-Unternehmen
eine lückenlose Rückverfolgbarkeit gewährleisten und die Dokumentation vom
Konzept bis zur Auslieferung jederzeit für Audits bereitstellen. Durch die
nahtlose Integration von Daten aus Design, Entwicklung, Validierung, Fertigung
und Service können sie Fehler minimieren, die Datenintegrität verbessern und
sich schnell an regulatorische Änderungen anpassen.
ALM-Software gibt zudem einzuhaltende Prozesse vor, bietet
eine automatisierte Rückverfolgbarkeit und Erstellung von Berichten. Damit lassen
sich Nachweise über die Einhaltung von Vorschriften in Minuten statt in Wochen erstellen.
Indem ALM-Software die Wiederverwendung validierter Komponenten, Designs, Tests
und Prozesse unterstützt, hilft sie, Redundanzen zu vermeiden. Das beschleunigt
Entwicklungszyklen, steigert die betriebliche Effizienz und macht Ressourcen
frei für Innovationen. Weil bei validierten Komponenten gewährleistet ist, dass
sie hohen Qualitätsstandards entsprechen, steigen Konsistenz und
Zuverlässigkeit über alle Projekte hinweg.
Vernetzte Prozesse
Compliance erfordert eine enge Zusammenarbeit mehrerer
Abteilungen, darunter Engineering, Fertigung, Service, Qualität und Regulatory
Affairs. ALM- und PLM-Lösungen speichern Produktdaten über den gesamten
Lebenszyklus hinweg und schaffen so die technischen Voraussetzungen für eine
nahtlose Kommunikation und einen durchgängigen Datenaustausch. Teams können
agiler arbeiten sowie schneller Entscheidungen treffen und auf Anforderungsänderungen
reagieren.
Integriertes Risikomanagement
Das Risikomanagement wird ebenfalls durch ALM-
und PLM-Lösungen unterstützt. Denn sie beinhalten Tools zur
Identifizierung, Bewertung und Minderung von Risiken über den gesamten Produktlebenszyklus
hinweg sowie automatisierte Konformitätsprüfungen und Risikobewertungen. Das
verbessert den Genehmigungsprozess und ermöglicht schnellere Markteinführungen
bei hoher regulatorischer Sicherheit.
Compliance nach der Markteinführung
Auch nach der Markteinführung sind Vorschriften einzuhalten sowie
die Sicherheit und Zuverlässigkeit der Geräte zu gewährleisten. Service-Management-Software
unterstützt dies durch die Echtzeitverfolgung von Arbeitsaufträgen und die
Optimierung von Terminplanung, Disposition und Wartungsaktivitäten. Denn dies
ermöglicht einen zeitnahen Service und eine effiziente Marktüberwachung (Post-Market Surveillance,
PMS).
Der nächste Schritt: KI entlang des gesamten Produktlebenszyklus
Durch die Kombination dieser Lösungen decken Unternehmen den
gesamten Lebenszyklus eines medizinischen Geräts ab und schaffen die Basis für
einen gezielten Einsatz von KI. Aktuelle ALM- und PLM-Software verfügt über
integrierte KI-Assistenten, die Anforderungen analysieren, Muster erkennen und Wissensbasen
verknüpfen. Sie erkennen die Auswirkungen von Designänderungen auf Materialien,
Fertigungsprozesse und einzuhaltende Richtlinien. Indem diese KI-Assistenten nicht
nur dokumentieren, sondern auch aktiv spezifische Handlungen ausführen können,
werden Ressourcen frei für Innovation und es verbessert sich die Konsistenz und
Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen. Aber auch eigene (agentenbasierte) KI
lässt sich auf dieser Grundlage einsetzen. So entsteht ein Intelligent
Product Lifecycle, der alle relevanten Informationen von der ersten
Anforderung bis zur Stilllegung eines Geräts verbindet.
Entscheider-Facts
- Durch steigende regulatorische Anforderungen und
hohe Zertifizierungskosten müssen Medizintechnik-Unternehmen Compliance als
entscheidenden Wettbewerbsfaktor und Treiber für betriebliche Effizienz wahrnehmen.
- Integrierte digitale Lösungen wie ALM- und
PLM-Systeme ermöglichen eine lückenlose Rückverfolgbarkeit und unterstützen die Dokumentation über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg und
minimieren so den Verwaltungsaufwand.
- Eine durchgängige digitale Infrastruktur
beschleunigt die Markteinführung neuer Produkte, setzt Ressourcen für die
Forschung frei und bildet das notwendige Fundament für den Einsatz von
Künstlicher Intelligenz.