„Gift für die Industriekonjunktur“
US-Schutzzölle als Gefahr für die deutsche Pharmaindustrie
Die US-Handelspolitik ist durch eine deutliche Verschärfung und eine Strategie des „Onshoring“ geprägt, um die Pharmaproduktion zurück in die USA zu zwingen. Donald Trump hat eine Ausweitung der Zölle auf importierte Generika in Aussicht gestellt.
(Bild: FocusFusion -AdobeStock)
Während Generika bisher von Sonderzöllen befreit waren, ist nun ab August 2028 ein Zollsatz von 100 % geplant. Dieser soll nach einem Jahr auf 200 % steigen. Diese Zölle sollen als Strafe für Unternehmen dienen, die innerhalb der gesetzten Frist keine Produktionsstätten in den USA errichten. Das Weiße Haus spricht von einer zweijährigen Übergangsfrist, um die Produktion umzusiedeln.
Zum 31. Juli 2026 treten die ersten Maßnahmen unter Section 232 des Trade Expansion Act für Arzneimittel in Kraft. Diese betreffen patentgeschützte Arzneimittel und pharmazeutische Wirkstoffe (API). Bereits im April 2026 wurde ein Zollsatz von 100 % auf patentierte pharmazeutische Produkte und Inhaltsstoffe eingeführt, wobei es nach dem „Most Favored Nation“-Prinzip (MFN) Ausnahmen für Länder mit eigenen US-Handelsabkommen oder für Unternehmen gibt, die große Investitionszusagen in den USA gemacht haben.
Deutschland steht besonders im Fokus der US-Handelspolitik, da es 35 % der in Europa hergestellten, von der FDA zugelassenen Innovator- und Biosimilar-Präparate produziert. Seit dem 18. Juni 2026 untersucht der US-Handelsbeauftragte (USTR), ob Deutschland durch seine Preisgestaltung für innovative Medikamente den US-Handel beeinträchtigt und zu wenig für Forschung und Entwicklung bezahlt. Das Ergebnis dieser Untersuchung könnte zu weiteren tarifären und nicht-tarifären Maßnahmen gegen Deutschland führen. Diese US-Untersuchungen gegen deutsche Arzneimittelpreise bezeichnet der Branchenverband Pharma Deutschland als politisch motiviert. Es wird befürchtet, dass diese internationalen Spannungen langfristig die Verfügbarkeit innovativer Arzneimittel auch hierzulande einschränken könnten.
Planungsunsicherheit für Investitionen in Deutschland
Pharma Deutschland äußert generell massive Kritik an der aktuellen US-Handelspolitik als „handelspolitischen Zumutungen“ und warnt vor weitreichenden negativen Folgen für die globale Gesundheitsversorgung. Der Verband kritisiert ein „Wirrwarr“ aus verschiedenen Zollregelungen, Sonderzöllen und Ausnahmeregelungen. Das komplexe Nebeneinander dieser Regime sowie ständig neue Ankündigungen des US-Präsidenten schaffen eine handelspolitische Instabilität, die geordnete Verfahren in Europa erschwert.
Die damit einhergehende Planungsunsicherheit führe direkt zu einer Gefährdung der Arzneimittelversorgung: Wenn Unternehmen gezwungen sind, ihre Produktions- und Lieferketten aufgrund von Zöllen umzustrukturieren, kann dies die Verfügbarkeit von Wirkstoffen und Fertigarzneimitteln weltweit beeinträchtigen. Dies führt letztlich zu Engpässen und steigenden Kosten für Patienten in den USA, aber auch in Deutschland und Europa. Aufgrund der unklaren Bedingungen können Pharmaunternehmen zudem keine verlässlichen langfristigen Investitions- und Lieferentscheidungen treffen. Politisch aufgeladene Debatten und Spannungen bremsen den Ausbau gemeinsamer Produktionskapazitäten, die jedoch notwendig wären, um Engpässe bei komplexen oder neuartigen Therapien zu vermeiden. Der Verband sieht das Risiko, dass neben nationalen Sparmaßnahmen nun auch internationale Handelskonflikte dazu beitragen, dass die medizinische Innovation und deren Verfügbarkeit leiden.
US-Handelspolitik gefährdet dominante Rolle Europas
Über Deutschland hinaus bringen die US-Handelspolitik und die geplanten Gesetzesvorhaben erhebliche Bedrohungen für die europäische Pharmaindustrie. Die US-Bemühungen, die pharmazeutische Produktion im Ausland, insbesondere in Europa, genauer zu prüfen, könnten die dominante Rolle Europas bei der Lieferung von FDA-zugelassenen innovativen Medikamenten und Biosimilars gefährden, lautet das Urteil des Marktforschungs- und Analyse-Unternehmens Global Data. Da in Europa etwa ein Drittel mehr dieser Medikamente produziert wird als in den USA, droht eine massive Verschiebung der globalen Biopharma-Lieferketten. Deutschland trägt innerhalb Europas das größte Risiko, da es 35 % der FDA-zugelassenen Innovator- und Biosimilar-Produktion der Region hält. Insbesondere bei Biologika ist die Abhängigkeit groß, da Deutschland 40 % der entsprechenden europäischen Kapazitäten stellt. Für Auftragshersteller, die Verträge für zahlreiche FDA-zugelassene Medikamente halten, könnte die onshoring-Politik der USA verhängnisvoll sein.
Ein erklärtes Ziel der US-Politik ist es, Biopharma-Unternehmen und CDMOs dazu zu bewegen, bevorzugt in US-basierte Anlagen zu investieren, anstatt Kapazitäten in Europa auszubauen. Auch Global Data prognostiziert daher neue Schwierigkeiten bei Investitionsentscheidungen und beim Marktzugang für europäische Unternehmen. Die US-Maßnahmen dienen als Wegbereiter für künftige tarifäre und nicht-tarifäre Handelsbarrieren gegen europäische Länder. Zusammenfassend warnen die Analysten davor, dass diese Entwicklungen die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Standorts schwächen könnten, merkt jedoch auch an, dass die begrenzten Kapazitäten und der Mangel an Fachpersonal in den USA die vollständige Umsetzung dieser US-Pläne behindern könnten.
Zollgefahr schon seit Anfang 2025
Die Sorge der Pharmaindustrie vor den Auswirkungen von Strafzöllen ist nicht neu. Bereits Anfang 2025 warnte der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) vor wegbrechenden Exporten: Deutschland exportierte 2023 Waren im Wert von 158 Mrd. Euro in die USA, während die Importe bei 95 Mrd. Euro lagen. Besonders stark betroffen wäre die Pharmaindustrie, die ein Viertel ihrer Exporte in die USA liefert – ein Anteil, der höher ist als in jedem anderen Industriezweig. Pharmazeutische Produkte im Wert von 26 Mrd. Euro wurden 2023 in die USA exportiert, während Deutschland gleichzeitig Arzneimittel für 12,5 Mrd. Euro importierte. Die USA sind dabei nicht nur Absatzmarkt, sondern auch ein zentraler Lieferant von Vorprodukten: Rund 12 % der für die Medikamentenproduktion in Deutschland benötigten Vorleistungen stammen aus den USA.
Die Pharmaindustrie ist ein Exportmotor der deutschen Wirtschaft. […] Ein Handelskonflikt zwischen der EU und den USA hätte erhebliche Auswirkungen auf die Branche – mit gravierenden Konsequenzen für die Versorgung im Gesundheitswesen und die Beschäftigung in den Unternehmen“, warnt Dr. Claus Michelsen, Chefvolkswirt des VFA. Der Verband bezeichnete mögliche Schutzzölle durch die USA als „Gift für die Industriekonjunktur“. Der US-Pharmamarkt bleibt besonders attraktiv, da dort verschreibungspflichtige Medikamente im Schnitt immer noch dreimal so teuer sind wie in anderen Industrieländern, trotz erfolgter Maßnahmen zur Senkung von Arzneimittelkosten. Sollten die angedrohten Zölle von bis zu 20 % tatsächlich kommen, könnte dies die deutschen Pharmaexporte in die USA um 35 % reduzieren – weit stärker als der erwartete Rückgang von 15 % bei den Gesamtexporten. Das würde nicht nur die großen Konzerne treffen, sondern vor allem kleinere Unternehmen ohne internationale Standorte. Handelsökonom Andreas Baur vom Ifo-Institut fasst das Problem zusammen: „Ganz wird Deutschland den Einbruch im Handel mit den USA nicht durch höhere Exporte in andere Länder ausgleichen können.“