Die moderne Medizin erlebt derzeit einen grundlegenden
Wandel: Statt Krankheiten ausschließlich mit Medikamenten zu behandeln, rücken
zunehmend präzise Eingriffe auf molekularer Ebene in den Fokus. Ziel der
Gentherapie ist es, krankheitsverursachende genetische Veränderungen zu
korrigieren, zu ergänzen oder gezielt auszuschalten. Dadurch lassen sich
bestimmte Erkrankungen dauerhaft heilen oder zumindest langfristig
kontrollieren – häufig bereits nach einer einzigen Behandlung.
Was mit ersten klinischen Studien Anfang der 1990er-Jahre
begann, hat sich inzwischen zu einem der dynamischsten Forschungsgebiete der
modernen Medizin entwickelt. In der Europäischen Union sind bereits zahlreiche
Gentherapeutika als Arzneimittel für neuartige Therapien (Advanced Therapy
Medicinal Products, ATMPs) zugelassen und finden zunehmend Eingang in die
klinische Versorgung.
In diesem Artikel
erfahren Sie:
- was Gentherapien sind und wie sie funktionieren,
- welche Rolle Viren und andere Vektoren beim Transport genetischer Informationen spielen,
- welche Krankheiten bereits erfolgreich behandelt werden können,
- und warum Gentherapien als Meilenstein der modernen Medizin gelten.
Was ist Gentherapie?
Unter einer Gentherapie versteht man ein medizinisches
Verfahren, bei dem Nukleinsäuren (DNA oder RNA) gezielt in Körperzellen
eingebracht werden, um genetische Informationen zu ergänzen, zu korrigieren
oder gezielt zu verändern. Im Gegensatz zu herkömmlichen Arzneimitteln, die
überwiegend Symptome behandeln oder Krankheitsprozesse beeinflussen, setzt die
Gentherapie unmittelbar an den molekularen Ursachen einer Erkrankung an.
In der Europäischen Union gilt ein Gentherapeutikum als
biologisches Arzneimittel, dessen Wirkstoff rekombinante Nukleinsäuren enthält
oder aus diesen besteht. Klassische Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten
zählen rechtlich nicht zu dieser Arzneimittelgruppe.
Da Gentherapien den zugrunde liegenden Gendefekt
adressieren, werden sie häufig als Kausaltherapie
bezeichnet. Ihr Ziel besteht darin, genetische Sequenzen zu regulieren, zu
reparieren, zu ersetzen, hinzuzufügen oder gezielt zu entfernen. Die
behandelten Körperzellen erhalten gewissermaßen einen neuen genetischen
„Bauplan“, der sie befähigt, fehlende oder fehlerhafte Proteine wieder korrekt
zu bilden beziehungsweise krankheitsverursachende Genaktivitäten zu
unterdrücken.
Ursprünglich wurden Gentherapien vor allem zur Behandlung
seltener monogenetischer Erbkrankheiten entwickelt. Heute umfasst ihr
Einsatzgebiet deutlich mehr Krankheitsbilder. Neben verschiedenen erblichen
Stoffwechsel- und Immundefekten kommen Gentherapien inzwischen auch bei
bestimmten Krebserkrankungen, einzelnen Virusinfektionen wie HIV sowie
ausgewählten neurodegenerativen Erkrankungen zum Einsatz.
Da Nukleinsäuren Zellmembranen nicht selbstständig
überwinden können, benötigen sie geeignete Transportsysteme, sogenannte Vektoren. Diese dienen als
Transportvehikel für das therapeutische Erbmaterial und werden deshalb häufig
anschaulich als „Gentaxis“ bezeichnet. Meist handelt es sich um gentechnisch
veränderte Viren, deren krankmachende Eigenschaften entfernt wurden. Sie
transportieren das therapeutische Gen sicher in die Zielzellen und – je nach
Verfahren – bis in den Zellkern.
Grundsätzlich unterscheidet man zwei Anwendungsformen der
Gentherapie:
- In-vivo-Gentherapie: Das therapeutische Gen wird direkt in den Körper eingebracht, beispielsweise durch eine Injektion.
- Ex-vivo-Gentherapie: Zellen werden dem Patienten zunächst entnommen, außerhalb des Körpers genetisch verändert und anschließend wieder übertragen. Dieses Verfahren ist aufwendiger, ermöglicht jedoch eine präzisere Qualitätskontrolle vor der Rückgabe der behandelten Zellen.
In Wissenschaft und Medizin wird außerdem zwischen zwei
grundlegend unterschiedlichen Formen der Gentherapie unterschieden.
Bei der somatischen
Gentherapie werden ausschließlich Körperzellen – beispielsweise Blut-,
Muskel- oder Immunzellen – genetisch verändert. Die vorgenommenen Veränderungen
betreffen ausschließlich den behandelten Patienten und werden nicht an
nachfolgende Generationen vererbt. Alle derzeit in der Europäischen Union
zugelassenen Gentherapien gehören zu dieser Kategorie.
Davon zu unterscheiden ist die Keimbahntherapie, bei der genetische Veränderungen an Ei-, Samen-
oder frühen Embryonalzellen vorgenommen würden. Solche Eingriffe wären
vererbbar und würden an nachfolgende Generationen weitergegeben. Aufgrund
erheblicher ethischer und sicherheitsrelevanter Bedenken ist die
Keimbahntherapie in Deutschland und der gesamten Europäischen Union verboten.
Wie gelangen Gene in die Zielzellen?
Damit eine Gentherapie wirken kann, muss das therapeutische
Erbmaterial zunächst in die Zielzellen gelangen. Da DNA und RNA aufgrund ihrer
Größe und ihrer negativen elektrischen Ladung die Zellmembran nicht
selbstständig überwinden können, sind spezielle Transportsysteme erforderlich.
Diese werden als Vektoren
bezeichnet.
Ihre Aufgabe besteht darin, die therapeutische Nukleinsäure
sicher durch den Körper bis in die Zielzellen zu transportieren und dort
freizusetzen. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen viralen und nicht-viralen
Vektoren.
Virale Vektoren: Umfunktionierte Viren als „Gentaxis“
Virale Vektoren nutzen eine Eigenschaft, die Viren von Natur
aus besitzen: Sie können ihr genetisches Material besonders effizient in
menschliche Zellen einschleusen. Für die Gentherapie werden diese Viren jedoch
gentechnisch so verändert, dass sie sich nicht mehr vermehren und keine
Erkrankungen mehr auslösen können.
Dazu entfernen Forscher die Gene, die für die Vermehrung und
krankmachende Eigenschaften verantwortlich sind. Zurück bleibt die Virushülle
als biologisches Transportsystem. Anschließend wird sie mit dem therapeutischen
Gen beladen.
Nach der Verabreichung bindet der Vektor an die Oberfläche
der Zielzelle und wird von dieser aufgenommen. Im Zellinneren gelangt er bis
zum Zellkern, wo das therapeutische Erbmaterial freigesetzt wird. Je nach
verwendetem Vektor bleibt dieses dort als eigenständiges genetisches Element
erhalten oder wird dauerhaft in das Genom der Zelle integriert.
Zu den wichtigsten viralen Vektoren zählen Adeno-assoziierte Viren (AAV). Sie
gelten heute als Standard für viele In-vivo-Gentherapien,
da sie ihr genetisches Material in der Regel nicht dauerhaft in das Erbgut der
Zielzellen einbauen. Stattdessen verbleibt dieses meist als eigenständige
DNA-Struktur im Zellkern und kann dort über längere Zeit aktiv bleiben.
Lentiviren
werden dagegen vor allem bei Ex-vivo-Gentherapien
eingesetzt. Sie integrieren das therapeutische Gen dauerhaft in das Genom der
behandelten Zellen. Dadurch wird die genetische Information auch bei späteren
Zellteilungen an die Tochterzellen weitergegeben – ein entscheidender Vorteil
beispielsweise bei der Herstellung von CAR-T-Zellen.
Gibt es auch Vektoren ohne Viren?
Obwohl virale Vektoren heute den Goldstandard vieler
Gentherapien darstellen, besitzen sie auch Einschränkungen. So können sie
beispielsweise Immunreaktionen auslösen oder nur eine begrenzte Menge
genetischen Materials transportieren. Deshalb wird intensiv an alternativen
Transportsystemen geforscht.
Lipid-Nanopartikel (LNPs)
gehören zu den wichtigsten nicht-viralen Vektoren. Dabei wird die
therapeutische DNA oder RNA in winzige Fettpartikel eingeschlossen. Diese
schützen das empfindliche Erbmaterial vor dem Abbau im Körper und erleichtern
den Transport durch die Zellmembran. LNPs erlangten insbesondere durch die
mRNA-Impfstoffe gegen COVID-19 große Bekanntheit. Auch für zukünftige
Gentherapien gelten sie als vielversprechende Alternative zu viralen Vektoren.
Synthetische
Polymere wie Polyethylenimin
(PEI) sind eine weitere Möglichkeit. Diese Stoffe binden die DNA und
bilden stabile Komplexe, die von den Zellen aufgenommen werden können. Im
Zellinneren nutzen sie den sogenannten Protonenschwamm-Effekt.
Dabei entsteht ein osmotischer Druck, der die Membran der Transportbläschen
aufbrechen kann. Dadurch wird das therapeutische Erbmaterial freigesetzt und
steht der Zelle zur Verfügung.
Neben biologischen und chemischen Ansätzen existieren auch
physikalische Methoden zum Gentransfer. Eine der bekanntesten ist die Elektroporation. Hierbei erzeugen
kurze elektrische Impulse vorübergehend winzige Poren in der Zellmembran. Durch
diese Öffnungen kann das genetische Material direkt in die Zellen gelangen. Die
Elektroporation gehört zu den ältesten Verfahren der Molekularbiologie und wird
bis heute insbesondere in Laboren sowie bei bestimmten Ex-vivo-Anwendungen
eingesetzt.
Arzneimittel für neuartige Therapien (ATMP): Einordnung und Bedeutung
Die Abkürzung ATMP
steht für Advanced Therapy Medicinal Products, auf Deutsch Arzneimittel für neuartige Therapien.
Dabei handelt es sich um eine spezielle Kategorie biologischer Arzneimittel,
die auf Genen, Zellen oder Geweben basieren. ATMPs bilden einen regulatorischen
Rahmen für besonders innovative Therapieverfahren, bei denen klassische
pharmazeutische Ansätze nicht mehr ausreichen. Sie umfassen Therapien, die
direkt in biologische Strukturen des menschlichen Körpers eingreifen und dort
funktionelle Veränderungen bewirken.
In der Europäischen Union werden ATMPs durch die Verordnung
(EG) Nr. 1394/2007 sowie die Richtlinie 2001/83/EG geregelt. Dabei
unterscheidet man drei Hauptkategorien:
1. Gentherapeutika:
Hierzu gehören Arzneimittel, die rekombinante Nukleinsäuren enthalten
oder aus solchen bestehen. Ziel ist es, genetische Informationen gezielt zu
verändern, etwa durch das Ersetzen defekter Gene, das Ergänzen fehlender
genetischer Informationen, oder das gezielte Abschalten krankmachender Gene. Ein
Beispiel sind moderne Zelltherapien wie CAR-T-Zell-Therapien,
bei denen patienteneigene Immunzellen genetisch so verändert werden, dass sie
Krebszellen gezielt erkennen und angreifen können.
2. Somatische
Zelltherapeutika: Diese Kategorie umfasst Therapien, bei denen Zellen
oder Gewebe außerhalb des Körpers oder durch bestimmte Verfahren so verändert
werden, dass sich ihre biologischen Eigenschaften oder Funktionen wesentlich
unterscheiden. Typischerweise werden dabei körpereigene Zellen entnommen, im
Labor verarbeitet und anschließend wieder verabreicht, um gezielt
therapeutische Effekte zu erzielen.
3. Tissue-Engineered
Products (TEP): Dabei handelt es sich um biotechnologisch hergestellte
Gewebeprodukte, die zur Regeneration, Reparatur oder zum Ersatz von
menschlichem Gewebe eingesetzt werden. Ziel ist es, geschädigte
Gewebestrukturen funktionell wiederherzustellen oder zu ersetzen.
Im Unterschied zu klassischen Arzneimitteln, die meist aus
chemisch definierten Wirkstoffen oder rekombinanten Proteinen bestehen, nutzen
ATMPs lebende Zellen, genetisches Material oder Gewebestrukturen als
therapeutische Grundlage. Diese Therapien kommen vor allem bei schweren, oft
seltenen oder bislang nicht ausreichend behandelbaren Erkrankungen zum Einsatz.
Häufig ist dabei eine einmalige Behandlung ausreichend, um langfristige oder
sogar dauerhafte therapeutische Effekte zu erzielen.
ATMPs unterliegen in der Europäischen Union einem
zentralisierten Zulassungsverfahren durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA). Die wissenschaftliche
Bewertung erfolgt durch ein spezielles Gremium, das Committee for Advanced Therapies (CAT). Dieses Verfahren soll
sicherstellen, dass innovative Therapien trotz ihrer Komplexität nach
einheitlichen und strengen Standards geprüft werden, bevor sie in der
klinischen Versorgung eingesetzt werden.
Zugelassene Gentherapien: Welche Krankheiten bereits behandelt werden
können
Die Gentherapie hat in den vergangenen Jahren den Schritt
von der experimentellen Forschung in die klinische Versorgung geschafft. In der
Europäischen Union sind mittlerweile mehrere Gentherapeutika zugelassen, die
vor allem bei schweren, seltenen oder bislang kaum behandelbaren Erkrankungen
eingesetzt werden.
Die wichtigsten Anwendungsfelder lassen sich in vier große
Gruppen einteilen:
1. Krebserkrankungen
(Hämatologie und onkologische Gentherapien)
Ein zentrales Einsatzgebiet moderner Gentherapien ist die
Behandlung bestimmter Blut- und Lymphkrebserkrankungen. Besonders etabliert hat
sich hier die CAR-T-Zell-Therapie,
eine Form der ex vivo Gentherapie, bei der körpereigene Immunzellen genetisch
so verändert werden, dass sie Krebszellen gezielt erkennen und zerstören
können.
Zu den zugelassenen Therapien gehören unter anderem:
- Akute lymphatische Leukämie (ALL) Behandlung mit CAR-T-Produkten wie Kymriah oder Aucatzyl.
- B-Zell-Lymphome (z. B. diffuses großzelliges B-Zell-Lymphom, follikuläres Lymphom) Therapien wie Yescarta oder Breyanzi.
- Mantelzelllymphom Behandlung mit Tecartus.
- Multiples Myelom Einsatz von Abecma oder Carvykti.
- Malignes Melanom Behandlung mit dem onkolytischen Virus Imlygic bei fortgeschrittenen Fällen.
- Blasenkrebs (nicht-muskelinvasiv) Therapie mit Adstiladrin.
2. Seltene
monogenetische Erbkrankheiten
Ein klassisches Einsatzgebiet der Gentherapie sind
Erkrankungen, die durch einen Defekt in einem einzelnen Gen verursacht werden.
Hier kann die Therapie häufig eine fehlende genetische Funktion ersetzen oder
korrigieren.
- Spinale Muskelatrophie (SMA) Behandlung mit Zolgensma (Genersatztherapie bei Kleinkindern mit schwerer Verlaufsform).
- Hämophilie B Therapie mit Hemgenix.
- Schwerer kombinierter Immundefekt (ADA-SCID) Behandlung mit Strimvelis.
- Metachromatische Leukodystrophie (MLD) Therapie mit Libmeldy.
- AADC-Mangel Behandlung mit Upstaza.
- Wiskott-Aldrich-Syndrom Gentherapeutischer Ansatz mit Waskyra.
- Dystrophe Epidermolysis bullosa Therapie mit Vyjuvek.
3. Bluterkrankungen
(Hämoglobinopathien)
Ein weiteres wichtiges Feld ist die Behandlung genetisch
bedingter Blutbildungsstörungen. Hier kommen zunehmend auch moderne Gene-Editing-Verfahren zum Einsatz,
insbesondere CRISPR/Cas9-basierte Ansätze.
- Beta-Thalassämie und Sichelzellerkrankung Behandlung mit Casgevy, der ersten in der EU zugelassenen CRISPR-basierten Therapie.
4. Erbliche
Augenerkrankungen
Auch in der Augenheilkunde hat die Gentherapie bereits
praktische Anwendungen gefunden, insbesondere bei seltenen genetischen
Netzhauterkrankungen.
- Lebersche kongenitale Amaurose / erbliche Netzhautdystrophien (RPE65-Mutation) Behandlung mit Luxturna zur Wiederherstellung der Sehfunktion bzw. Verlangsamung des Sehverlusts.
Die heute zugelassenen Gentherapien richten sich überwiegend
an Patienten mit schweren, chronischen oder lebensbedrohlichen Erkrankungen,
für die herkömmliche Therapien nur begrenzte Wirkung zeigen. Viele dieser
Behandlungen zeichnen sich durch ein gemeinsames Merkmal aus: Sie sind auf eine
langfristige oder potenziell dauerhafte Wirkung ausgelegt und werden häufig nur
einmalig verabreicht.
Die Entwicklung der Gentherapie ist jedoch auch von
Rückschlägen geprägt. Ein bekanntes Beispiel ist die erste in Europa
zugelassene Gentherapie Glybera, die trotz wissenschaftlicher Pionierleistung
später aufgrund geringer wirtschaftlicher Nachfrage wieder vom Markt genommen
wurde.
Risiken
und Herausforderungen der Gentherapie
Neben unmittelbaren medizinischen Nebenwirkungen, wie sie
auch bei anderen Therapien auftreten können, bergen Gentherapien eine Reihe von
technischen, biologischen, ökonomischen
und ethischen Risiken, die weit über klassische Arzneimittelrisiken
hinausgehen.
Hier ist eine Übersicht der spezifischen Risiken:
1. Biologische und technische Risiken auf Zellebene
- Insertionsmutagenese (Tumorbildung): Bei Verwendung integrierender Vektoren (z. B. Retroviren) besteht das Risiko, dass das neue Gen an einer ungünstigen Stelle im Genom eingebaut wird. Dies kann zelleigene Gene aktivieren, die Krebserkrankungen wie Leukämie auslösen können.
- Off-Target-Effekte: Bei Verfahren wie CRISPR/Cas9 kann die „molekulare Schere“ an Stellen schneiden, die der Zielsequenz ähnlich sind, aber nicht verändert werden sollten. Dies kann zu unbeabsichtigten Mutationen führen.
- Genomische Instabilität (Chromothripsis): Doppelstrangbrüche der DNA können in seltenen Fällen zu einem katastrophalen Zerfall von Chromosomen führen, die sich anschließend chaotisch neu zusammensetzen. Solche Reorganisationen wirken hochgradig onkogen (krebserzeugend).
- Bystander-Editing: Beim Base Editing können versehentlich auch benachbarte Basen innerhalb des „Editing-Fensters“ chemisch verändert werden, was die Präzision beeinträchtigt.
2. Sicherheitsrisiken durch Vektoren
- Vermehrungsfähige Vektoren: Es besteht das theoretische Risiko, dass die eigentlich entschärften Transportviren durch Rekombination ihre Fähigkeit zur Vermehrung zurückgewinnen.
- Vektor-Shedding (Umweltrisiko): Therapeutische Vektoren können über Körperflüssigkeiten oder Ausscheidungen des Patienten in die Umwelt gelangen. Dieses Risiko des Ausscheidens wird in Zulassungsverfahren intensiv geprüft, um eine Gefährdung Dritter auszuschließen.
- Immunologische Barrieren: Das Immunsystem kann den Vektor als Fremdkörper erkennen und bekämpfen. Dies kann nicht nur die Wirksamkeit neutralisieren, sondern auch schwere Organläsionen auslösen. Zudem kann eine einmalige Bildung von Antikörpern gegen einen Vektor eine notwendige Zweitanwendung unmöglich machen.
3. Ökonomische und versorgungsstrukturelle Risiken
- Mangelnde wirtschaftliche Rentabilität: Da Gentherapien oft für extrem kleine Patientenzahlen entwickelt werden, ist ihr Markterfolg unsicher. Ein prominentes Beispiel ist Glybera®, das trotz Zulassung aufgrund mangelnder Profitabilität vom Markt genommen wurde.
- Das „Einmal-Zahlungs-Dilemma“: Im Gegensatz zu chronischen Therapien werden die Kosten für Gentherapien (oft Millionenbeträge) sofort und in voller Höhe fällig. Dies stellt für die Budgets der Krankenkassen ein massives finanzielles Risiko dar, insbesondere wenn der langfristige Erfolg der Heilung zum Zeitpunkt der Zahlung noch nicht garantiert ist.
4. Ethische und gesellschaftliche Risiken
- Keimbahn-Übertragung: Es besteht das Risiko einer unbeabsichtigten Veränderung von Keimzellen (Sperma- oder Eizellen), wodurch genetische Modifikationen an zukünftige Generationen weitergegeben würden. Dies ist ethisch hochumstritten und in vielen Ländern gesetzlich verboten.
- Epigenetische Verantwortung: Bei der Epigenom-Editierung werden keine DNA-Sequenzen geschnitten, aber Modifikationen vorgenommen, die ebenfalls potenziell vererbt werden könnten („Imprinting“), was langfristige evolutionäre Folgen haben könnte.
- Genetisches Enhancement und soziale Spaltung: Die Verfügbarkeit präziser Geneditierungswerkzeuge weckt Sorgen vor einem „Optimierungsdruck“. Sollten Gentherapien zur Verbesserung menschlicher Merkmale (z. B. kognitive Fähigkeiten) eingesetzt werden, könnte dies die soziale Ungleichheit verschärfen, da nur privilegierte Schichten Zugang dazu hätten.