VCI-Zukunftsstudie mit fünf Szenarien
Wie die deutsche Pharma-Industrie bis 2045 wachsen kann
Eine Studie des VCI entwirft fünf mögliche Zukunftsbilder für die Chemie-, Pharma- und Biotechindustrie in Deutschland. Die Szenarien skizzieren Angriffspunkte, die mit der richtigen Herangehensweise dafür sorgen, dass die deutsche Industrie bis 2045 wieder floriert.
Es sind keine einzelnen Faktoren, die die zukünftige Entwicklung der Pharma- und Chemieindustrie bestimmen, sondern ein Zusammenspiel aus verschiedenen Wirkdimensionen.
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Die vom VCI beim
Beratungsunternehmen Prognos aufgegebene Studie basiert auf einer explorativen
Szenarioanalyse. Dies ist ein Instrument der Zukunftsforschung, mittels dem
mehrere plausible Entwicklungspfade aufgezeigt werden, anstatt eine konkrete Zukunft
vorherzusagen. Ausgangspunkt für die Entwicklungspfade ist eine systematische
Umfeldanalyse, aus der zentrale Schlüsselfaktoren wie Ressourcenverfügbarkeit,
Transportinfrastruktur oder Erwerbsbevölkerung abgeleitet werden. Für diese
Faktoren hat ein Gremium von Expertinnen und Experten unterschiedliche,
datenbasierte Projektionen entwickelt und anschließend zu konsistenten
Szenarien kombiniert. Die so entstehenden Zukunftsbilder sind bewusst als
Denkmodelle angelegt und können – müssen aber nicht – eintreten.
Das erste Szenario
mit dem Namen „Lange Bank“ könnte auch als „weiter so“ betitelt werden, denn
darin bleibt der notwendige Strukturwandel weitgehend aus. Die Folge ist eine
stagnierende Entwicklung der Chemie-, Pharma- und Biotechindustrie mit
sinkender Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit. Fehlende Reformen und
ungünstige Rahmenbedingungen führen dazu, dass die Branche ihre Rolle als
Treiber industrieller Wertschöpfung nur noch eingeschränkt erfüllen kann.
Das zweite Szenario
„Ökoliberale Wende“ beschreibt eine Zukunft, die von unternehmerischer
Freiheit, ökologischer Zielsetzungen und Eigenverantwortung dominiert ist. Für
die Chemie-, Pharma- und Biotechindustrie bedeutet dies ein starkes Wachstum
und viele Technologie, die von der Forschung in den industriellen Maßstab übergehen.
Grund dafür sind unter anderem abgebaute Bürokratie, konsequente
Digitalisierung und die Defossilisierung als Möglichkeit Lieferketten
unabhängiger zu machen. Die Branche entwickelt sich zu einem florierenden
Sektor, der neue Technologien und nachhaltige Geschäftsmodelle erfolgreich in
den Markt bringt.
Im dritten
Szenario „Europäischer Frühling“ profitiert die Industrie von einer stärkeren
gemeinsamen europäischen Wirtschaftspolitik. Ausgelöst wurde dies von geopolitischen
Zwängen und dem Wunsch, insbesondere von den USA und China unabhängig zu sein.
Die Chemie-, Pharma- und Biotechbranche agiert auf globalem Spitzenniveau und
wird zu einem zentralen Pfeiler wirtschaftlicher Stärke und technologischer
Souveränität, unter anderem durch die gestiegene Nachfrage im Binnenmarkt.
Allerdings haben das Streben nach dem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und der
dadurch bedingte Ausbau der Infrastruktur, das Erreichen der Klimaneutralität
nach hinten geschoben.
Das vierte Szenario
„Resilienzparadigma“ ist geprägt von einem Umfeld erhöhter Unsicherheiten und
Ressourcenknappheit. Die Branche richtet sich stärker auf
Versorgungssicherheit, Robustheit und strategische Schlüsseltechnologien aus.
Chemie, Pharma und Biotech entwickeln in diesem Szenario dringend benötigte Methoden
und Technologien für die Bereiche Klimaschutz, Gesundheit und
sicherheitsrelevante Anwendungen.
Im fünften Szenario
„Mission 2045“ gelingt ein koordinierter Transformationsprozess, in dem
Industrie, Forschung, Politik und Gesellschaft eng zusammenarbeiten. Die
Chemie-, Pharma- und Biotechbranche entwickeln sich zu einem zentralen Motor der
Industrie und tragen maßgeblich zu nachhaltigem Wachstum und technologischer
Erneuerung bei. Möglich ist das, durch eine positive Aufbruchstimmung mit dem
Willen zur Veränderung und diese durch konkrete Maßnahmen herbeizuführen –
nicht nur durch politische Initiativen, sondern auch durch Kooperationen von
Zivilgesellschaft und Unternehmen.
Lehren für die Zukunft
Auch wenn
keines der fünf Szenarien den Anspruch hat, die Zukunft vorherzusagen, lassen
sich aus ihnen zumindest zentrale Lehren für den Industriestandort Deutschland
ableiten. Dabei sind es keine einzelnen Faktoren, die die zukünftige
Entwicklung bestimmen, sondern ein Zusammenspiel aus verschiedenen
Wirkdimensionen und Schlüsselfaktoren. Dafür hat die Studie szenarioübergreifend
zehn Handlungsfelder identifiziert, die das Planen einer positiven Zukunft für
den Industriestandort Deutschland ermöglichen:
- Innovieren
statt bewahren
- Wettbewerbsfähigkeit
wiederherstellen
- Umsetzen
beschleunigen
- Ein
belastbares Innovationszielbild entwickeln und mit Durchhaltevermögen umsetzen
- Neue
Finanzierungsmodelle und verlässliche Märkte
- Neues Wissen
generieren, schützen und in globale Wertschöpfung überführen
- Engpässe und
Hürden reduzieren, Überregulierung von Technologien drastisch reduzieren
- Digitale Infrastrukturen
weiter ausbauen
- Erhalt und
Ausbau der Wertschöpfungstiefe
- Bildung und
Wirtschaft enger vernetzen