Drei Fragen an… Marko Flatten, Senior Manager R&D, Ecoclean
Wie Sensorik und KI Reinigungsprozesse transformieren
Lange war die Bauteilreinigung eine Black Box: Abweichungen zeigten sich oft erst im Ausschuss. Sensorik und KI machen den Reinigungsprozess heute messbar, nachvollziehbar und lernfähig. Marko Flatten von Ecoclean erklärt, wie das funktioniert.
Ansgar KretschmerAnsgarKretschmerRedakteur der Fachmagazine CHEMIE TECHNIK und Pharma+Food
"Reinigungsprozesse sind multiphysikalische, chemisch dynamische Systeme. Sauberkeit hängt nie an einer einzelnen Stellschraube."KI-generiert mit Ideogram
Anzeige
Marko Flatten verantwortet als Senior Manager die Forschung und Entwicklung
bei Ecoclean, einem Spezialunternehmen für industrielle Bauteilreinigung und
Oberflächenbehandlung. Die Grenzen klassischer Prozesssteuerung und die
KI-gestützte Anlagenoptimierung erklärt er im Detail in einem Fachvortrag auf
der 9.
Fachkonferenz "Filmische Verunreinigung & saubere
Fertigungsprozesse" (6./7. Oktober 2026 in Bad Gögging), und zur
Einstimmung auf die Veranstaltung im Kurzinterview.
Pharma+Food: Was sind die Grenzen klassischer Reinigungsprozess-Steuerung?
Anzeige
Marko Flatten: Klassische Prozesssteuerung folgt einem bewährten Prinzip:
Ein Rezept aus Temperatur, Zeit, Ultraschallleistung, Reinigerkonzentration und
Spülzyklen wird einmal validiert und danach weitgehend statisch abgefahren.
Solange die Randbedingungen stabil bleiben, funktioniert das. In der Praxis ist
ein Reinigungsprozess aber fast nie konstant: Verschmutzung, Bauteilgeometrie,
Beladung und Badalterung verändern sich fortlaufend – bei zugleich steigenden
Sauberkeitsanforderungen und wachsendem Fachkräftemangel.
Das Kernproblem: Die klassische Steuerung sieht den Prozess nur indirekt.
Sie kennt Soll- und Grenzwerte, aber nicht die tatsächliche Reinigungswirkung
am Bauteil. Bei der Ultraschallreinigung etwa lassen sich Leistung, Frequenz
und Temperatur einstellen – wie viel Energie wirklich am Bauteil ankommt,
verrät das kaum. So bleibt der Prozess eine Black Box: Abweichungen fallen erst
auf, wenn die Qualität schwankt oder Ausschuss entsteht. Er lässt sich stabil
abarbeiten, aber nur begrenzt verstehen und nachregeln – für moderne
Präzisionsfertigung reicht das immer seltener.
P+F: Welche Herausforderungen entstehen insbesondere für die
Steuerung von Reinigungsprozessen?
Anzeige
Flatten: Reinigungsprozesse sind multiphysikalische, chemisch dynamische
Systeme. Sauberkeit hängt nie an einer einzelnen Stellschraube, sondern am
Zusammenspiel von Chemie, Mechanik, Temperatur, Strömung, Ultraschall und
Trocknung – und all diese Größen verschieben sich im Betrieb. Wer den Prozess
beherrschen will, muss diesen Zustand messbar machen: von Reinigerkonzentration
und Badkontamination über pH, Leitfähigkeit und Oberflächenspannung bis zur
Partikelmessung im Spülbad. Genau hier liegt seit Jahren ein Schwerpunkt
unserer Entwicklung bei Ecoclean.
Hinzu kommt die Validierbarkeit. In Medizintechnik, Optik, High-Purity
oder Pharma genügt es nicht, dass ein Prozess funktioniert – er muss
reproduzierbar und dokumentierbar sein. Deshalb haben wir Messsysteme
entwickelt, die genau das leisten: APM-Go! und APM-Live! erfassen die
akustische Signatur des Ultraschalls vollständig berührungslos, machen
Leistungsabfälle sichtbar und schaffen die Basis für Dokumentation und
vorbeugende Wartung. Und weil sich Verfahren stark unterscheiden, ist unser
LOC-System bewusst flexibel ausgelegt – Messprinzipien von Titration über
Fluoreszenz bis TOC lassen sich kombinieren. So passt sich die Messtechnik dem
Prozess an, nicht umgekehrt.
P+F: Welche Lösungen ermöglicht die KI-gestützte
Prozesssteuerung?
Anzeige
Flatten: KI-gestützte Steuerung macht aus einer regelbasierten Maschine
ein lernendes System – und eine KI ist nur so gut wie ihre Datenbasis. Genau
deshalb zahlt sich unser Vorsprung in der Messtechnik aus: LOC liefert die
Kennwerte zum Badzustand, APM macht die reale Ultraschallwirkung messbar, Smart
Drying nutzt die Feuchtedaten aus der Prozesskammer. Entscheidend ist die
Verbindung von Messen, Verstehen und Handeln. Smart Drying etwa kombiniert
Feuchtesensor, Regelmodell und KI-Modell und optimiert Temperatur und Zeit
anhand angelernter Daten, statt pauschale Sicherheitszeiten zu fahren. LOC
stößt aus seinen Messwerten direkt Folgeprozesse an, APM-Live! kontrolliert den
Ultraschall kontinuierlich und dokumentiert jeden Wert.
Aus dem starren
Rezept wird so ein adaptives Prozessfenster: Die Anlage erkennt Abweichungen
früher, bewertet Trends und regelt gezielter nach. Unsere Vision für die
Ecoclean Automation Platform geht noch weiter – von KI-gestützter
Rezeptauswertung bis zum Übergang von Predictive zu Prescriptive Maintenance.
Der Wandel lässt sich in einem Satz fassen: Reinigungsanlagen werden nicht nur
sauberer und sicherer, sondern transparent, lernfähig und
entscheidungsunterstützend. Das ist der Schritt von „Sauber. Sicher.“ zu
„Sauber. Sicher. Smart.“
Am 6. und 7. Oktober 2026 kommen in Bad Gögging führende Expert:innen und Fachleute aus Forschung, Produktion und Qualitätssicherung zusammen, um die neuesten Entwicklungen und Technologien rund um das Thema filmische Verunreinigung zu diskutieren. Der 9. Fachkongress bietet umfassende Einblicke in hochmoderne Analyseverfahren, Reinraumtechnologien und nachhaltige Reinigungsprozesse und zeigt praxisnahe Lösungen, die sich direkt in den Arbeitsalltag integrieren lassen.
Mit einem Programm aus inspirierenden Vorträgen und interaktiven Workshops bietet die Fachkonferenz zahlreiche Gelegenheiten, wertvolle Kontakte zu knüpfen und Best Practices auszutauschen. Die Teilnehmenden profitieren von renommierten Referent:innen und entdecken innovative Ansätze, mit denen Unternehmen ihre Prozesse optimieren und die Produktsicherheit auf ein neues Niveau heben können. Branchenvertreter aus der Automobil- und Elektronikindustrie sowie aus der Forschung erhalten gleichermaßen wertvolle Impulse und können ihr Netzwerk gezielt erweitern.