Preiszugeständnisse für Milliardenpläne
MFN-Deals zwischen Pharmakonzernen und US-Regierung
Mit ihrer „Most favored Nation“-Politik (MFN) will die US-Regierung Pharmapreise an das Preisniveau anderer wohlhabender Länder annähern. Als Hebel wirken auch hier Importzölle, von denen kooperierende Hersteller ausgenommen werden können.
KI-generiert mit OpenAi Dall-E / ChatGPT
Seit der zweiten Jahreshälfte 2025 verbindet die
US-Regierung ihre Arzneimittelpreispolitik explizit mit Handels- und
Industriepolitik. So entsteht ein Mechanismus, der Preiszugeständnisse vor
allem in politisch sensiblen Segmenten – dem öffentlichen Versorgungssystem
Medicaid und bei Selbstzahlern – gegen Zoll- und Regulierungsentlastung
tauscht. Gleichzeitig beschleunigt dieser Ansatz Investitionen in Fertigung und
Forschung & Entwicklung auf US-amerikanischem Boden.
Ausgangspunkt ist eine Executive Order von Präsident Donald
Trump vom 12. Mai 2025 („Delivering Most-Favored-Nation Prescription Drug
Pricing to American Patients“). Darin formuliert die Regierung, amerikanische
Bürger müssten Zugang zu einem „most-favored-nation price“ erhalten; bei
ausbleibender Kooperation der Unternehmen könne „additional aggressive action“
folgen. Die Executive Order enthält zudem den Auftrag, Direct-to-Consumer-
beziehungsweise Direct-to-Patient-Programme zu erleichtern, sofern Hersteller
ihre Produkte zum MFN-Preis anbieten.
"Most favored nation" nach Trumps Vorstellung
Wichtig ist dabei die Begriffsklärung: „Most Favored Nation“
bezeichnet im Welthandel das Nichtdiskriminierungsprinzip, wonach
WTO-Mitglieder ihre Handelspartner grundsätzlich gleich behandeln müssen. In
der US-Pharmapreispolitik wird MFN hingegen als Preisbenchmark genutzt:
US-Preise sollen sich an den meist niedrigeren Preisen in vergleichbaren
Industrieländern orientieren. Aus dieser Logik ergibt sich das Deal-Design:
Unternehmen signalisieren Preisangleichung und erhalten dafür planbare
Entlastung von handelspolitischen Maßnahmen sowie
je nach Vereinbarung Schutz vor weiteren Preisvorgaben. Jüngste Entwicklung sind Importzölle von 100 % auf pharmazeutische Produkte und deren Inhaltsstoffe. MFN-Übereinkünfte können Unternehmen vor diesen Zöllen schützen oder zumindest den Zollsatz senken.
Operativ soll diese Strategie über die Plattform TrumpRx.gov
verbrauchernah umgesetzt werden. Die Website ist kein staatlicher Online-Shop,
sondern ein Routing-Portal: Es verkauft keine Medikamente, sondern leitet
Patienten zu Angeboten weiter, die als „beste Preise“ beworben werden. In den
aktuellen Vereinbarungen dient TrumpRx damit als standardisierter Kanal für
Direct-to-Patient-Angebote, während Medicaid-Preise MFN-nah justiert werden.
Wie stark diese Politik inzwischen in die Größenordnung
„Mega-Investitionen“ skaliert, zeigt Abbvie. Der Branchendienst Fierce Pharma
berichtete im Januar 2026 über einen MFN-Deal, der Preissenkungen für bestimmte
Arzneien in Medicaid mit einer Investitionszusage von 100 Mrd. US-Dollar in den
USA über zehn Jahre kombiniert – ohne detaillierten Projektkatalog. Unklar
blieb, ob darin frühere, im April 2025 angekündigte Investitionen von 10 Mrd.
US-Dollar enthalten sind. Parallel will Abbvie seine Direct-to-Patient-Angebote
über TrumpRx ausweiten; genannt werden unter anderem Alphagan, Combigan, Humira
und Synthroid. Bis auf den Blockbuster Humira sind diese Medikamente nicht die
großen Umsatztreiber des Konzerns, und auch Humira steht seit dem Verlust der
Exklusivität 2023 unter zunehmendem Wettbewerbsdruck durch Biosimilars. Als
Gegenleistung verweist Abbvie auf Ausnahmen von pharmazeutischen Importzöllen
und künftigen Preisvorgaben.
Johnson & Johnson illustriert denselben Mechanismus
ebenfalls. Im Januar 2026 teilte der Konzern ein MFN-Abkommen mit, das J&J
von Zöllen auf importierte Produkte entlasten soll. Im Gegenzug will das
Unternehmen ausgewählte Medikamente über TrumpRx zu Preisen anbieten, die
„vergleichbar“ mit anderen entwickelten Ländern seien; derselbe Standard soll
für Medicaid gelten. Zu konkreten Produktlisten und Rabatthöhen machte J&J
dabei keine Angaben. Parallel kündigte der Konzern den Bau einer
Zelltherapie-Produktion in Pennsylvania sowie einer Drug-Product-Fertigung in
North Carolina an. Die Projekte werden unter einem bereits bekannten
Investitionsrahmen von 55 Mrd. US-Dollar bis Anfang 2029 gebündelt.
Zoll-Ausnahmen für erklärte Onshoring-Pläne
Hart wird es unter Umständen für Pharma-Unternehmen, die keine MFN-Deals mit der US-Regierung ausgehandelt haben. Diese müssen auf Anweisung des US-Handelsministeriums vom Mai 2026 umfangreiche Anforderungen erfüllen, um eine Reduzierung der Zölle für importierte pharmazeutische Produkte von 100 % auf 20 % zu erreichen. So müssen sie detaillierte Informationen über ihre Investitionen, Produktionspläne und Compliance-Verpflichtungen vorlegen. Ziel ist der Nachweis, dass die Produktion in die USA verlagert wird. In ihrem Antrag müssen die Arzneimittelhersteller genau aufschlüsseln, welche Produkte sie wo herstellen und ob sie Auftragshersteller nutzen. Zudem muss angegeben werden, welcher Anteil des Portfolios – aufgeschlüsselt nach Produkten, Volumen und Wert – onshore in den USA produziert wird. Die Unternehmen müssen außerdem offenlegen, welcher Prozentsatz ihrer patentierten Medikamente mit in den USA hergestellten Wirkstoffen produziert wird und wie hoch dieser Anteil voraussichtlich bis Januar 2029 sein wird. Die Behörden fordern, so viel der globalen Produktion wie möglich bis zum Ende der Amtszeit von Präsident Trump (20. Januar 2029) in die USA zu verlagern. Die Unternehmen müssen regelmäßig Berichte über den Fortschritt bei der Erreichung ihrer Onshoring-Meilensteine einreichen. Die Pläne werden vom Handelsminister überwacht und durchgesetzt. Unternehmen, die die Regierung vorsätzlich täuschen oder Betrug begehen, müssen mit der Wiedereinführung des vollen Zollsatzes von 100 % rechnen.
Die Antragsfrist endet am 12. Juni. Die 100 %-Zölle treten für große Unternehmen am 31. Juli dieses Jahres und für kleinere Unternehmen am 29. September in Kraft. Das Beratungsunternehmen EY empfiehlt betroffenen Firmen daher, umgehend detaillierte Onshoring-Strategien inklusive Investitions- und Produktionszeitplänen zu entwickeln und die erforderlichen Daten über ihre gesamten Lieferketten hinweg zusammenzustellen.
Auch internationale Signalwirkung
Auch außerhalb der USA ist die Signalwirkung sichtbar.
Novartis konkretisierte am ebenfalls im Januar 2026 seine im April 2025
angekündigten US-Investitionspläne von 23 Mrd. US-Dollar: Geplant ist ein neues
Werk für Radioligand-Therapien (RLT) in Winter Park, Florida, das bis 2029 in
Betrieb gehen soll und die Versorgung im Südosten verbessern soll. Novartis
hatte zugesagt, bis 2030 insgesamt zehn US-Standorte zu bauen oder auszubauen,
darunter vier neue Produktionswerke sowie zusätzliche RLT-Kapazitäten in
Florida und Texas. Das Unternehmen verknüpft diese Standortentscheidungen
ausdrücklich mit dem industriepolitischen Druck, der aus Zoll- und
Preisdrohkulissen entsteht.
Damit wird Pharmapreispolitik in den USA zunehmend mehr als
eine Kostendebatte: MFN fungiert als internationale Preisreferenz, TrumpRx als
skalierbarer Direct-to-Patient-Mechanismus, und die Zollpolitik liefert den
Hebel, aus Preiszusagen investitionsgetriebene Standortentscheidungen zu
machen. Gleichzeitig bleibt die Nettowirkung im Versorgungssystem heterogen:
Medicaid macht laut Reuters nur rund 10 % der US-Arzneimittelausgaben aus und
profitiert ohnehin bereits von erheblichen Rabatten; bei privat Versicherten
hängt die Entlastung stark davon ab, ob und wie Direct-to-Patient-Preise in
bestehende Benefit-Strukturen durchschlagen. Genau diese Mischung aus
sichtbaren Preiszugeständnissen in Teilsegmenten, befristeter
handelspolitischer Entlastung und öffentlichkeitswirksamen
Milliardeninvestitionsplänen erklärt, warum der US-Ansatz derzeit einen neuen
Investitionszyklus in F&E und Fertigung befördert.