Gegen den Trend: Ausbau des Pharmastandorts Penzberg
Wo sich Investitionen noch lohnen
Wie eine Untersuchung des Ifo-Instituts zeigt, erlebt die Investitionsbereitschaft der deutschen Industrie derzeit eine strukturelle Schwäche. Eine Ausnahme bilden zukunftsträchtige Therapiebereiche in der Pharmaindustrie, wie das Beispiel des Roche-Standorts Penzberg zeigt.
Jona GöbelbeckerJonaGöbelbeckerChefredakteur CHEMIE TECHNIK und Pharma+Food
Bauaktivitäten am neuen Diagnostik-Produktionszentrum in Penzberg.Roche
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Seit Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020 hat Roche nach eigenen Angaben insgesamt 1,9 Mrd. Euro in den bayerischen Standort investiert. Die Summe verteilt sich auf neue Forschungs- und Produktionsgebäude, den Aufbau zusätzlicher Technologien sowie die Modernisierung der Energie- und Standortinfrastruktur. Mit rund 7.700 Beschäftigten zählt Penzberg zu den großen Biotechnologiestandorten des Konzerns. Pharma und Diagnostik decken hier gemeinsam einen erheblichen Teil der Wertschöpfungskette ab – von der Forschung über die Entwicklung bis zur Produktion.
Mehr als 600 Millionen Euro für die Diagnostikproduktion
Das größte laufende Projekt ist ein neues Produktionszentrum für diagnostische Einsatzstoffe. Roche investiert mehr als 600 Mio. Euro in den Neubau auf der nördlichen Erweiterungsfläche des Werkes. Nach der Fertigstellung und Qualifizierung soll die Produktion im Jahr 2028 beginnen.
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Auf einer Fläche von rund 23.000 m² entsteht eine digitalisierte und weitgehend automatisierte Mehrzweckproduktion. Rund 200 Beschäftigte sollen dort mehr als 450 unterschiedliche Einsatzstoffe herstellen. Dazu gehören unter anderem Antikörper, Enzyme und Nukleotide, die für diagnostische Tests in der Infektiologie, Neurologie, Kardiologie, Onkologie und Diabetesdiagnostik benötigt werden.
Die Investition ist auch deshalb relevant, weil Penzberg eine zentrale Rolle im weltweiten Produktionsnetzwerk von Roche spielt. Rund 80 % der diagnostischen Einsatzstoffe, die für Tests auf Roche-Analysesystemen benötigt werden, stammen nach Unternehmensangaben von diesem Standort. Insgesamt umfasst das Penzberger Portfolio etwa 1.900 unterschiedliche Einsatzstoffe.
Mit dem Neubau erweitert Roche nicht nur die Kapazitäten. Das Unternehmen will gleichzeitig Teile einer historisch gewachsenen Produktionsstruktur ersetzen. Bislang arbeiten rund 2.000 Beschäftigte der Diagnostikproduktion verteilt auf etwa 30 Gebäuden mit mehr als 200 Produktionsanlagen. Einige davon sind bis zu 50 Jahre alt. Flexible Anlagen im neuen Zentrum sollen es ermöglichen, unterschiedliche Stoffe auf derselben technischen Infrastruktur herzustellen und schneller auf neue Produktgenerationen oder einen veränderten Bedarf zu reagieren.
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Containment-Praxis live bei Roche erleben
Wie lassen sich hochaktive Stoffe sicher handhaben und Mitarbeitende, Produkte und Umwelt wirksam schützen? Einen Einblick in die betriebliche Praxis bietet das Expertenforum Containment 2027 mit einer Werksführung bei Roche in Penzberg. Die Teilnehmenden lernen dabei einen Standort kennen, an dem Forschung, Entwicklung und Produktion für Pharma und Diagnostik eng miteinander verbunden sind – unter modernsten Containment-Bedingungen.
Das Expertenforum findet am 16. und 17. Februar 2027 in Garmisch-Partenkirchen statt. Thematische Schwerpunkte sind die sichere Handhabung hochaktiver und biotechnologischer Wirkstoffe, Produkt-, Prozess- und Bediensicherheit, Reinigungskonzepte im GMP-Umfeld, die Ermittlung von Grenzwerten sowie die Vermeidung von Kreuzkontaminationen.
Ein weiteres umfangreiches Projekt ist das im Februar 2026 eröffnete Diagnostik-Innovationszentrum. Rund 300 Mio. Euro flossen in den Neubau, der während der Planungs- und Bauphase unter dem Projektnamen LEAP – Laboratory Excellence Accelerator Penzberg – geführt wurde.
In dem Labor- und Bürokomplex arbeiten rund 1.000 Beschäftigte an diagnostischen Tests und den dafür benötigten Einsatzstoffen. Zu den Forschungsgebieten gehören neurologische Erkrankungen wie Alzheimer und Multiple Sklerose, Herz-Kreislauf- und Infektionskrankheiten sowie Testverfahren für die personalisierte Medizin.
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Im Gebäude verbindet Roche flexible Laborflächen mit automatisierter Probenlogistik, Pipettierrobotern und einer digitalen Verwaltung der Laborgeräte. Ein zentrales Element ist der sogenannte Cube, ein vollautomatisiertes Lager für rund 2,5 Millionen biologische Proben bei -80 °C. Die Proben können automatisiert bereitgestellt werden und stehen dadurch in gleichbleibender Qualität für die Entwicklung und Überprüfung diagnostischer Tests zur Verfügung.
Nach Angaben von Roche lassen sich einzelne Entwicklungsschritte durch die Digitalisierung, Automatisierung und Parallelisierung der Abläufe um rund 30 % verkürzen. Gleichzeitig soll der Energiebedarf gegenüber früheren Laborgenerationen um etwa 70 % sinken.
Gentherapie als zusätzliches Technologiefeld
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Neben der Diagnostik erweitert Roche in Penzberg auch die pharmazeutische Entwicklung. Bereits im März 2024 eröffnete das Unternehmen ein Entwicklungszentrum für Gentherapie, in das rund 90 Mio. Euro investiert wurden. Auf etwa 2.500 m² entwickeln und produzieren rund 100 Beschäftigte hier sogenannte Genvektoren.
Diese Vektoren dienen als Transportmittel, um therapeutische Erbinformationen in bestimmte Zellen einzuschleusen. In Penzberg werden insbesondere rekombinante Adeno-assoziierte virale Vektoren entwickelt und im Industriemaßstab für klinische Studien hergestellt. Der Standort übernimmt damit eine Schnittstellenfunktion zwischen früher Entwicklung, Prozessentwicklung und klinischer Produktion.
Für Penzberg bedeutet das Projekt den Aufbau eines zusätzlichen Kompetenzfeldes. Der Standort war zuvor vor allem durch die Entwicklung und Herstellung therapeutischer Proteine sowie diagnostischer Einsatzstoffe geprägt. Mit den Genvektoren kommt eine Technologie hinzu, die bei neuen Therapien gegen schwere neurologische, ophthalmologische, hämatologische und onkologische Erkrankungen eingesetzt werden kann.
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Der Ausbau der Forschungs- und Produktionskapazitäten erfordert zusätzliche Energie- und Versorgungsinfrastruktur. Rund 22 Mio. Euro investierte Roche deshalb auch in ein Biomasse-Heizwerk, das im Dezember 2025 eingeweiht wurde.Roche
Neue Reagenzien für die DNA-Sequenzierung
Rund 40 Mio. Euro investiert Roche derzeit außerdem in ein modulares Laborgebäude für die Next-Generation-Sequenzierung. Dort sollen Einsatzstoffe für die unternehmenseigene Technologie „Sequencing by Expansion“, kurz SBX, entwickelt und produziert werden.
Die Technologie überträgt die Informationen der DNA zunächst auf vergrößerte Molekülstrukturen, die anschließend schneller optisch ausgelesen werden können. Ziel ist eine flexible Hochdurchsatzsequenzierung, die beispielsweise bei der Erforschung von Krebs, Immunerkrankungen und neurodegenerativen Erkrankungen eingesetzt werden kann.
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In dem neuen Gebäude sind vier getrennte Produktionslabore vorgesehen. Sie sollen etwa 20 Einsatzstoffe herstellen, darunter zwölf Hauptprodukte für die Verarbeitung der vier DNA-Basen. Die Trennung der Produktionsbereiche soll Kreuzkontaminationen verhindern und eine reproduzierbare Qualität der Sequenzierergebnisse gewährleisten. Roche hatte die Fertigstellung und Inbetriebnahme noch für 2026 angekündigt.
Containment-Praxis live bei Roche erleben
Wie lassen sich hochaktive Stoffe sicher handhaben und Mitarbeitende, Produkte und Umwelt wirksam schützen? Einen Einblick in die betriebliche Praxis bietet das Expertenforum Containment 2027 mit einer Werksführung bei Roche in Penzberg. Die Teilnehmenden lernen dabei einen Standort kennen, an dem Forschung, Entwicklung und Produktion für Pharma und Diagnostik eng miteinander verbunden sind – unter modernsten Containment-Bedingungen.
Das Expertenforum findet am 16. und 17. Februar 2027 in Garmisch-Partenkirchen statt. Thematische Schwerpunkte sind die sichere Handhabung hochaktiver und biotechnologischer Wirkstoffe, Produkt-, Prozess- und Bediensicherheit, Reinigungskonzepte im GMP-Umfeld, die Ermittlung von Grenzwerten sowie die Vermeidung von Kreuzkontaminationen.