Pillen aus Papiersack gedrückt von zackigem roten Pfeil nach oben

Insbesondere für Generika-Hersteller sind Produktions- und Logistikkosten zuletzt deutlich gestiegen. (Bild: freshidea – Adobe Stock)

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfARM) stellt unter pharmanet.bund eine Liste bereit, die die betroffenen Medikamente anzeigt.

Darunter sind neben OTC-Arzneimitteln auch verschreibungspflichtige Medikamente – und damit zahlreiche essenzielle beispielsweise gegen Infektionskrankheiten, Krebs oder auch Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose oder Morbus Crohn. Fast ausnahmslos handelt es sich um chemisch synthetisierte Generika, also Medikamente, deren Patentschutz abgelaufen ist und die nun von zahlreichen Herstellern produziert und vertrieben werden. Biologika sind noch nicht betroffen.

Für viele lassen sich zwar äquivalente Präparate mit demselben Wirkstoff von anderen Herstellern beschaffen, oder Ersatzpräparate mit ähnlichen Eigenschaften aus derselben Arzneimittelklasse finden. Und doch weisen die Engpässe auf ein größeres Problem hin. Wie groß es ist, zeigt der Blick auf die medizinische Bedeutung der Generika: Sie erbringen mindestens 95 % des pharmakologischen Basisnutzens. In Deutschland sind über 80 % aller verkauften Arzneimitteldosen Generika.

Wie alle Unternehmen können Generika-Hersteller Arzneimittel nur dann produzieren und von Asien oder Osteuropa zu uns transportieren lassen und an die Grossisten verkaufen, wenn die Gesamtkosten dafür unter dem Abgabepreis an die Großhändler liegen. Ansonsten verlieren die Hersteller Geld. Dies scheint nun bereits zu Produktionseinschränkungen zu führen. Warum sind Produktion- und Logistikkosten so stark angestiegen?

Globale Angebotskrise

Schon die Finanzkrise und die Covid-bedingten Lockdowns haben die globalen Lieferketten unterbrochen. Das hochkomplexe Netz der globalen Arbeitsteilung bei der Produktion und Verteilung von Gütern wurde empfindlich gestört. Schon dies hat zu einer Angebotskrise geführt, wie wir sie seit dem Ende des zweiten Weltkrieges nicht mehr gesehen haben: Es wird deutlich zu wenig produziert, um die globale Nachfrage zu decken. Es fehlen chemische Vorstufen von Wirkstoffen und für die Produktion wichtige Maschinenteile oder diese sind zu teuer geworden. Die Unternehmen produzieren deutlich weniger Güter und Dienstleistungen.

Diese Krise hat sich seit Februar 2022 mit dem Ukrainekrieg noch einmal verschärft, weil die Energiepreise durch den Ausschluss russischer Energieträger aus dem westlichen Markt die Preise für die Produktion aller Güter hochgetrieben hat. Dies gilt nicht nur für Europa, sondern aufgrund des globalen Charakters der Energiemärkte für die ganze Welt. Diese Preiserhöhungen führen zu einem drastischen Anstieg der Produktions- und Transportkosten für alle Güter. Durch die zunehmende Unsicherheit nach den Terroranschlägen auf Infrastruktur der letzten Monate steigen auch die Versicherungskosten für die Schifffahrt, so dass die Logistikkosten insgesamt stark ansteigen.

Ein weiterer Preisauftriebsmechanismus, von dem Medikamente wie viele andere Waren betroffen sind, ist die allgemeine Inflation, die sich aus der Geldproduktion der Zentralbanken ergeben hat. Trotz Gegenmaßnahmen wird der Preisauftrieb weitergehen, weil nach wie vor viel zu viel Geld zirkuliert, das ausgegeben werden will – doch die Waren fehlen.

Generika- und OTC-Hersteller besonders betroffen

Von diesen durch Angebotsschock, Logistikkostenanstieg und allgemeine Inflation verursachten Preissteigerungen sind die Generikahersteller besonders betroffen, weil bei ihnen die Produktions- und Logistikkosten als Anteil der Abgabepreise viel stärker ins Gewicht fallen als bei den Herstellern von Originalpräparaten. Während bei diesen der Anteil der Herstellung vor der Krise sich je nach Produkt auf 5 bis 15 % der Abgabepreise belief, mussten Generikahersteller dafür über 40 % ausgeben.

Genaue Zahlen liegen noch nicht vor, doch dürfte der Anteil der Produktions- und Logistikkosten in einigen Fällen nun so deutlich gestiegen sein, dass sich die Produktion nicht mehr lohnt. Was können die Hersteller tun? Bei den OTC kann auf der Kostenseite kaum gespart werden, aber hier wird die Verknappung von allein zu einem Anstieg der Preise führen, da dies ja Marktpreise sind. Da es weltweit keinen absoluten Energiemangel, sondern lediglich einen Preisanstieg für fossile Brennstoffe gibt, wird der Preis so lange steigen, bis Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht sind. Kein OTC-Medikament ist lebenswichtig, weshalb die Nachfrage elastisch ist. Daher kann es auch sein, dass die Konsumenten ab einem gewissen Preis nicht mehr nachfragen, so dass im neuen Gleichgewicht einige OTC-Klassen ausfallen könnten.

Im Generikabereich sieht es anders aus. Hier gibt es einerseits nicht genug Einsparpotenzial, um den Preisanstieg bei Produktion und Logistik zu kompensieren. Bleibt noch, die erhöhten Kosten an die Kunden weiterzugeben, was bei Gütern mit geringer Preiselastizität wie Lebensmitteln oder essenziellen Medikamenten theoretisch möglich ist: Wenn man auf etwas nicht verzichten kann, muss man es kaufen, auch wenn es teurer wird. Allerdings sind in allen OECD-Ländern die Preise für verschreibungspflichtige Generika reguliert, um bei der Basisversorgung der Bevölkerung die Kosten unter Kontrolle zu halten. In Deutschland beispielsweise gibt es vom Gemeinsamen Bundesausschuss und der GKV festgelegte Festpreise und zusätzlich Rabattverträge der großen GKVen mit den Pharmaherstellern. In anderen OECD-Ländern finden sich vergleichbare Systeme.

Die Folgen für das Marktgeschehen sind ähnlich. Es gibt keine spontane Preisbildung, die Preise können nicht aufgrund der Marktmechanismen von allein variieren. Diese Struktur entstand in einem Markt im Gleichgewicht und ohne nennenswerte Inflation. In der Vergangenheit ließ sich mit diesem planwirtschaftlichen Ansatz tatsächlich ein Interessenausgleich zwischen Pharmaherstellern, Kostenträgern und den Versorgungseinrichtungen des Gesundheitswesens schaffen. Doch der Mechanismus ist langsam. Auf eine Angebotskrise wie die, die sich gerade abzeichnet, lässt sich damit nicht schnell reagieren. Generikahersteller sehen sich außerstande, die Preise rasch genug zu erhöhen. Um bei bestimmten Produktlinien keine Verluste zu machen, wird die Produktion eingestellt oder reduziert.

Was kann man tun?

Das Bundesgesundheitsministerium plant derzeit, ein Generika-Gesetz auf den Weg zu bringen. Zusammengefasst geht es nicht nur darum, die Produktion nach Europa zurückzuholen, sondern auch darum, dass es weiterhin attraktiv sein muss, Arzneimittel mit kleiner Marge nach Deutschland zu verkaufen. Noch ist der genaue Inhalt des Gesetzes unklar. Aber das Ziel sollte sein, Preissteigerungen im Generikabereich zuzulassen, um sicherzustellen, dass sich die Produktion wichtiger Basismedikamente wieder lohnt. Dies kann durch einen Dialog der Hersteller mit den staatlichen Akteuren erreicht werden, bei dem die Mechanismen der Preisbildung transparent gemacht werden.

Im Vereinigten Königreich sind solche Mechanismen längst institutionalisiert und für Krisenzeiten sicherlich auch geeignet. Damit einher gehen steigende Kosten für die Gesundheitsversorgung. Will die Gesellschaft beziehungsweise die Versicherten dies nicht mittragen, müssen die gestiegenen Arzneimittelkosten anderweitig ausgeglichen werden. Eine Reduktion der Leistungsbreite und -tiefe der Krankenversorgung in der Krise wäre dann nicht vollständig vermeidbar. Auf Dauer aber kann es nur durch eine Verbesserung des Angebots und ein Ende der Inflation zu einer Normalisierung kommen.

fast leeres Medikamentenlagerregal
Eine Verknappung von OTC-Medikamenten hat in den USA bereits zu leeren Regalen geführt. (Bild: Julia – Adobe Stock)

Entscheider-Facts

  • Global steigendende Produktionskosten führen seit Monaten zu Engpässen bei verschiedenen Arzneimitteln.
  • Dies betrifft besonders Hersteller von Generika, wo steigende Produktions- und Logistikkosten verstärkt ins Gewicht fallen.
  • Mögliche Gegenmaßnahme wäre eine schneller reagierende Regulierung der festgelegten Preise für Generika.

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