Trendbericht: Herstellungsverfahren für "Longevity"-Produkte                           

Ewiges Leben wird zum Milliardenmarkt

Längeres, gesünderes Leben ist unter dem Schlagwort „Longevity" zum globalen Trend geworden. Hinter den Kapseln und Pulvern steckt anspruchsvolle Verfahrenstechnik ein – und ein Wachstumsmarkt, der noch am Anfang seiner industriellen Reife steht.

Für Hersteller ebenso wie für den Maschinen- und Anlagenbau eröffnet sich mit Longevity-Produkten ein neuer Markt.

Altern beginnt in der Zelle. Und jede Zelle ist eine kleine Fabrik – mit eigenem Kraftwerk, Qualitätskontrolle und Recyclinganlage. Mit den Jahren lässt die Effizienz nach: Die Kraftwerke schwächeln, die Müllabfuhr stockt, ausgediente Zellen bleiben liegen und stören den Betrieb. Der Longevity-Trend setzt deshalb nicht bei Falten und grauen Haaren an, sondern bei der Instandhaltung der Zelle selbst.

Vom Nischenthema zum Milliardenmarkt

Noch vor wenigen Jahren war „Longevity" ein Begriff aus Forschungslaboren und kalifornischen Start-ups. Heute ist daraus ein Konsumgütersegment geworden, das zweistellig wächst. Allein der Markt für Longevity-Supplements – das sind Nahrungsergänzungsmittel, die auf gesundes Altern und Zellfunktion zielen – wird einer Marktstudie von The Business Research Company zufolge von 8,8 Mrd. US-Dollar in 2025 auf 14,3 Mrd. Dollar im Jahr 2030 steigen. Fasst man den Markt weiter und rechnet Anti-Aging-Medikamente, Diagnostik und Wellness hinzu, kursieren Prognosen, die für das kommende Jahrzehnt Volumina jenseits von 60 Mrd. Dollar erwarten.

Der wichtigste Treiber ist die Demografie: Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass die Zahl der über 60-Jährigen weltweit von rund einer Milliarde im Jahr 2020 auf etwa 1,4 Milliarden im Jahr 2030 steigen wird. Dazu kommt ein Mentalitätswandel. Verbraucher investieren zunehmend in Prävention statt in Behandlung, sie denken in gesunden Lebensjahren („Healthspan“) statt nur in Lebensdauer. Für die Prozessindustrie ist dabei weniger der medizinische Hype interessant als die Frage dahinter: Wie entstehen diese Produkte eigentlich?

Die Wirkstoffe – und was sie verfahrenstechnisch verbindet

Vier Wirkstoffklassen prägen den Markt. NMN (Nicotinamid-Mononukleotid) ist eine Vorstufe des Coenzyms NAD⁺, das eine zentrale Rolle im Zellstoffwechsel spielt. Spermidin, das in Weizenkeimen und Sojabohnen vorkommt, gilt als Antreiber der zelleigenen „Müllabfuhr". Urolithin A, das beim Abbau von Granatapfel- und Walnuss-Inhaltsstoffen im Darm entsteht, soll die Erneuerung der zellulären „Kraftwerke", der Mitochondrien, anstoßen. Hinzu kommt die schnell wachsende Gruppe der Senolytika, die gezielt alte, nicht mehr teilungsfähige Zellen aus dem Gewebe entfernen sollen, sowie weitere NAD⁺-Booster.

Für die Herstellung von Longevity-Produkten ist eine Menge Verfahrenstechnik nötig.

Was diese Stoffe aus Sicht der Verfahrenstechnik verbindet, ist nicht ihre Biochemie, sondern ihre Produktionslogik. Alle vier stehen für den Schritt weg von einer unzuverlässigen, mikrobiom‑ oder pflanzenabhängigen „natürlichen“ Bildung hin zu einer kontrollierten, reproduzierbaren industriellen Herstellung in definierter Qualität. Und alle vier durchlaufen am Ende dieselben verfahrenstechnischen Grundoperationen, die das Kerngeschäft der Verfahrenstechnik ausmachen: chemische oder biokatalytische Reaktion, Abtrennung und Aufreinigung, Trocknung zu einem lagerstabilen Feststoff sowie Formulierung und Abfüllung – meist als Pulver, Granulat oder Kapsel.

Ein anschauliches Beispiel ist Urolithin A: Der Stoff entsteht im menschlichen Körper nur dann, wenn die passende Darmflora vorhanden ist – bei einem Großteil der Bevölkerung ist das nicht der Fall. Wer Urolithin A dennoch zuverlässig in definierter Dosis und Reinheit anbieten will, muss es unabhängig vom Mikrobiom industriell herstellen. Der Schweizer Hersteller Amazentis beschreibt für sein Produkt Mitopure gegenüber der US‑Behörde FDA einen klar spezifizierten Herstellprozess mit hochreinem Urolithin A (Reinheit >97 %), definierten Grenzwerten für Nebenbestandteile und einem abschließenden Trocknungsschritt zum Pulver. Aus einem Stoffwechselzufall wird so ein standardisiertes Ingredienz in Pulverform – genau die Art von Aufgabe, für die Anlagenbauer Prozess‑ und Handlingslösungen liefern.

Drei Wege zum selben Molekül

Besonders deutlich wird die verfahrenstechnische Aufgabenstellung am Beispiel NMN. Hier ringen drei Herstellrouten parallel um die industrielle Vorherrschaft. Die klassische chemische Synthese arbeitet mit aggressiven Reagenzien und einer heiklen Temperatur- und Feuchtigkeitsführung – aufwendig und teuer. Die mikrobielle Fermentation nutzt gentechnisch optimierte Bakterien, kämpft aber noch mit niedrigen Ausbeuten und dem Problem, dass gängige Wirtsorganismen Endotoxine bilden, die aufwendig abgetrennt werden müssen.

Der derzeit vielversprechendste Weg ist die enzymatische Kaskaden-Biokatalyse: Mehrere maßgeschneiderte Enzyme wandeln in einem einzigen Reaktionsgefäß günstige Ausgangsstoffe in das Zielmolekül um. Die Vorteile liegen aus verfahrenstechnischer Sicht auf der Hand – milde Reaktionsbedingungen, hohe Reinheit, ein wässriges System ohne aufwendige Feuchtigkeitskontrolle.

Bei Spermidin wiederum konkurrieren Extraktion aus Weizenkeimen, Fermentation und chemische Synthese miteinander – ein Lehrbuchfall dafür, wie dieselbe Zielsubstanz über völlig unterschiedliche Prozessketten erreichbar ist. Welche Route sich durchsetzt, hängt nicht allein von der Chemie ab, sondern von Kosten, Skalierbarkeit und Zulassungsfähigkeit.

Der eigentliche Engpass: Aufreinigung und Formulierung

Für Maschinen- und Anlagenbauer liegt die Chance nicht nur in der Reaktion an sich, sondern auch in den Schritten danach. Die Aufreinigung – Filtration, Chromatografie, Trennung – macht bei fermentativen und biokatalytischen Verfahren einen erheblichen Teil der Herstellkosten aus, oft 15 bis 25 %, und gilt als zentraler Engpass beim Hochskalieren vom Labor- in den Produktionsmaßstab. Hier entstehen gerade interessante Entwicklungen: Kontinuierliche Chromatografie und membranbasierte Trennverfahren versprechen gegenüber klassischen Batch-Verfahren deutliche Kostenvorteile. Modulare, flexibel umrüstbare Anlagenkonzepte verkürzen die Zeit bis zur Marktreife.

Mindestens ebenso wichtig ist die Formulierung. Ein hochreiner Wirkstoff nützt wenig, wenn er im Verdauungstrakt zerfällt, bevor er wirken kann. Deshalb kommen etablierte Verfahrenstechniken zum Einsatz: Sprühtrocknung und Mikroverkapselung zur Stabilisierung, liposomale Verkapselung zur besseren Aufnahme, dazu schonende Verfahren wie Spray-Cooling für temperaturempfindliche Substanzen. Wandmaterialien, Partikelgrößenverteilung, Fließfähigkeit, Verpressbarkeit zur Tablette sind klassische Fragestellungen der mechanischen und thermischen Verfahrenstechnik, nur angewendet auf eine neue, margenstarke Produktklasse.

Longevity-Wirkstoffe sind hochwertige Feststoffe, die unter GxP-Bedingungen gehandhabt, dosiert, gemischt, granuliert, getrocknet und abgefüllt werden müssen – häufig in kleinen Chargen, mit hohen Reinheitsanforderungen und teils unter Containment, weil die Stoffe wertvoll und teilweise hochaktiv sind.

Regulatorik setzt Grenzen

Bei aller Aufbruchstimmung lohnt der nüchterne Blick. Der regulatorische Rahmen in Europa ist anspruchsvoll: NMN etwa gilt in der EU als „Novel Food" und ist ohne entsprechende Zulassung nicht ohne Weiteres verkehrsfähig, während spermidinreicher Weizenkeim-Extrakt bereits zugelassen ist. Für Hersteller bedeutet das, dass die Wahl des Verfahrens und die Zulassungsfähigkeit eng zusammenhängen. Gesundheitsbezogene Werbeaussagen sind streng reguliert. Und die Marktprognosen, so verlockend sie klingen, stammen überwiegend aus kommerziellen Studien mit unterschiedlichen Methoden – sie zeigen einen Trend, keine Gewissheit.

Es ist diese Mischung aus echtem Wachstum und offener Industrialisierung, die das Thema für die Branche attraktiv macht. Longevity ist kein fertiger Markt, in dem die Prozesse längst optimiert sind, sondern ein Feld, in dem Wirkstoffhersteller und Anlagenbauer ihre Lösungen erst noch entwickeln. Die gemeinsame Aufgabe: Aus vielversprechender Biochemie reproduzierbare, sichere und bezahlbare Produkte zu machen. Das ist, im besten Sinne, eine verfahrenstechnische Herausforderung.

Lösungen auf der Powtech Technopharm in Nürnberg

Der "Longevity"-Trend erzeugt eine relativ neue Produktklasse, die in der Herstellung aber viele der klassischen verfahrenstechnische Grundoperationen wie Sprühtrocknung oder Mikroverkapselung durchläuft. Die Techniken, die hier zum Einsatz kommen, sind im Kern der Fachmesse Powtech Technopharm zu Hause. Viele der Lösungen werden deshalb vom 29. September bis 1. Oktober 2026 in Nürnberg an den verschiedenen Ständen zu sehen sein.

Alle Infos zur Messe: www.powtech-technopharm.com